Ein Gastbeitrag von Özgür Çelik
Als der kanadische Premierminister Mark Carney im Januar in Davos vor den versammelten Mittelmächten warnte, wer sich vom Verhandlungstisch fernhalte, lande am Ende auf der Speisekarte, klatschten viele.
Der Satz traf einen Nerv, weil er eine reale Angst aussprach, die von Brüssel bis Neu-Delhi, von Tokio bis Brasília zirkuliert: die Angst, in einer Welt der Großmächte zum bloßen Verhandlungsgegenstand zu werden. Die Antwort, die seitdem in jedem zweiten Strategiepapier auftaucht, klingt verführerisch einfach.
Die Mittelmächte müssten sich zusammenschließen, „gleichgesinnte Partner“ finden, einen Gegenpol bilden. Nur wenige Tage nach seiner Rede in Davos saß Carney selbst in Peking und handelte eine Senkung kanadischer Zölle auf chinesische Elektrofahrzeuge gegen Erleichterungen beim Rapsexport aus. Der Prophet der Mittelmächtekooperation widerlegte seine eigene Predigt, noch bevor er sie gehalten hatte. Und er stand damit nicht allein.
Diese kleine Episode ist mehr als eine Anekdote. Sie ist der Schlüssel zu einem viel größeren Irrtum, der die gegenwärtige Debatte über die Weltordnung durchzieht, und der sich an drei Fronten gleichzeitig zeigt: bei den Mittelmächten, die von Koalition träumen, bei den einst „aufstrebenden“ Großmächten, die gar nicht mehr aufsteigen, und bei minilateralen Formaten wie dem QUAD (Quadrilateral Security Dialogue), die als Lösung verkauft werden, obwohl sie selbst nur Symptom sind.
Die Bilanz der Mittelmächtekooperation ist eine Geschichte des Scheiterns
Man muss sich nur die jüngste Vergangenheit ansehen, um zu erkennen, wie brüchig der kooperative Reflex tatsächlich ist. Als Impfstoffe während der Pandemie knapp wurden, hielt die Solidarität kaum ein paar Wochen. Die EU führte Exportkontrollen ein, Indien stoppte als „Apotheke der Welt“ seine Lieferungen, sobald die eigene zweite Welle kam.
Als Donald Trumps „Liberation Day“-Zölle im April 2025 fast alle Handelspartner gleichzeitig trafen – genau jene Art von Schock, die eine koordinierte Antwort provozieren sollte –, suchte am Ende jedes Land seinen eigenen, einsamen Weg nach Washington. Niemand rief in Brüssel, Tokio oder Seoul an. Man rief im Weißen Haus an und verhandelte allein.
Die nüchterne Erklärung dafür liefert eine schlichte Machtarithmetik: Die Welt ist nicht multipolar, sie ist hierarchisch. Oben stehen zwei Supermächte, darunter ein weites Feld kleinerer und mittlerer Akteure. Der Abstand zwischen den beiden Großen und dem Rest ist so enorm, dass selbst die breiteste denkbare Koalition von Mittelmächten keinen eigenen Pol bilden könnte.
Und je größer eine solche Koalition würde, desto schwerer ließe sie sich zusammenhalten – vor allem, weil ihr der eine entscheidende Bestandteil fehlt: ein Anker, der bereit wäre, die Kosten der Führung zu tragen. Selbst jene minilateralen Formate, die tatsächlich funktionieren, funktionieren nicht, weil Mittelmächte plötzlich gelernt hätten, sich selbst zu organisieren, sondern weil eine Großmacht im Hintergrund Halt gibt.
Doch wer daraus schließt, die einzig realistische Alternative sei bedingungslose Anlehnung an einen Schutzherrn, geht seinerseits zu weit. Was zwischen Mittelmächten tatsächlich entsteht, ist weder Koalition noch Lagerbindung, sondern etwas Drittes, viel Nüchterneres: punktuelle Konvergenz. Man betrachte das Verhältnis zwischen Indien und Europa.
Im Januar schlossen beide Seiten ein Freihandelsabkommen und eine Sicherheitspartnerschaft. Europäische Rüstungsgüter verdrängen russische aus Teilen des indischen Auftragsbuchs. Beide Seiten wollen einen freieren Indopazifik und weniger Abhängigkeit von China.
Und doch wird Indien sich niemals von Moskau distanzieren, nur weil Brüssel es sich wünscht, und es betrachtet China als Grenzmacht und militärischen Gegner, während Europa in Peking vor allem ein Handels- und Technologieproblem sieht. Tiefe Zusammenarbeit und ungelöste Gegensätze bestehen im selben politischen Paket – Zeile für Zeile verhandelt, niemals als Block verankert.
