Ein Gastkommentar von Susanne Mattner
Die Opfer des islamistischen Terrors? Sehr häufig Muslime. Eine Tatsache, die in der öffentlichen Diskussion erstaunlich oft untergeht.
Eine internationale Untersuchung der Fondation pour l’innovation politique hat für den Zeitraum von 1979 bis April 2024 knapp 250.000 Todesopfer islamistischer Terroranschläge erfasst. 88,9 Prozent davon entfielen auf Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit.
Und auch in Europa sind Muslime bei islamistischen Anschlägen unter den Todesopfern. London, Paris, Brüssel, Barcelona – islamistischer Terror macht keinen Halt vor der Religionszugehörigkeit seiner Opfer. Aber in Europa kommt für Muslime noch eine besondere Absurdität hinzu: Sie sind nicht nur potenzielle Opfer islamistischer Gewalt. Sie werden anschließend nicht selten auch noch zu Mitverantwortlichen erklärt.
Und damit komme ich zu etwas Persönlichem.
Mein Mann ist aus Syrien geflohen. Auch vor Islamisten und einer Ideologie, die Menschen ihre Freiheit, ihre Selbstbestimmung und nicht selten ihr Leben nimmt.
Er hat seine Heimat verlassen, um vor solchen Verhältnissen Schutz zu finden. Und dann kommt er in ein Land, in dem er sich plötzlich mit Menschen in einen Topf geworfen sieht, vor denen er selbst geflohen ist. Darüber muss man eigentlich erst einmal nachdenken.
Ein Mensch flieht vor Extremisten und muss sich am Ende dafür rechtfertigen, dass er denselben religiösen Hintergrund hat wie diejenigen, vor denen er geflohen ist.
Ein Terrorist begeht einen Anschlag, und plötzlich steht eine ganze Religionsgemeinschaft unter Rechtfertigungsdruck. Als müsste sich jeder Muslim erst einmal von einer Tat distanzieren, mit der er genauso wenig zu tun hat wie jeder andere unbeteiligte Mensch.
Man stelle sich das einmal vor: Erst flieht man vor einer Ideologie, die einen bedroht, und anschließend wird man im Zufluchtsland mit deren Anhängern gleichgesetzt.
Vielleicht sollten wir endlich anfangen, zwischen Islam, Islamismus und islamistischem Terror zu unterscheiden.
Eine Religionsgemeinschaft ist keine terroristische Vereinigung. Und Millionen Menschen unter Generalverdacht zu stellen, macht den Terrorismus nicht kleiner. Es macht lediglich unsere Gesellschaft ein Stück ungerechter. Die Opfer verdienen Mitgefühl. Alle. Unabhängig davon, welcher Religion sie angehören.
Und Menschen, die vor Extremismus geflohen sind, verdienen ganz sicher nicht, selbst unter Extremismusverdacht gestellt zu werden.
Zum Autor
Susanne Mattner wurde im Ruhrgebiet geboren und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowohl in den USA als auch an der Universität Dortmund. Nach ihren Studienstationen verbrachte sie in den 1990er-Jahren auch einige Zeit im Nahen Osten. Nach ihren längeren Auslandsaufenthalten lebt sie heute verheiratet in Hamburg. In ihren Beiträgen verfolgt sie aufmerksam das internationale Zeitgeschehen mit einem geschulten Blick für mediale Narrative. Ihre Schwerpunkte liegen auf geopolitischen Entwicklungen im Nahen Osten, gesellschaftlichen Debatten sowie der kritischen Analyse doppelter Standards in der Berichterstattung.
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