Gastkommentar
Michael Thomas: „Wir brauchen Israel“

Thomas: „Auf Israel zu verzichten, ist unmöglich.“ Gastkommentar über jüdische Stimmen, berechtigte Kritik und die Notwendigkeit von Dialog.

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Ein Gastkommentar von Michael Thomas

Die ganze Welt arbeitet sich derzeit an Israel ab. Es sind große Emotionen, Empörung, Wut, Hass, Verzweiflung, Leid, Trauer und viele Tränen im Spiel, manchmal in Mischungen, vereinzelt – oder auch alles gleichzeitig.

So ringe auch ich immer wieder um Objektivität, suche nach Fakten jenseits von Gerüchten, Hassreden, Verzerrungen und oft fällt das Navigieren im Mediendickicht nicht leicht. Aber Fakten allein reichen schon lange nicht mehr aus. Deshalb versuche ich es jetzt einmal mit einem Essay. Dialoge, die diese Bezeichnung verdienen, werden weniger.

Jetzt ist nach langer Zeit extrem einseitiger, pro-israelischer und leider sehr häufig tendenziöser Artikel der Zeitung „Jüdische Allgemeine Zeitung“ allerdings ein Interview gelungen, das mich seltsam berührt hat.

Ich selber ecke oft an und die Anlässe, zu denen ich von meist extremistischen Juden, Israelis und Zionisten wütend als „Antisemit!“ bezeichnet wurde, kann ich schon lange nicht mehr zählen. Dabei habe ich niemals eine Gelegenheit verpasst, meiner Überzeugung Ausdruck zu verleihen, dass die Welt ein Israel braucht.

Daran habe ich, heute Mitte 60, schon als Teenager geglaubt, aber ich komme ja auch aus einer ganz anderen Ecke als viele. Meine eigene Familie war, obschon nicht jüdisch, sozusagen als „Beifang“ selbst Teil der Verfolgung durch die Nazis. Die Welt schuldet den von ihnen seit Jahrhunderten verfolgten Juden einen sicheren Hafen, eine Zukunft ohne Erschießungskommandos, Scheiterhaufen, Hass und Angst.

Und jetzt lese ich in der „JA“ das Interview mit Frau Yael Reuveny, einer jungen Regisseurin und Israelin. Sie ist so ein Mensch, für den ich mir dies Israel immer gewünscht hatte, denn sie hadert mit ihrem Land und liebt es mindestens so sehr, wie sie es fürchtet und verurteilt. Obschon sie in Deutschland lebt, steht einer ihrer Füße in Israel und so wird sie, ob sie will oder nicht, häufig als Brücke zwischen beiden Ländern betrachtet und behandelt.

Reuveny zieht ein paar humorige und etwas ernstere Vergleiche zwischen israelischen, den „neuen“, und den deutschen, den „alten“ Juden, aber damit zeigt sie auf sehr wohltuende, wichtige Weise, dass es diesen einen, „den Juden“, gar nicht gibt. Nicht in Israel und nicht in Deutschland. Sie verleiht deutschen Juden dadurch indirekt eine eigene Stimme, Meinung, Sichtweise und Auffassung zu alledem, was da gerade in und mit Israel geschieht.

Sie sagt einen für mich sehr wichtigen Satz: „Aber viele israelische und nicht-israelische Juden sind jetzt in einer Situation, in der sie etwas repräsentieren oder sich für etwas entschuldigen oder verteidigen, was sie gar nicht verteidigen wollen.“

Wir hören soetwas in Deutschland leider nicht. Für Reuveny mögen diese und ähnliche Gedanken aufgrund ihrer vielen Gespräche, die sie mit israelischen und deutschen Juden führt und geführt hat, von großer Selbstverständlichkeit sein und als Nichtjude kann man ahnen, dass es zwischen ihnen durchaus in vielen Fragen einen möglicherweise sogar grundsätzlichen Dissens gibt, aber wir hören soetwas in Deutschland nicht. Dabei gäbe es ganz genau an dieser Stelle Ansatzpunkte, an denen sich eine pro-palästinensische und pro-israelische Szene berühren kann.

Yael Reuveny steht für ein Israel, das seinen Platz bisher ebensowenig wie einen Ausweg aus seiner heutigen Lage gefunden hat. Ich bin völlig sicher, dass zusammen mit ihr das Problem Israels vielleicht nicht gelöst, zumindest aber benannt werden kann und es wird viele wie sie geben, Juden in und außerhalb Israels, die produktiv reflektieren, aber unter der Realität leiden.