Das ist die eigentliche Signatur unserer Zeit: ein Interregnum, in dem die alte Ordnung formal noch gilt, aber längst nicht mehr bindet, während eine neue nirgends in Sicht ist. Solche Übergänge erzeugen tatsächlich Konvergenzen – mehrere Staaten erkennen im selben Chaos gleichzeitig, dass Diversifizierung besser ist als Abhängigkeit. Aber Konvergenz ist kein Bündnis. Sie hält, solange die Umstände halten, und verpflichtet niemanden zu etwas.
Warum niemand mehr aufsteigt
Diese Ernüchterung über die Mittelmächte trifft auf eine noch größere Verschiebung, die selten in ihrer vollen Tragweite erkannt wird: Das Zeitalter der aufstrebenden Großmächte, dass die Weltpolitik seit über zweihundert Jahren geprägt hat, geht zu Ende.
Seit der Industriellen Revolution konnten Staaten Wohlstand, Bevölkerung und militärische Stärke gleichzeitig steigern, eine Dynamik, die es zuvor nie gegeben hatte und die Preußen, das industrielle Amerika, Japan und später China nacheinander in den Kreis der Großmächte katapultierte. Genau diese Dynamik erlahmt nun in einem historisch beispiellosen Ausmaß.
Die Produktivität stagniert weltweit, die technologischen Sprünge der letzten Jahrzehnte verändern das tägliche Leben bei Weitem nicht so radikal wie Eisenbahn, Elektrizität und Kanalisation es einst taten. Selbst von der künstlichen Intelligenz erwarten die meisten seriösen Schätzungen keinen revolutionären Wachstumsschub, sondern allenfalls einen zusätzlichen Prozentpunkt jährlich, zu wenig, um die demografische Talfahrt der großen Volkswirtschaften auszugleichen.
Und diese Talfahrt ist real: Fast zwei Drittel der Menschheit leben inzwischen in Ländern mit Geburtenraten unterhalb des Reproduktionsniveaus. China verliert in den kommenden 25 Jahren rechnerisch mehr Arbeitskräfte, als die gesamte Europäische Union heute beschäftigt. Japan, Russland, Italien, Deutschland, überall schrumpfen die Erwerbsbevölkerungen, während die Zahl der Rentner explodiert.
Selbst der dritte klassische Weg zur Macht, die territoriale Eroberung, ist heute mit Atomwaffen, Präzisionswaffen und Drohnen so risikoreich geworden, dass selbst kleine Milizen ganze Panzerkolonnen lahmlegen können.
China, der letzte große Aufsteiger dieser Ära, erreicht bereits seinen Zenit. Sein Wachstumsmodell beruht auf drei riskanten Wetten: dass Bruttoproduktion wichtiger sei als tatsächlicher Ertrag, dass einzelne Vorzeigebranchen eine ganze Volkswirtschaft tragen könnten, und dass Autokratie mehr Dynamik erzeuge als demokratischer Wettbewerb.
Alle drei Wetten erzeugen beeindruckende Fassaden, und darunter wachsende Lasten: eine implodierte Immobilienbranche, die Millionen Familien ihr Erspartes gekostet hat, eine Jugend, von der ein Drittel keinen Schulabschluss besitzt, ein Rentensystem, das binnen weniger Jahre austrocknet.
Die Sowjetunion baute in den 1970er- und 1980er-Jahren mit ganz ähnlichem Ehrgeiz Raumfahrtprogramme und Rüstungsindustrien auf, und ging trotzdem nicht an fehlenden Prestigeprojekten zugrunde, sondern an der verrottenden Substanz darunter. Die Parallele ist unbequem, aber sie drängt sich auf.
Indien, dem viele die Rolle des nächsten Aufsteigers zuschreiben, hat zwar noch eine wachsende junge Bevölkerung, aber es fehlt an Bildung, an verarbeitender Industrie, an Infrastruktur, um daraus wirklich Staatsmacht zu formen. Die Vereinigten Staaten wiederum profitieren nicht davon, selbst außergewöhnlich stark zu sein, sondern davon, dass praktisch jeder Rivale schneller altert, tiefer verschuldet ist oder strukturell schwächer bleibt. Es ist kein Triumph amerikanischer Erneuerung, sondern das Ergebnis einer Welt, in der die Konkurrenz noch schneller erlahmt.
Was daraus folgt, ist keine multipolare Konzertordnung mehrerer gleichberechtigter Mächte, sondern etwas Nüchterneres und potenziell Gefährlicheres: ein geschlossener Klub alternder Platzhirsche, umgeben von einem Feld aus Mittelmächten, Entwicklungsländern und zerfallenden Staaten.
