Gastkommentar
Çelik: „Die Welt schaut nach Washington und Peking — und versteht beide nicht“

Çelik: "Drachen und Spiegel - Die Welt schaut nach Washington und Peking — und versteht beide nicht."

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Ein Gastbeitrag von Özgür Çelik

Drachen und Spiegel – Die Welt schaut nach Washington und Peking — und versteht beide nicht.

Es gibt Augenblicke in der Geschichte, in denen die Tektonik der Weltordnung hörbar zu knacken beginnt. Wir leben in einem solchen Moment. Das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China ist nicht bloß eine diplomatische Fußnote, keine Handelsstreitigkeit, kein gelegentlicher Gipfel zwischen zwei Männern mit Krawatten und Protokoll. Es ist die Kernfrage unserer Epoche — und sie wird mit erschreckender Leichtfertigkeit behandelt.

Auf der einen Seite: Donald Trump. Ein Mann ohne Strategie, aber mit Instinkten. Der glaubt, Geschichte sei ein Deal, den man schließt oder platzen lässt. Der seinen Krieg gegen den Iran mit dem Bauchgefühl führt — „ich spüre es in meinen Knochen”, ließ er verlauten — und dabei vergisst, dass die Straße von Hormus keine Verhandlungsmasse ist, sondern ein Würgegriff.

Der Zölle wie Waffen einsetzt und dann erschrickt, wenn das Handelsdefizit trotzdem neue Rekorde bricht. Trump ist kein Stratege. Trump ist ein Darsteller, der die Weltbühne mit seinem Showroom verwechselt.

Auf der anderen Seite: Xi Jinping. Ein Mann, der schweigt, wenn andere schreien. Der wartet, wenn andere handeln. Der Taiwan nicht mit Panzern bedroht, sondern mit Flugverboten, mit Oppositionsführerinnen, die er zum Tee empfängt, mit Unterseekabeln, die er kauft, und mit Botschaften, die er schließt.

Xi führt keinen Krieg — er gestaltet das Terrain, auf dem der nächste Krieg stattfinden würde, falls es dazu käme. Das ist kein Zufall. Das ist zweitausend Jahre Denktradition, die Sun Tzu nicht überwunden, sondern verfeinert hat.

Wer diesen Kontrast nicht versteht, versteht auch den Gipfel nicht, der in diesen Wochen vorbereitet wird — und der von manchen als Hoffnungszeichen gefeiert wird. Es wäre Naivität, ihn als solches zu lesen.

Mäßigung ist keine Tugend — sie ist eine Waffe

Peking hat seinen außenpolitischen Tonfall geändert. Die Ära der sogenannten Wolfskrieger-Diplomatie, jene aggressive, oft belehrende Rhetorik, die chinesische Diplomaten in den vergangenen Jahren zur Schau stellten, scheint vorerst beendet.

Zhao Lijian und seine Mitstreiter, die einst das US-Militär für das Coronavirus in Wuhan verantwortlich machten und westliche Demokratien als „moralisch bankrott” bezeichneten, sind in den Hintergrund getreten. Peking spricht nun leiser.

Aber wer darin eine Bekehrung sieht, irrt. China hat nicht sein Wesen verändert — es hat seine Methode gewechselt. Die Interessen sind dieselben: Taiwan, Südchinesisches Meer, technologische Dominanz, die Entkoppelung vom Dollar als globaler Reservewährung, die Ausdehnung des chinesischen Einflussraums von Lateinamerika bis Afrika. Kein einziges dieser Ziele hat Peking aufgegeben. Es verfolgt sie nur stiller.

Das ist keine Schwäche. Das ist Kalkül.

Während Trumps Amerika sich selbst delegitimiert — durch verfassungswidrige Handelsnotstandsdekrete, durch Angriffskriege ohne Kongressmandat, durch die systematische Beschädigung internationaler Institutionen, die Amerika selbst aufgebaut hat — inszeniert sich Peking als Stabilitätsanker. Xi muss nicht werben. Er muss nur warten. Wer sich China annähert, tut es oft aus Mangel an Alternativen. Das ist Macht in ihrer effizientesten Form: Sie zieht an, anstatt zu drängen.

