Gastkommentar
Antisemitismus: „Alles wird in einen Topf geworfen“

Mattner: "Ja, Antisemitismus ist real. Ja, jüdische Menschen müssen geschützt werden. Aber ist wirklich jede Kritik daran gleich Hass auf Juden?"

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Ein Gastkommentar von Susanne Mattner

Antisemitismus habe eine Normalisierung erfahren, kritisiert der Zentralrat der Juden. Laut einer aktuellen Umfrage ist fast jede zweite jüdische Gemeinde von Vorfällen betroffen, weshalb viele ihre Identität verbergen. Auch wenn der Wert derer, die sich unsicher fühlen, seit 2024 leicht von 82 auf 68 Prozent gesunken ist, bleibe die Lage für Jüdinnen und Juden in Deutschland zutiefst bedrückend, berichtet die Tagesschau.

Ich finde es zutiefst beunruhigend, dass Menschen sich hier wieder verstecken müssen. Und gleichzeitig frage ich mich: In was für einer Debatte sind wir eigentlich gelandet, wenn plötzlich alles in einen einzigen Topf geworfen wird?

Wenn jedes kritische Wort zur israelischen Regierung oder zum militärischen Vorgehen sofort als Antisemitismus abgestempelt wird – was bleibt dann noch von einer ehrlichen Diskussion übrig? Eine Debatte, die nur noch aus Schlagworten besteht, ist wie ein Nebel, in dem niemand mehr klar sieht.

Ja, Antisemitismus ist real. Ja, jüdische Menschen müssen geschützt werden. Aber ist wirklich jede Kritik daran gleich Hass auf Juden? Oder machen wir es uns gerade viel zu einfach, indem wir komplexe Zusammenhänge plattbügeln?

Der Bericht zeigt, wie viele jüdische Gemeinden betroffen sind, wie Menschen sich zurückziehen, ihre Identität verstecken. Das ist erschütternd. Aber genau deshalb muss man doch differenzieren, statt alles wie mit einem Vorschlaghammer gleichzusetzen.

Und dann diese Reaktionen: lachende Emojis unter solchen Beiträgen. Ernsthaft? Wie kalt kann man sein? Das ist kein Witz, das ist kein Meme – das ist die Realität von Menschen.

Währenddessen passiert etwas anderes, fast im Schatten dieser lauten Debatte: Muslimfeindlichkeit und Araberfeindlichkeit wachsen weiter. Still, aber spürbar. Wie ein Hintergrundrauschen, das immer lauter wird, bis es irgendwann nicht mehr zu überhören ist.

Es gibt Stimmen, die ständig über Islamismus sprechen und dabei den Islam gleich mitverurteilen. Aber was richtet das an? Was macht das mit Menschen, die einfach nur ihr Leben leben wollen?

Mein Mann kann sich nicht verstecken. Er kann seine Identität nicht ablegen wie eine Jacke an der Garderobe. Man sieht ihm an, dass er Araber ist – an seinem Aussehen, an äußeren Merkmalen. Und genau deshalb ist er diesem Klima direkt ausgesetzt. Er kann nicht untertauchen, selbst wenn er wollte. Wie soll man sich schützen, wenn man gar keine Möglichkeit hat, unsichtbar zu werden?

Und während wir hier diskutieren, spitzt sich die Lage international weiter zu: Gaza, Westjordanland, Libanon, Syrien. Täglich neue Bilder, täglich neue Gewalt. Glaubt wirklich jemand, dass das keine Auswirkungen auf unsere Gesellschaft hat?
Vielleicht sollten wir uns fragen: Wem nützt es, wenn wir alles vereinfachen? Wem nützt es, wenn wir Begriffe so lange dehnen, bis sie ihre eigentliche Bedeutung verlieren?

Eine Gesellschaft, die nur noch in Schwarz und Weiß denkt, verliert die Fähigkeit, Grautöne zu erkennen. Und genau dort liegt oft die Wahrheit.

Wenn wir es ernst meinen, dann müssen wir genauer hinschauen. Müssen unterscheiden. Müssen aushalten, dass Dinge kompliziert sind. Und vor allem: müssen wir jede Form von Menschenfeindlichkeit benennen – ohne Scheuklappen und ohne Doppelstandards


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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