Ein Gastkommentar von Nabi Yücel
US-Präsident Donald Trump drohte vor der UN mit der Vernichtung Irans. Das ist die Art von Diplomatie, bei der selbst die Vereinten Nationen kurz daran erinnert werden, warum sie überhaupt gegründet wurden.
Doch während Trump die Weltbühne vor allem als Lautsprecher amerikanischer Macht benutzte, setzte Recep Tayyip Erdoğan einen anderen Akzent: Er stellte die Institution selbst auf die Anklagebank und sorgte für internationale Aufmerksamkeit.
„Die Welt ist größer als fünf“ – dieser Satz ist inzwischen fast schon ein Markenzeichen des türkischen Präsidenten. Gemeint sind die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates: USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien.
Erdoğan griff genau dort an, wo die Konstruktion der Nachkriegsordnung ihre größte Schwachstelle zeigt: Mehr als 190 Staaten sitzen in der Generalversammlung – aber über Krieg, Frieden und Sanktionen können letztlich fünf Staaten entscheiden, von denen jeder ein Vetorecht besitzt.
Erdoğan fordert deshalb nicht weniger als einen grundlegenden Umbau des Systems. In einem am selben Tag veröffentlichten Beitrag plädierte er sogar für die Abschaffung des Vetorechts und ein Sicherheitsratsmodell ohne dauerhafte Sitze.
Das ist zunächst einmal keine neue Erdoğan-Idee. Aber in New York bekam sie eine Bühne, auf der sie schwer zu überhören war.
Gaza und das Messen mit zweierlei Maß
Denn Erdoğan verband die institutionelle Kritik mit Gaza. Er warf der internationalen Gemeinschaft vor, mit zweierlei Maß zu messen: Internationales Recht könne nicht glaubwürdig sein, wenn es für die Starken anders gilt als für die Schwachen. Ein System, in dem Staaten oder Akteure trotz Verstößen straflos blieben, werde zwangsläufig seine Legitimität verlieren. Dann wurde er noch deutlicher.
Erdoğan bezeichnete Gaza als den „inhumansten“ und „beschämendsten“ Ort seiner Zeit und sprach von einer „genozidalen Denkweise“. Die israelische Delegation verließ daraufhin den Saal. Internationale Medien machten genau diese Szene zu einem der auffälligsten Momente seiner Rede.
Man muss Erdoğans politische Positionen nicht teilen, um den diplomatischen Kern seiner Rede zu erkennen: Er stellt die Frage, ob eine internationale Ordnung noch glaubwürdig sein kann, wenn ihre Regeln nicht für alle gleichermaßen gelten.
Das unbequeme Dilemma für den Westen
Und genau hier wird es für Europa unbequem. Denn die Kritik am Sicherheitsrat ist nicht ausschließlich türkische Folklore. Dass die UN angesichts von Gaza, Ukraine, Sudan und anderen Konflikten immer wieder an den politischen Interessen der Vetomächte scheitert, ist eine strukturelle Frage der internationalen Ordnung. Erdoğan nutzt diese Schwäche politisch – aber er hat sie nicht erfunden.
Sein Satz „Die Welt ist größer als fünf“ klingt deshalb zugleich wie Wahlkampfrhetorik, geopolitisches Kalkül und eine reale Herausforderung an die bestehende Weltordnung.
Das eigentlich Interessante an Erdoğans Auftritt liegt somit nicht darin, dass der türkische Präsident wieder einmal gegen Israel und den Westen austeilt. Das kennt man. Interessanter ist, dass er die Frage stellt, die sich inzwischen kaum noch verdrängen lässt:
Was ist eine Weltorganisation wert, wenn die Mehrheit der Welt zuschauen darf, während fünf Staaten entscheiden, was die Weltgemeinschaft darf?
Die Welt von 1945 passt nicht mehr in die Gegenwart
Trump demonstrierte in New York amerikanische Macht. Erdoğan demonstrierte etwas anderes: die wachsende Ungeduld mit einer internationalen Ordnung, deren Architektur noch aus einer Welt von 1945 stammt, während die politische Realität längst im Jahr 2026 angekommen ist.
Und vielleicht erklärt genau das, warum seine Rede international deutlich mehr Aufmerksamkeit erhielt, als es die üblichen Erdoğan-Schlagzeilen vermuten lassen.
Trump put a NATO spotlight on Erdogan in New York.
“ , ’ . ’ . ’ .”
This summer the alliance flew to Ankara because Trump…
— Mario Nawfal (@MarioNawfal) September 22, 2026
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
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