Israel
Mattner: „Die Siedlerkinder wirkten auf mich deutlich radikaler“

Gastkommentar: Wenn Hass auf beiden Seiten gelehrt wird — und nur eine Seite dafür kritisiert wird.

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Ein Gastkommentar von Susanne Mattner

Ich weiß, ich weiß. Jetzt kommt gleich wieder: „Aber die palästinensischen Kinder werden doch von klein auf zu Judenhassern erzogen!“ 

Ja. Diesen Satz lese ich seit Jahren. Praktisch im Abo. Monatlich. Wöchentlich. Täglich. Wie Netflix, nur mit mehr Großbuchstaben. Und bevor jetzt wieder Schnappatmung einsetzt: Natürlich gibt es auf palästinensischer Seite Indoktrination, Hass und fanatische Erziehung. Das zu leugnen wäre absurd.

Aber vielleicht sollte man dann auch den Mut haben, sich dieselbe Frage auf der anderen Seite zu stellen. Ich habe vor einiger Zeit die ZDF-Doku „Aufwachsen im Westjordanland – Gefangen im Zorn“ gesehen.

Dort werden Kinder und Jugendliche auf beiden Seiten begleitet. Und mein persönlicher Eindruck – den kann jeder überprüfen, indem er die Doku selbst schaut – war ehrlich gesagt erschreckend:

Die israelischen Siedlerkinder wirkten auf mich teilweise deutlich radikaler als die palästinensischen Kinder. Und plötzlich musste ich an etwas denken, worüber erstaunlich selten gesprochen wird.

Es gibt seit Jahrzehnten wissenschaftliche Untersuchungen über israelische Kinderbücher, in denen Araber und Palästinenser als Messerstecher, Banditen, Mörder oder grundsätzlich bedrohliche Figuren dargestellt wurden.

Der Literaturwissenschaftler Adir Cohen untersuchte hunderte hebräische Kinderbücher. Dort tauchen Araber als Männer mit „riesigen Schnurrbärten“, „furchteinflößenden Augen“, Narben im Gesicht und als permanente Gefahr auf. Fast wie Orks, nur mit anderem Reisepass.

In einem Jugendbuch kämpfen die jungen Helden gegen arabische „Mörder“, „Banditen“ und „Terroristen“. Praktisch Karl May, nur dass Old Shatterhand inzwischen einen Sicherheitszaun baut. Aber komischerweise heißt es bei solchen Dingen nie:
„Die israelischen Kinder werden zum Hass erzogen.“

Nein, dort spricht man lieber von Sicherheit, Traumata, Verteidigung, historischen Ängsten und komplexen Umständen.Sobald es um palästinensische Kinder geht, verschwinden diese komplexen Umstände dann plötzlich wie WLAN in der Deutschen Bahn.

Dann sind es einfach kleine Terroristen in Ausbildung.
Komisch, oder? Vielleicht liegt das Problem ja nicht darin, dass nur die eine Seite Hass lernt.Vielleicht liegt das Problem darin, dass beide Seiten ihren Kindern seit Generationen beibringen, dass hinter dem Hügel keine Menschen leben, sondern Feindbilder.

Die einen malen Monster mit Kalaschnikow. Die anderen malen Monster mit Davidstern.

Und irgendwo dazwischen sitzen Kinder, die noch nie eine Chance hatten, etwas anderes zu lernen.Aber das passt natürlich schlecht in unsere westliche Lieblingsdisziplin: den geopolitischen Kindergeburtstag. Da werden ganze Völker eingeteilt wie bei einem Marvel-Film.

Hier die Guten. Dort die Bösen.

Und wenn die Realität stört, wird sie einfach wegmoderiert. Denn nichts ist bequemer als die Vorstellung, dass Hass immer nur auf der anderen Seite entsteht.Das Tragische ist nur:

Genau das denken dort drüben wahrscheinlich auch alle. Und vielleicht ist genau das der Motor, der diesen Konflikt seit Generationen am Laufen hält.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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