Lateinamerika: Das stille Schlachtfeld

Nirgendwo ist dieser Machtkampf sichtbarer als in Lateinamerika. Das Projekt „Chile China Express” — ein 500-Millionen-Dollar-Unterseekabel, das Südamerika direkt mit Asien verbinden sollte — wurde auf amerikanischen Druck hin gestoppt.

Innerhalb von 48 Stunden. Die USA verhängten Sanktionen gegen chilenische Funktionsträger, die das Projekt vorangebracht hatten. Der Ton war eindeutig: Hier endet Chinas Reichweite.

Das ist die Monroe-Doktrin des 21. Jahrhunderts — keine feierliche Erklärung mehr, sondern Sanktionen, Telefonanrufe und das gezielte Austrocknen von Finanzierungsquellen. Trump und sein Außenminister Marco Rubio verfolgen in Lateinamerika eine Strategie der Rückeroberung, die ihren demokratischen Vorgängern Obama und Biden fehlte.

Sie stellen jeden Hafen, jede Datenleitung, jeden Rohstoffvertrag auf den Prüfstand. Kolumbien erhebt Zölle auf chinesischen Stahl. Mexiko überdenkt seine Handelsbilanz mit Peking. Peru verweigert einem chinesischen Militärschiff die Durchfahrt. Honduras erwägt, seine Beziehungen zu Taiwan wieder aufzunehmen.

Das klingt nach amerikanischem Triumph. Aber der Schein trügt.

Chile ist das beste Beispiel dafür, wie widersprüchlich diese Rückeroberungsstrategie ist. Chiles neuer Präsident José Antonio Kast, erzkonservativ und Trump-nah, reiste noch vor Amtsantritt demonstrativ zu Trumps Miami-Gipfel. Er priorisiert das Google-Kabel, nicht das China-Kabel.

Er gibt sich als Washingtons Mann. Und trotzdem: Chinas Handelsvolumen mit Chile beträgt 65 Milliarden Dollar im Jahr — fast doppelt so viel wie das der USA. Kast kann den Drachen nicht einfach aus dem Salon werfen, ohne das Haus zu beschädigen. Chile ist kein Einzelfall. Es ist das Dilemma des gesamten Kontinents.

Amerika bietet Sicherheit. China bietet Geld. Und die Länder der Region müssen eine Wahl treffen, die keine wirkliche Wahl ist.

Gipfel ohne Seele

Die geplanten Gipfeltreffen zwischen Xi und Trump werden von manchen Kommentatoren als historische Chance gehandelt. Die Geschichte mahnt zur Skepsis. Seit dem bahnbrechenden Nixon-Mao-Treffen 1972 gab es mehr als zwei Dutzend solcher Begegnungen zwischen amerikanischen und chinesischen Staatschefs. Die überwiegende Mehrheit hat nichts bewirkt — außer schönen Fotos und nichtssagenden Abschlusskommuniqués.

Kissinger und Zhou Enlai konnten Geschichte schreiben, weil beide in der Sprache der Großstrategie dachten. Sie kannten ihre eigenen Interessen, aber auch die des Gegenübers. Sie konnten Kompromisse schließen, weil sie wussten, was unverhandelbar war — und was nicht.

Heute sitzen an diesem Tisch ein Mann, der Geschichte als persönliche Erfolgsgeschichte inszeniert, und ein Mann, der Geschichte als zivilisatorisches Projekt versteht. Trump braucht einen Erfolg, den er nach Hause tragen und verkaufen kann. Xi braucht nichts. Ihm reicht es, seinen Amtskollegen beobachten zu lassen, wie dieser sich erniedrigt. Das Ungleichgewicht ist strukturell — und es wird durch keinen Gipfel behoben.

