Ein Gastkommentar von Nabi Yücel
Wieso nehme ich eigentlich Israel als Bezugspunkt zur Bewertung einer Kampfdrohne? Weil Israel neben der Türkei im Nahen Osten die Regionalmacht teilt, teilen muss und daher jede Bewegung der Türkei systematisch analysiert.
Gerade deshalb ist es bemerkenswert, wie sich derzeit israelische Verteidigungsanalysten zurückhaltend aber sachlich äußern. Man spricht erstaunlich wenig über den KAAN. Nicht, weil er unbedeutend wäre, sondern weil erfahrene Militäranalysten wissen, dass der eigentliche Test noch gar nicht begonnen hat. Denn der P1 rollt und fliegt derzeit nicht wie der „Demonstrator“.
Und dennoch verändert bereits sein bloßes Erscheinen die strategische Wahrnehmung im Nahen Osten. Während viele Kommentatoren in sozialen Medien über die Form der Lufteinlässe oder den Tarnanstrich diskutieren, beschäftigen sich Militärplaner mit einer ganz anderen Frage: Was passiert, wenn die Türkei in zehn Jahren oder weniger tatsächlich alle Kerntechnologien selbst vollständig beherrscht? Genau diese Frage beschäftigt israelische Fachkreise weit mehr als das heutige Rollvideo des P1 – denn der P1 ist kein Demonstrator (P0) mehr.
Der erste Prototyp (P0) hatte eine relativ einfache Aufgabe: Kann das Flugzeug fliegen? Mehr nicht. Der P1 verfolgt dagegen ein völlig anderes Ziel. Er ist der erste Prototyp, der die spätere Serienmaschine wesentlich realistischer repräsentiert. Sichtbar sind überarbeitete Lufteinläufe, Änderungen an Bug und Fahrwerk sowie Vorbereitungen für die Integration von Sensorik und Missionssystemen. Parallel entsteht bereits der Prototyp P2, um die Flugerprobung zu beschleunigen.
Das klingt zunächst unspektakulär. Ist es aber nicht. Denn jedes moderne Kampfflugzeug besteht heute nur noch zu einem kleineren Teil aus Aluminium, Titan oder Verbundwerkstoffen. Der eigentliche Kampf findet in Software, Sensorfusion und elektronischer Kriegführung statt und die türkische Rüstungsindustrie wetteifert darum, so schnell wie möglich Ergebnisse vorzuweisen.
Was kann der P1 heute tatsächlich?
Hier muss sauber zwischen bestätigten Fakten und Erwartungen unterschieden werden.
Bestätigt
- seriennähere Flugzelle
- zwei GE-F110-Triebwerke
- Vorbereitung für das nationale MURAD-AESA-Radar
- Integration des künftigen elektrooptischen Systems
- neue Sensoröffnungen
- Vorbereitung für elektronische Kampfführung
Noch nicht nachgewiesen
- vollständige Sensorfusion
- ausgereifte elektronische Kampfführung
- vollständiges IRST/DAS-System
- Supercruise
- einsatzreife Stealth-Leistung
- vollständige Waffenintegration
- heimisches TF35000-Triebwerk
Genau deshalb reagieren israelische Analysten bislang bemerkenswert nüchtern. Niemand unterschätzt das Projekt.
Wo könnte KAAN eines Tages gefährlich werden?
Interessanterweise nicht dort, wo viele vermuten. Nicht Geschwindigkeit. Nicht Gipfelhöhe. Nicht Wendigkeit. Diese Eigenschaften entscheiden seit Jahren kaum noch Luftkämpfe. Heute gewinnt meist derjenige, der den Gegner zuerst entdeckt, ihn zuerst klassifiziert, ihn zuerst elektronisch stört und zuerst schießen kann. Hier liegt die eigentliche Zukunft des KAAN.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

