Berlin
„Jüdische Stimme“ darf extremistisch genannt werden

Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg hat entschieden: Der Verein „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ darf im Verfassungsschutzbericht vorerst weiterhin als gesichert extremistisch bezeichnet werden.

Teilen

Berlin – Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg (OVG) hat am 21. September 2026 eine wegweisende Entscheidung im Eilverfahren getroffen:

Das Bundesministerium des Innern darf den propalästinensischen Verein „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost – EJJP e.V. Deutschland“ im Verfassungsschutzbericht vorläufig weiterhin als „gesichert extremistische Bestrebung“ bezeichnen.

Damit kippte die zweite Instanz einen vorherigen Beschluss des Verwaltungsgerichts Berlin. Der Beschluss des OVG ist unanfechtbar.

Gericht sieht Gefährdung der auswärtigen Belange

Gericht sieht Gefährdung der auswärtigen BelangeDas Bundesamt für Verfassungsschutz hatte den Verein bereits im Juli 2024 als gesichert extremistisch eingestuft.

Das Oberverwaltungsgericht begründete die Rechtmäßigkeit dieser Einschätzung im Eilverfahren nun damit, dass bei dem Verein Bestrebungen erkennbar seien, die gegen das friedliche Zusammenleben der Völker gerichtet sind. Durch die Haltung und Handlungen der Organisation sieht das Gericht die auswärtigen Belange der Bundesrepublik Deutschland gefährdet – insbesondere im Hinblick auf Gewaltanwendung oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen.

Damit schloss sich das OVG der Argumentation des Bundesinnenministeriums und der Sicherheitsbehörden an, die dem Verein eine Verharmlosung oder Unterstützung gewaltsamer Aktionen im Kontext des Nahostkonflikts vorwerfen.

Vorinstanz hatte Einstufung noch gestoppt

Mit der Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts nimmt der juristische Streit eine entscheidende Wendung. Im April 2026 hatte das Verwaltungsgericht Berlin (VG) als erste Instanz einem Eilantrag der „Jüdischen Stimme“ noch stattgegeben.

Damals entschieden die Richter, dass das Innenministerium die Bezeichnung im Verfassungsschutzbericht 2024 vorerst streichen müsse, da explizite Gewaltaufrufe oder eine eindeutige Sympathie für die Terrororganisation Hamas nicht mit hinreichender Gewissheit festgestellt werden könnten.

Diese Auffassung wurde nun von der nächsthöheren Instanz verworfen. Das OVG bewertete die vorliegenden Erkenntnisse der Behörden neu und stufte die vorläufige Bezeichnung als rechtmäßig ein.

Juristische und politische Tragweite

Der Verein „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ ist die deutsche Sektion des Netzwerks European Jews for a Just Peace. Die Gruppierung tritt seit langem als scharfer Kritiker der israelischen Regierungspolitik auf und unterstützt unter anderem die BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen).

Mit dem unanfechtbaren Beschluss im Eilverfahren bleibt die Einstufung als gesichert extremistisch bis zu einer endgültigen Entscheidung im Hauptsacheverfahren bestehen.

Die juristische Auseinandersetzung verdeutlicht die anhaltend scharfe Debatte in Deutschland über die Grenzen zwischen verfassungsrechtlich geschützter Meinungsfreiheit, Antizionismus und sicherheitsrelevantem Extremismus im Zuge des Nahostkonflikts.

Reaktion des Vereins: Vorwurf der politischen Kriminalisierung

Der Verein „Jüdische Stimme“ weist die Vorwürfe des Verfassungsschutzes seit jeher entschieden zurück und war überhaupt erst gerichtlich gegen die Behörden vorgegangen. Die Organisation bezeichnet die Einstufung als gesichert extremistisch als rechtswidrig sowie politisch motiviert.

In ihren Stellungnahmen wirft die Gruppierung den deutschen Sicherheitsbehörden vor, jüdische Stimmen mundtot machen zu wollen, die sich kritisch gegenüber der israelischen Regierungspolitik oder solidarisch mit Palästina äußern.

Zudem kritisiert der Verein, dass staatliche Stellen versuchten zu definieren, was akzeptables jüdisches Leben in Deutschland sei, während Antizionismus und Friedensarbeit aus Sicht der Organisation eine verfassungsrechtlich geschützte Meinungsäußerung darstellten.

