Iran-Krieg
Kommentar: Der Iran steht im Zentrum des Systems

"Die heutige Spannung zwischen dem Iran und Israel ist keine rein militärische Abrechnung zweier Akteure. Sie ist der Schnittpunkt jahrzehntelanger strategischer Planungen"

Teilen

Ein Gastkommentar von Özgür Çelik

Wer versucht, den Nahen Osten zu verstehen, stößt unweigerlich auf die tiefe Kluft zwischen Schein und Sein. In dieser Geografie lässt sich kein Konflikt allein durch Grenzen, Konfessionen oder Energieressourcen erklären; denn das Spiel auf der Bühne ist meist nur das Spiegelbild eines Drehbuchs, das hinter den Kulissen geschrieben wurde.

Staaten, Organisationen, Ideologien und Anführer agieren lediglich als Variablen einer größeren Gleichung. Im Zentrum dieser Gleichung steht nicht die Macht an sich, sondern die Frage, wie Macht erzeugt, gelenkt und wahrgenommen wird.

Die heutige Spannung zwischen dem Iran und Israel ist keine rein militärische Abrechnung zweier Akteure. Sie ist der Schnittpunkt jahrzehntelanger strategischer Planungen, Energierouten, ideologischer Konflikte und globaler Machtrivalitäten. Insbesondere die US-Außenpolitik der Post-Cold-War-Ära behandelt den Nahen Osten nicht als einen „Raum der Instabilität“, sondern als eine Zone des steuerbaren Chaos.

Dieser Ansatz begünstigt kontrollierte Spannungen statt eines dauerhaften Friedens, da manipulierbare Krisen den Weltmächten sowohl militärische als auch wirtschaftliche und politische Hebelwirkungen verschaffen.

In diesem Kontext ist die Position des Irans weit mehr als die eines gewöhnlichen regionalen Akteurs. Der Iran steht im Zentrum des Systems – nicht nur wegen seiner Ressourcen oder geografischen Lage, sondern aufgrund seines ideologischen und strategischen Widerstands.

Ältere Berichte aus US-Think-Tanks argumentierten, dass der Iran nicht durch direkte militärische Intervention, sondern durch Druck, Isolation und kontrolliertes Engagement transformiert werden sollte. Dies verdeutlicht, dass der Iran weniger als ein „umzustürzender Staat“, sondern vielmehr als ein „zu verwaltendes Problem“ betrachtet wird.

Die Realität vor Ort folgt jedoch selten den Plänen am Schreibtisch. Die Beispiele Irak, Afghanistan und Libyen haben die chaotischen Folgen direkter Interventionen aufgezeigt. Daher wurde im Falle des Irans eine komplexere Strategie gewählt: Eindämmung (Containment), Stellvertreterkriege, wirtschaftlicher Druck und Informationskriegführung. Diese Strategie hat sich zu einem Modell des hybriden Krieges entwickelt, in dem Medien, Finanzen und Wahrnehmungsmanagement ebenso entscheidend sind wie Panzer und Raketen.

Hierbei ist das Konzept des „konstruierten Feindes“ von zentraler Bedeutung. Um die eigene Öffentlichkeit zu mobilisieren und Interventionen zu legitimieren, bedarf es oft einer Bedrohung. Diese kann real, übertrieben oder gänzlich konstruiert sein. Viele bewaffnete Gruppierungen im Nahen Osten fungieren in diesem Rahmen als Bauern auf dem Schachbrett der Großmächte – sie werden nach strategischem Bedarf eingesetzt oder geopfert.

Dies stellt auch die Unabhängigkeit der regionalen Akteure infrage. Die Situation der kurdischen Gruppen ist hierfür beispielhaft: Ihre historischen Beziehungen zu Großmächten brachten oft kurzfristige Gewinne, aber langfristig hohe Kosten mit sich. Sie bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen nationalen Zielen und globalen Interessen, was sie in eine dauerhafte Abhängigkeit führt und sie als unzuverlässige Partner erscheinen lässt.