Die kurzfristigen Risiken dieser Übergangsphase sind erheblich – stagnierende Mächte, die aus Furcht vor dem eigenen Abstieg zu Revisionismus und Aufrüstung greifen, brüchige Staaten, die unter Schuldenlast und Jugendarbeitslosigkeit zusammenbrechen, Demokratien, die von innen erodieren.
Aber die langfristige Aussicht muss nicht zwangsläufig düster sein: Eine Welt ohne Aufsteiger könnte auch von genau jenem Muster verschont bleiben, das in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten die verheerendsten Kriege der Geschichte ausgelöst hat, dem gewaltsamen Zusammenprall einer aufsteigenden mit einer etablierten Macht.
Der QUAD als Symptom, nicht als Lösung
Genau in diesem Zwischenraum – zwischen einer erschöpften alten Ordnung und einer nichtexistierenden neuen – lässt sich am besten erklären, warum minilaterale Formate wie der Quadrilaterale Sicherheitsdialog zwischen den USA, Japan, Australien und Indien seit mehr als fünfzehn Jahren gleichzeitig an Bedeutung gewinnen und strukturell folgenlos bleiben.
Offiziell dient der QUAD dem Klimaschutz, der maritimen Sicherheit, der Gesundheitspolitik. Tatsächlich existiert er, weil vier ungleiche Partner ein einziges gemeinsames Interesse teilen: den Aufstieg Chinas und die damit verbundene Infragestellung amerikanischer Vorherrschaft in der Region einzuhegen. Bezeichnenderweise taucht China in keinem offiziellen Kommuniqué des Formats namentlich auf – ein diplomatisches Schweigen, das die eigentliche Funktion des Bündnisses nur umso deutlicher macht.
Doch selbst dieser kleinste gemeinsame Nenner trägt kaum. Indien, ohne dass der QUAD keinen eigenständigen Wert hätte, verweigert sich seit jeher jeder militärischen Zuspitzung gegen China, verurteilt Russlands Angriffskrieg nicht und verfolgt für den Indopazifik ein deutlich inklusiveres Konzept als seine drei Partner.
Japan und Australien wiederum, seit den 1950er-Jahren fest an die amerikanische Sicherheitsgarantie gekettet, treibt vor allem die Furcht, als schwächerer Bündnispartner allein gelassen zu werden. Der QUAD ist also kein Ausdruck neu gewonnener Handlungsfähigkeit der Mittelmächte, sondern das Eingeständnis Washingtons, seine eigene Vormachtstellung im Indopazifik nicht mehr allein sichern zu können.
Das eigentliche Problem liegt tiefer: Der QUAD bietet keine Antwort auf das strukturelle Problem der rivalisierenden Machtansprüche zwischen den USA und China, er ist lediglich eine institutionelle Reaktion darauf.
Ein Format, das im Kern auf einer Nullsummenlogik beruht – amerikanische Vorherrschaft gegen chinesischen Hegemonialanspruch –, kann per Definition keine Ordnung stiften, die über den engen Kreis seiner Mitglieder hinaus akzeptiert würde. Genau deshalb bleibt der QUAD, was er von Anfang an war: nicht die Lösung für regionale Instabilität, sondern ihr sichtbarstes Symptom.
Die Fassaden, ein Muster
Betrachtet man die Entwicklung der internationalen Politik als Ganzes, zeigt sich immer wieder dasselbe Grundproblem: Die öffentliche Debatte verwechselt kurzfristige Dynamik mit langfristiger Struktur.
Aus zeitweiligen Interessengemeinschaften werden vorschnell dauerhafte Bündnisse konstruiert, aus momentanen Schwächephasen einzelner Mächte eine neue Weltordnung abgeleitet und aus punktuellen Kooperationen eine Stabilität herausgelesen, die der politischen Realität nicht standhält. Was auf den ersten Blick wie eine neue Ordnung erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen häufig als Momentaufnahme – geprägt von wechselnden Interessen statt von dauerhaftem Gleichklang.
Was bleibt, ist eine nüchterne Lehre für jeden, der heute Außenpolitik betreiben will, ob in Berlin, in Ankara oder in Neu-Delhi: Weniger träumen, mehr rechnen. Kooperation so nehmen, wie sie tatsächlich kommt – intensiv, aber punktuell, von Thema zu Thema, ohne Bedauern auslaufend, wenn sich das Blatt wendet.
Die alten Blaupausen einer regelbasierten, multilateral verankerten Weltordnung mögen als Sehnsucht fortbestehen. Als Strategie sind sie am Ende das, was Carneys Reise nach Peking eine Woche nach seiner Rede in Davos bereits vorgeführt hat: Nostalgie, verkleidet als Prinzip.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor
Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland.