Das Beste, worauf man hoffen kann, ist ein temporäres Einfrieren der Konflikte. Aber selbst das ist fragil. Das neue amerikanische Waffenpaket für Taiwan in Höhe von elf Milliarden Dollar könnte jederzeit als Zündschnur wirken. Und wer glaubt, Xi würde Taiwan vergessen, weil Trump ihm einen Drogenschmuggler als Goodwill-Geste ausgeliefert hat, versteht die Natur chinesischer Staatsräson nicht.

Die Frage, die niemand stellt

Es wird viel geredet über Trump. Über sein Chaos, seine Lügen, seine verfassungswidrigen Eskapaden. Das ist berechtigt. Aber die eigentliche strategische Frage lautet nicht: Was macht Trump falsch? Die eigentliche Frage lautet: Was macht der Westen nach Trump?

Denn Trumps Amerika ist eine Episode. Eine gefährliche, beschädigende, teure Episode — aber eine Episode. Die Geschichte der amerikanischen Parteiwechsel zeigt, dass MAGA keine dauerhafte Mehrheitskoalition ist. In 19 von 44 Wahlen seit dem Beginn des Zwei-Parteien-Systems wechselte die Kontrolle über das Weiße Haus. Das wird wieder geschehen.

Aber China wartet nicht auf diesen Wechsel. China baut währenddessen. Es baut Unterseekabel. Es baut Häfen. Es baut Weltraumüberwachungsanlagen in Lateinamerika. Es baut diplomatische Netzwerke in Afrika, wo Taiwan nur noch zwölf verbündete Staaten hat — und diese Zahl schrumpft. Es baut an einer Welt, in der die Frage nicht mehr lautet: USA oder China? Sondern: Unter welchen Bedingungen koexistiert man mit einem System, das seine Dominanz längst als selbstverständlich betrachtet?

Eine kohärente westliche China-Strategie existiert nicht. Es gibt Reaktionen. Es gibt Sanktionen. Es gibt Gipfel. Aber keine Architektur. Keine gemeinsame Sprache. Keinen langen Atem.

Sun Tzu schrieb: „Derjenige gewinnt, dem viele strategische Faktoren zugutekommen.” Xi hat diesen Satz gelesen. Trump hat ihn nicht. Und Europa hat ihn irgendwo zwischen Haushaltsgipfeln und Migrationsdebatte verlegt.

Was auf dem Spiel steht

Es wäre bequem, den chinesisch-amerikanischen Konflikt als fernes Machtspiel zweier Supermächte zu betrachten, das uns, die türkische Diaspora in Westeuropa, die Türken in Anatolien, die Turkvölker von Zentralasien bis zum Balkan, nichts angeht. Das wäre ein Fehler.

Denn in dieser neuen Weltordnung werden die Räume neu vermessen. Wer einen Hafen kontrolliert, kontrolliert Handel. Wer ein Datenkabel kontrolliert, kontrolliert Information. Wer Weltrauminfrastruktur besitzt, kontrolliert im Krisenfall Kommunikation und Navigation. Die türkische Welt liegt genau an den Schnittstellen dieser neuen Geographie — geographisch, historisch, strategisch.

Eine Türkei, die weder Amerika blind folgt noch China naiv vertraut, sondern ihre eigene strategische Autonomie mit Verstand und Entschlossenheit ausbaut, ist keine unrealistische Utopie. Sie ist eine Notwendigkeit. Denn die Alternative ist, dass andere über unseren Kopf hinweg entscheiden — wie sie es immer wieder getan haben, wenn wir es zugelassen haben.

Die Drachen und die Spiegel der Weltpolitik zeigen uns, was andere von uns erwarten: Gefolgschaft, Rohstoffe, Märkte, Schweigen. Was wir ihnen zeigen sollten, ist etwas anderes: Willen, Würde und einen eigenen Blick auf die Geschichte.​​​​​​​​​​​​​​​​


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


 Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland.


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