Auf die Frage: „Und wenn einige von ihnen sagen, dass sie innerlich auf Abstand zu Israel gehen?“

Antwortet sie:

„Das kann ich auf eine Weise verstehen, aber dann komme ich nicht umhin, mich verlassen zu fühlen. Israel ist meine Heimat, und ich kann es nicht einfach aufgeben zu versuchen, dieses Land zu einem besseren zu machen. Wenn wir das nicht tun, wird es für uns alle sehr bitter enden.“

Und das tut einem Träumer wie mir gut. Es ist ein wirksamer Satz gegen den Eindruck, dass es kein Zurück, keine Veränderung, keine Zukunft geben kann und nur noch Hoffnungslosigkeit herrscht. Denn wir brauchen Israel. Dies Land, in welchem die durch uns jahrhundertelang Geschundenen endlich sicher vor uns sind.

Ich bin mir nach Lektüre dieses Interviews recht sicher, dass auch ihr ein Land vorschwebt, das weder Kriege noch Hass braucht, sondern ein friedliches Zusammenleben speziell in seiner Nachbarschaft als auch allgemein in der Welt zur Selbstverständlichkeit werden kann – sofern alle, Juden und allerdings, meiner Meinung nach, auch Nichtjuden dabei helfen, dies heutige Israel zu reparieren: „Genau an diesem punkt sind wir Israelis in unserer Beziehung zu den Juden in der Diaspora: Werdet ihr uns helfen, Israel zu »reparieren«?“

Schon immer habe ich mich gegen jede Forderung gestellt, Israel wie einen glücklos geführten Laden zu schließen, es zu zerknüllen wie ein Papier mit einem misslungenen Text und Frau Reuveny ist für mich der lebende Beweis für meine geradezu starrsinnige Haltung, dass erstens nicht jeder Israel ein Jude ist wie jeder andere auch und deshalb zweitens Gehör verdient.

Natürlich ist es nicht nur möglich, sondern geradezu notwendig, Israel zu kritisieren, ohne gleichzeitig ein Judenhasser zu sein. Natürlich kann niemand den augenblicklichen Zustand dieses Landes achselzuckend hinnehmen, um darüber zur Tagesordnung überzugehen. Meine bissigste Kritik trifft immer Fanatiker beider Seiten und die Gleichgültigen.

Ich wiederhole mich gern: Weit jenseits des so häufig geradezu bösartig missbrauchten Begriffs des „Existenzrechts“, das Israel angeblich haben soll und das es gar nicht gibt, hat Israel für mich angesichts des echten Antisemitismus geradezu eine Existenznotwendigkeit. Bisher wurde im „Experiment Israel“ schon viel zu viel zerstört und geschaffen, es wurden viel zu viele Träume bereits zur Welt gebracht und zerquetscht, um entweder einfach so weiterzumachen oder radikal zu beenden.

Die falschesten Sätze, die in unseren Tagen fallen, lauten: „So sind sie, die Juden!“ und „Juden dürfen das!“. Beinahe ist es im Rückblick geradezu unvorstellbar, wie es möglich werden konnte, dass wir heute vor gigantischen Ruinen- und Gräberflächen stehen und beim genaueren Hinschauen verstehen wir, dass keineswegs nur „die Juden“, die es ja gar nicht gibt, sondern auch wir selbst durch Tatenlosigkeit und vergiftete Ideen dazu beigetragen haben. Wenn wir wirklich etwas aus unserer eigenen Geschichte gelernt und daraus einen Ethos gebildet haben wollen, gibt es die Möglichkeit des Nichtstuns nicht.

„Ich möchte keine Jüdin sein in einer Welt, in der es kein Israel gibt. Bei aller Kritik: Auf Israel zu verzichten, ist unmöglich.“

Yael Reuveny hat recht. Packen wirs an. Alle.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor 

Michael Thomas ist Privatier, Fotograf, leidenschaftlich an Ägyptologie und Literatur interessiert, mit der er vor vielen Jahren als Autor regional einige Beachtung fand. Er verfolgt interessiert das Weltgeschehen durch Beobachtung internationaler Presse. Seinen Fokus legt er insbesondere auf die Palästinafrage und auf die islamische Welt.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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