Debattenkultur
Mattner: „Nach den Arabern kommen wieder die Juden dran“

Mattner: "Da wird wirklich jeder tote Palästinenser gefeiert, als hätte der Lieblingsverein gerade die Meisterschaft gewonnen. Gleichzeitig inszeniert man sich als letzte moralische Bastion gegen Faschismus"

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Ein Gastkommentar von Susanne Mattner

Am Wochenende habe ich mir erstmal einen „Doppelten Baldri-Bomber mit Kamilleninfusion“ eingeschenkt. Ihr wisst schon – dieses Getränk, das man braucht, wenn man ahnt, dass die nächsten Minuten im Internet einem die letzten Reste Menschenvertrauen aus dem Körper prügeln werden.

Denn meine Beiträge werden neuerdings ja fleißig in diesen selbsternannten „Freunde Israels“-Gruppen geteilt. Also dachte ich mir: Schauste mal rein. Vielleicht sind das ja einfach engagierte Menschen mit einer etwas… sagen wir… kernigen Diskussionskultur. Spoiler: Nein.

Ich habe ungefähr zehn Minuten damit verbracht, mir kommentierende Profile anzusehen. Zehn Minuten. Und danach hatte ich das Gefühl, ich hätte aus Versehen die Kommentarspalte der Endzeit geöffnet.

Das sind Gruppen, die sich teilweise ernsthaft noch als „links“ verkaufen. Links. Natürlich. Weil nichts mehr für progressive Werte steht als pauschaler Hass auf Araber und Muslime, das Feiern toter Zivilisten und die moralische Eleganz eines Bierzelttisches nach acht Korn.

Und das Perfide daran? Das sind nicht nur irgendwelche Vollhonks mit Deutschlandflagge im Profilbild und der sprachlichen Ausdruckskraft eines kaputten Toasters. Nein, da mischt sich eine hochtoxische Mischung aus geistigen Tieffliegern und offensichtlich gebildeten Leuten zusammen. Stammtisch trifft Akademikerkeller. Eine bösartige Symbiose aus Ressentiment und Selbstgerechtigkeit.

Da wird wirklich jeder tote Palästinenser gefeiert, als hätte der Lieblingsverein gerade die Meisterschaft gewonnen. Gleichzeitig inszeniert man sich als letzte moralische Bastion gegen Faschismus. Das ist ungefähr so glaubwürdig, als würde ein Krokodil behaupten, es sei Veganer.

Und natürlich wird sich bedingungslos hinter Leuten wie Benjamin Netanyahu, Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich gestellt. Egal was gesagt oder getan wird. Galgenfantasien? Ach komm. Todesstrafe relativieren? Kann man mal machen. Kriegsverbrechen kleinreden? Schwierig, kompliziert, Kontext und so.

Aber wehe jemand sagt:
„Vielleicht sollte man nicht ganze Bevölkerungsgruppen entmenschlichen.“

Dann ist plötzlich Alarmstufe Braun aktiviert und der Nazi-Vorwurf sitzt lockerer als die Schrauben bei manchen dieser Kommentatoren.

Das Absurde ist ja: Weder ich noch Menschen, die ähnlich denken wie ich, verteidigen Terrorismus oder feiern Verbrechen an Zivilisten. Aber genau DAS wird einem dort permanent unterstellt – von Leuten, die gleichzeitig jeden zerbombten Häuserblock mit einem moralischen Schulterzucken quittieren.

Und die Gruppenbetreiber? Bitte. Die wissen ganz genau, was dort abgeht. Niemand kann mir erzählen, dass man diesen offenen Hass übersieht. Dafür ist er viel zu offensichtlich. Das ist keine „unglückliche Dynamik“ mehr, das ist ein ideologischer Güllebehälter mit WLAN-Anschluss.

Falls dort tatsächlich noch ein paar anständige linksgrün Versiffte unterwegs sind, die glauben, sie säßen mit den „Guten“ am Tisch: Herzlichen Glückwunsch. Ihr seid gerade dabei zuzusehen, wie aus angeblichem Antifaschismus ein völlig enthemmter ethnischer Hasscocktail wird.

Und Geschichte zeigt leider ziemlich zuverlässig: Wer heute applaudiert, wenn andere entmenschlicht werden, steht morgen selbst auf der Liste.Nach den Arabern kommen wieder die Juden dran. So sicher wie das Amen in der Kirche.

Und das eigentlich Bittere daran?

Dass man inzwischen auf Seiten, die sich „antifaschistisch“ nennen, Aussagen liest, bei denen selbst AfD-Kommentarspalten manchmal wirken wie ein VHS-Kurs in gewaltfreier Kommunikation.

Manche Menschen sind eben nicht gegen Hass. Sie wollen nur die Deutungshoheit darüber, wer gehasst werden darf.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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