Damaskus – In einem historisch beispiellosen Prozess hat ein syrisches Gericht in der Hauptstadt Damaskus den gestürzten Präsidenten Baschar al-Assad in Abwesenheit zum Tode verurteilt.
Das Urteil, das live im syrischen Staatsfernsehen verlesen wurde, markiert einen tiefgreifenden juristischen und politischen Wendepunkt in der Aufarbeitung des jahrzehntelangen Baath-Regimes. Es ist das erste Mal in der jüngeren Geschichte der Region, dass ein gestürztes Staatsoberhaupt von der eigenen Justiz wegen systematischer Staatsverbrechen zur Höchststrafe verurteilt wurde.
Dem ehemaligen Diktator sowie den führenden Köpfen seines militärischen und geheimdienstlichen Machtapparats wurden vorsätzlicher Mord an unzähligen Bürgern, systematische Folter, willkürliche Inhaftierungen sowie schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last gelegt.
Die Richter sahen es als erwiesen an, dass der Staatsapparat unter Assad über 14 Jahre hinweg als Tötungsmaschinerie gegen die eigene Bevölkerung missbraucht wurde.
Die historische Rolle von Atef Nadschib
Neben Baschar al-Assad wurden auch sein Bruder Mahir al-Assad, der berüchtigte Kommandeur der gefürchteten 4. Division, sowie sein Cousin Atef Nadschib zum Tode verurteilt. Ihnen wird die direkte Verantwortung für die Planung und Durchführung von Massakern an Zivilisten sowie Folter mit Todesfolge zugeschrieben.
Nadschib, der ehemalige Geheimdienstchef der Provinz Daraa, nimmt in der Geschichte des Konflikts eine Schlüsselrolle ein. Er hatte im Jahr 2011 die Verhaftung und brutale Folter von Schulkindern angeordnet, die Anti-Regime-Graffiti an Wände gesprüht hatten.Diese Tat gilt historisch als der entscheidende Funke, der die landesweiten Massenproteste und den anschließenden, blutigen Bürgerkrieg auslöste.
Warum das Verfahren als historischer Meilenstein gilt
Internationalen Beobachtern zufolge bricht dieses Verfahren mit fast allen bisherigen Mustern der juristischen Aufarbeitung im Nahen Osten und wird deshalb als Meilenstein eingestuft.
Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass das Urteil durch die eigene, nationale Justiz gefällt wurde. Im Gegensatz zu Diktatoren wie Slobodan Milošević oder Charles Taylor wird Assad nicht vor einem internationalen Tribunal in Den Haag zur Rechenschaft gezogen, sondern von einem ordentlichen Gericht im eigenen Land.
Während beispielsweise Saddam Hussein im Jahr 2006 unter dem direkten Einfluss einer US-geführten Besatzung verurteilt wurde, handelt es sich hierbei um ein eigenständiges Verfahren einer souveränen syrischen Übergangsregierung.
Zudem zeigt sich die Einzigartigkeit darin, dass kein vorheriger Verhandlungsfrieden geschlossen wurde. Häufig enden langjährige Bürgerkriege mit Amnestien und Straffreiheit für die Machthaber, um den Frieden politisch zu erkaufen. Das neue syrische Gericht bricht radikal mit dieser Praxis und zieht die Führung bedingungslos strafrechtlich zur Verantwortung.
Damit liegt auch ein juristisches Novum in Syrien vor, da es das erste Mal seit dem Machtantritt der Assad-Dynastie im Jahr 1970 ist, dass die Verbrechen des Regimes offiziell von einem syrischen Richter als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft wurden.
Dabei beschränkte sich der Prozess nicht nur symbolisch auf das Staatsoberhaupt, sondern zog zeitgleich die gesamte operative Spitze aus Militär und Geheimdienst als kollektive Tötungsmaschinerie zur Verantwortung.
Politische Signalwirkung trotz russischem Asyl
Während das Urteil in den Straßen von Damaskus von der Bevölkerung mit großer Erleichterung und spontanen Feierlichkeiten aufgenommen wurde, bleibt die Vollstreckung gegen die Hauptbeschuldigten vorerst theoretischer Natur. Baschar al-Assad und sein engster Zirkel waren nach dem endgültigen Kollaps des Regimes im Dezember 2024 nach Russland geflohen.
Da sich Assad weiterhin unter dem Schutz des Kremls in Moskau aufhält und die russische Führung jede Kooperation verweigert, gilt eine Auslieferung an die neue syrische Übergangsregierung unter Präsident Ahmed al-Scharaa auf absehbare Zeit als ausgeschlossen.
Internationale Beobachter, Rechtsexperten und Menschenrechtsorganisationen werten den Richterspruch dennoch als ein immens wichtiges Signal gegen die Straflosigkeit im Nahen Osten.
Auch wenn die Täter der physischen Vollstreckung der Strafe in ihrem russischen Exil entgehen, schafft das Urteil ein offizielles, unumstößliches juristisches Fundament für die unzähligen Opfer. Es dokumentiert die Gräueltaten des Regimes völkerrechtlich und brandmarkt die geflüchtete Führungsriege für den Rest ihres Lebens als verurteilte Kriegsverbrecher auf internationaler Bühne.
BREAKING: Ousted Syrian President Bashar Assad and his brother have been sentenced to death in absentia for crimes against humanity and war crimes. https://t.co/Mn9ehVsauD
— The Associated Press (@AP) August 11, 2026

