Kongress in Ankara
Polit-Analyst Önsoy: Berlin und Ankara sollten sich nicht wie konkurrierende Rivalen verhalten

Organisiert durch das Forschungszentrum für türkisch-deutsche Studien (HÜTAI) an der Hacettepe Universität in Ankara, findet am 12. und 13. November unter Teilnahme des deutschen Botschafters Martin Erdmann sowie namhaften Vertretern deutscher Stiftungen und Organisationen, der 1. Internationale Kongress für türkisch-deutsche Studien statt.

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Ankara (nex) – Organisiert durch das Forschungszentrum für türkisch-deutsche Studien (HÜTAI) an der Hacettepe Universität in Ankara, findet am 12. und 13. November unter Teilnahme des deutschen Botschafters Martin Erdmann sowie namhaften Vertretern deutscher Stiftungen und Organisationen, der 1. Internationale Kongress für türkisch-deutsche Studien statt.

Zu den geladenen Rednern gehören unter anderem auch der Direktor der Konrad-Adenauer-Stiftung, Walter Glos, der nach mehr als drei Jahren in Albanien, im April die Leitung des Auslandsbüros Türkei in Ankara übernahm.

In einem Gespräch mit NEX24 betonte der Leiter des Forschungszentrums, Prof. Dr. Murat Önsoy, die Bedeutung solcher Treffen, insbesondere vor dem Hintergrund der seit einigen Jahren angespannten deutsch-türkischen Beziehungen.

Das Ziel des neuen Zentrums sei die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen der Türkischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland in politischen, ökonomischen, technischen und kulturellen Bereichen, so Dr. Önsoy. Die Gründungssatzung wurde im Amtsblatt der Republik Türkei dieses Jahres publiziert.

„Während die Zusammenarbeit beider Länder in etlichen Bereichen Entwicklungen aufzeigen, gibt es jedoch auch Bereiche, in denen die Zusammenarbeit weiterhin gefördert werden kann. Die vergangene Periode hat gezeigt, dass die Gemeinschaftsarbeit beider Länder gefährdet sein kann, wenn diese nicht entsprechend gut angeleitet werden. Aus diesem Grund ist es für beide Länder vorteilhaft, dass die strategische, ökonomische und soziale Zusammenarbeit entwickelt wird. Dadurch können eventuelle Risikofaktoren behoben werden, damit es den Interessen beider Länder dient“, betont Dr. Önsoy gegenüber NEX24.

Der Wissenschaft komme aus diesem Grund eine große Aufgabe zu. In der Bundesrepublik führten zahlreiche deutsch-türkische Zentren an Universitäten oder Nichtregierungsorganisationen Tätigkeiten diesbezüglich aus. In der Türkei gebe es jedoch keine akademisch basierten Zentren, die in diesen Bereichen aktiv sind. Diese Situation bringe die türkische Akademie aus Sicht der Wissensproduktion in eine unvorteilhafte Position. „Daher ist es unser Ziel, als Zentrum unseren Beitrag zu leisten, um das zu ändern“, so Dr. Önsoy.

Das Ziel des Forschungszentrums für türkisch- deutsche Studien, dessen Tätigkeiten innerhalb der Hacettepe Universität ausgeführt werden, sei es, die Lücke einer akademischen Wissensproduktion zu schließen, die für die bilateralen Beziehungen notwendig sei. Daher bestehe das Verwaltungs- und Beratungskomitee auch überwiegend aus Akademikern aus Deutschland und der Türkei und repräsentiere viele Bereiche der Wissenschaft.

Neben akademischen Einrichtungen gehörten Auslandsvertretungen (Bundesrepublik Deutschland, Österreich, Schweiz und Luxemburg), einheimische sowie ausländische NGO’s und Stiftungen zu potentiellen Kooperationspartnern des Zentrums. Hierzu zählten die Konrad-Adenauer-Stiftung, die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland und der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD).

Der Kongress findet vom 12. bis 13. November 2019 an der Hacettepe Universität auf dem Beytepe Campus im Mehmet Akif Ersoy-Saal mit der Teilnahme von Akademikern aus der Türkei und dem Ausland mit der Expertise in den Disziplinen Internationale Beziehungen, Politikwissenschaft, Recht, Geschichte, Literatur und Soziologie statt.

Der Hauptzweck dieses hochrangigen Kongresses sei die Stärkung der Brücken der Freundschaft zwischen den beiden Ländern. Die Eröffnungsreden des Kongresses werden vom Rektor der Hacettepe Universität, Prof. Dr. Haluk Özen, dem Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Martin Erdmann, dem Türkei-Vertreter der Konrad-Adenauer-Stiftung Walter Glos und der Leiterin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) Ankara, Franziska Trepke gehalten. Der Kongress wird in türkischer und deutscher Sprache abgehalten.