 


AUCH INTERESSANT

Nach Israel-Kritik: Über 170 jüdische Kulturschaffende verteidigen Mark Ruffalo

Auch interessant

„Hufeisen auf den Kopf gefallen“: Juso-Chef Türmer rechnet nach Berlin-Wahl mit der CDU ab

Berlin - Juso-Chef Philipp Türmer hat im phoenix-Interview die Kritik der Union an einer möglichen rot-grün-roten Koalition in Berlin zurückgewiesen. "Ich habe den Eindruck, dass...

Israel: US-Kongresskandidat Brad Lander bei Olivenernte festgenommen

Jerusalem – Der jüdische US-Kongresskandidat Brad Lander ist am Mittwoch, 21. Oktober 2026, im Westjordanland von der israelischen Armee festgesetzt worden. Der frühere New Yorker...

Abnehmen mit medizinischer Unterstützung: Chancen und Grenzen neuer Therapien

Alleine in Deutschland gelten mehr als 16 Millionen Menschen als stark übergewichtig. Viele davon versuchen immer wieder neue Diäten – und schaffen es doch...

Sektsteuer soll steigen: Schulze fordert Stopp der Bundespläne

Halle - Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) lehnt die geplante Erhöhung der Schaumweinsteuer ab. Die vom Bund vorgesehene Anhebung um 20 Cent je Flasche...

Trump: Kein US-Einsatz gegen Iran ohne Netanjahu

Washington - Kurz vor den entscheidenden Parlamentswahlen in Israel am 27. Oktober sorgt US-Präsident Donald Trump mit einer deutlichen Wählerempfehlung für Aufsehen. Auf seiner...

Headlines

Israel: US-Kongresskandidat Brad Lander bei Olivenernte festgenommen

Jerusalem – Der jüdische US-Kongresskandidat Brad Lander ist am Mittwoch, 21. Oktober 2026, im Westjordanland von der israelischen Armee...

Israel: Kirchenführer verurteilen Gewalt radikaler Siedler

Jerusalem - Führende christliche Würdenträger in Jerusalem haben die zunehmende Gewalt radikaler israelischer Siedler gegen palästinensische Gemeinschaften im Westjordanland in...

Netanjahu will „Propaganda gegen Israel“ bekämpfen

Jerusalem – Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu hat eine umfassende Offensive im digitalen Raum angekündigt um mutmaßliche Desinformationskampagnen auf...

„Hufeisen auf den Kopf gefallen“: Juso-Chef Türmer rechnet nach Berlin-Wahl mit der CDU ab

Berlin - Juso-Chef Philipp Türmer hat im phoenix-Interview die Kritik der Union an einer möglichen rot-grün-roten Koalition in Berlin...

Meinung

Israel: US-Kongresskandidat Brad Lander bei Olivenernte festgenommen

Jerusalem – Der jüdische US-Kongresskandidat Brad Lander ist am Mittwoch, 21. Oktober 2026, im Westjordanland von der israelischen Armee festgesetzt worden. Der frühere New Yorker...

Abnehmen mit medizinischer Unterstützung: Chancen und Grenzen neuer Therapien

Alleine in Deutschland gelten mehr als 16 Millionen Menschen als stark übergewichtig. Viele davon versuchen immer wieder neue Diäten – und schaffen es doch...

CHP: Vatandaşlar ile Parti Arasındaki Artan Kopuş

Nabi Yücel Vatandaşlarla partiler arasındaki giderek derinleşen kopuş, Türkiye'nin en köklü partisi CHP üzerinden somut biçimde gözlemlenebilir. Cumhuriyet Halk Partisi, 38. Olağan Kurultay'ın ardından ve...

Araştırma: ChatGPT kullanımı beyin aktivitesini önemli ölçüde azaltıyor

Cambridge – MIT Media Lab tarafından yapılan bir araştırma, ChatGPT ve diğer AI asistanlarının kullanımının beyin aktivitesini büyük ölçüde azalttığına dair ilk kanıtları sunuyor. Araştırma,...

Odadaki Son Yetişkin Olarak Türkiye

Konuk Yazar Nabi Yücel Mevcut durumda Türkiye, Orta Doğu'nun – ve çok daha ötesinin – jeopolitik manzarasında neredeyse nesli tükenmekte olan diplomatik bir tür; yani...