„Bei der Planung des Kongresses haben wir uns einige grundlegende Ziele gesetzt und haben Schritte unternommen, um diese Ziele zu erreichen. Das erste dieser Ziele – und wahrscheinlich das wichtigste – ist die Konsolidierung der Freundschaftsbrücke zwischen der Türkei und der Bundesrepublik Deutschland. Um dieses Ziel zu erreichen, glauben wir, dass wir als türkische Wissenschaftler unsere Aufgaben haben. Wir sind hier, um zur Entwicklung der türkisch-deutschen Beziehungen beizutragen. Mit diesem Kongress möchten wir die Botschaft vermitteln: «Wir sind bereit, unsere Pflichten zu erfüllen»“, so Önsoy.

Monodisziplinarität schränkt Forschung in beiden Ländern ein

“Unser zweites Ziel ist es, die Überwindung der Monodisziplinarität in türkisch-deutschen Studien. Es ist unsere Ansicht, dass Monodisziplinarität die Forschung in den beiden Ländern und ihren Gemeinden einschränkt. Dieses Problem ist in den bisher durchgeführten türkisch-deutschen Organisationen zu beobachten. Nur eine Dimension – wie etwa Geschichte – des mehrdimensionalen Beziehungsnetzes, wird zwischen den beiden Ländern und ihren Gesellschaften diskutiert. Um die durch diese Situation entstehenden Hindernisse zu überwinden, haben wir uns bemüht, unseren Kongress interdisziplinär zu gestalten. Wie aus dem Kongressprogramm hervorgeht, wollten wir ein interdisziplinäres Umfeld schaffen, in dem Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen in einer Sitzung zusammentrafen. Wir hoffen, mit unserem neu eröffneten Zentrum die Think-Tank-Lücke in den deutsch-türkischen Beziehungen zu schließen und in Zukunft auch zu den im Ausland bekannten führenden Wissenschaftszentren des Landes zu gehören. Mit diesem Kongress möchten wir der Öffentlichkeit die Zukunftsvision und das Potenzial des Zentrums näher bringen”, betont Dr. Önsoy.

Politischen Beziehungen von einem Klima des Konflikts geprägt

Die politischen Beziehungen der beiden Länder seien seit mehr als einem Jahrzehnt von einem Klima des Konflikts geprägt. Dies habe dazu geführt, dass die kulturell-menschliche Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern und ihren Gemeinschaften vergessen wurden. Gleichzeitig seien strategische Fragen mit Risikofaktoren in den Beziehungen zwischen beiden Ländern in den Vordergrund gerückt, führt Dr. Önsoy weiter aus.

„Die auf der Grundlage der Allianzen vollzogenen und durch ewige Freundschaft sowie Waffenbrüderschaft gekrönten Beziehungen entfernen sich täglich von der rationalen Basis, auf der sie gegründet waren und nehmen die Gestalt eines aussichtslosen Widerstreits an. Diese Situation, mit der wir sowohl auf der Diskursebene als auch auf der Handlungsebene konfrontiert sind, beeinträchtigt beide Länder, samt ihrer gesamten Bevölkerung, Einrichtungen und Institutionen“, betont Dr. Önsoy.

Einige Politiker beider Länder überschritten die Grenzen der diplomatischen Höflichkeit, als ob sie verfeindet wären. Diese mehrdimensionale und konfliktreiche Atmosphäre, die von Journalisten bis hin zu Juristen, viele Persönlichkeiten und Institutionen umfasse, beeinträchtige das gemeinsame Interesse der beiden Länder. Die angespannten Beziehungen seien ein Nährboden für „feindliche Gefühle“ im Gedächtnis der Bevölkerung dieser Länder und beeinträchtige das kulturelle und wirtschaftliche Zusammenwachsen, das durch die mehr als drei Millionen in Deutschland lebenden Türken und Zehntausende in der Türkei lebenden Deutschen mit Mühe aufgebaut worden sei.

Beiden Länder hätten Aufgaben in Bezug auf die Normalisierung der Beziehungen. Bei den Wahlen in Deutschland sollte antitürkische Politik verhindert werden, betont der Akademiker. Die Bemühungen der deutschen Politiker, mit antitürkischen Parolen Stimmen zu gewinnen, schafften eine negative Atmosphäre gegen Türkischstämmige in Deutschland. Berlin müsse auch aufhören, sich in die türkische Innenpolitik einzumischen. Aussagen zur Innenpolitik widersprächen dem Prinzip der staatlichen Souveränität. Außerdem schaffe es eine antideutsche Atmosphäre in der Türkei, an der sich alle gesellschaftlichen Schichten beteiligten. Die Sicherheitsinteressen der Türkei in Syrien sollten respektiert werden. Dr. Önsoy erinnert daran, dass Deutschland und die Türkei seit Jahrzehnten NATO-Partner sind.

Zugleich fordert Dr. Önsoy Ankara auf, die Grenzen der “neuen türkischen Diaspora-Diplomatie” gegenüber der Türkischstammigen in Deutschland gut zu ziehen und ausgewogen zu handeln. Es sollten Anstrengungen unternommen werden um die Einmischung in innere Angelegenheiten Deutschlands zu verhindern. In der internationalen Politik sollten Berlin und Ankara sich nicht wie zwei konkurrierende Rivalen verhalten, sondern als zwei kooperative Akteure, die sich gegenseitig ergänzen.

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