Die Rolle der Türkei in dieser Gleichung ist ebenfalls komplex. Während der offizielle Diskurs die Türkei als starken, bestimmenden Akteur darstellt, ist der Handlungsspielraum in der Praxis durch die Präsenz von Weltmächten und vielschichtige Konfliktdynamiken stark begrenzt. Es entsteht eine Spannung zwischen der innenpolitischen Machtrhetorik und der geopolitischen Realität.

Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Ökonomie. Moderne Kriege werden durch finanzielle Nachhaltigkeit definiert. Schwankungen im globalen Finanzsystem, Rentenmärkte und Energiepreise können den Verlauf von Konflikten direkt beeinflussen. Auch Europa ist in diese Gleichung eingebunden; aufgrund seiner Energieabhängigkeit und seiner demografischen Struktur wirken sich Erschütterungen im Nahen Osten unmittelbar auf die europäische Innenpolitik aus.

Ideologisch gesehen konkurrieren heute Liberalismus, religiöser Messianismus und nationalistische Visionen auf demselben Schlachtfeld. Es geht nicht mehr nur um die Frage „Wer gewinnt?“, sondern darum, welche Weltordnung dominieren wird. Der Iran nimmt hier eine hybride Stellung ein: ein System basierend auf religiösen Referenzen, das gleichzeitig eine pragmatische Außenpolitik betreibt und durch strategische Partnerschaften mit Russland und China Teil eines alternativen globalen Blocks wird.

Was wir im Nahen Osten sehen, ist weit mehr als das, was an der Oberfläche erscheint. Diese Geografie ist zum Schauplatz eines indirekten Kampfes der Weltmächte geworden. Die Werkzeuge ändern sich, doch die Logik bleibt gleich: Kontrolle und Einfluss.

Die entscheidende Frage lautet: Wohin führt dieses Spiel? Solange sich die Regeln des Systems nicht ändern, werden die Konflikte anhalten, da sie Teil eines globalen Neugestaltungsprozesses sind. Wahre Macht liegt nicht in der Anzahl der Panzer, sondern in der Fähigkeit, die Regeln des Spiels zu bestimmen. Um im Nahen Osten kein Opfer eines fremden Drehbuchs zu werden, bedarf es eines „tiefen Verstandes“, der in der Lage ist, die Fäden der Puppenspieler zu demaskieren.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


 Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland.


AUCH INTERESSANT

– Iran-Krieg –
Tschetschenen-Kämpfer wollen Iran unterstützen

Tschetschenische Kadyrow-Einheiten kündigen Unterstützung für den Iran im Falle einer US-Bodeninvasion an und bezeichnen den Einsatz als Dschihad.

Tschetschenen-Kämpfer wollen Iran unterstützen

Auch interessant

Mini-E-Bike im Alltag: Wann ein kleines Fahrrad die passende Lösung ist

Das Paket liegt zwei Kilometer entfernt in der Abholstation. Für den Weg zu Fuß müsste man etwas Zeit einplanen, mit dem Auto beginnt die...

Sektsteuer soll steigen: Schulze fordert Stopp der Bundespläne

Halle - Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) lehnt die geplante Erhöhung der Schaumweinsteuer ab. Die vom Bund vorgesehene Anhebung um 20 Cent je Flasche...

Feuerzeuge mit Logo: Warum das kleine Giveaway so lange wirkt

Ein bedrucktes Feuerzeug gehört zu den Werbeartikeln mit der längsten Kontaktzeit. Es kostet wenig und wird fast täglich in die Hand genommen. Oft bleibt...

Gastkommentar: Finanzskandal in der Türkei und die Angst vor der Wahrheit

Ein Gastkommentar von Kemal Bölge Das wahre Ausmaß des Fonds-Skandals in der Türkei und die Verstrickung von Mitgliedern der Regierung erfährt die türkische Öffentlichkeit nicht....

Griechenland und die Türkei: Der Konflikt um die Hoheitsgewässer in der Ägäis

Ein Gastbeitrag von Kemal Bölge Immer wieder kommt es im Ägäischen Meer zu Spannungen zwischen der griechischen und der türkischen Marine. Dabei kommt es auch...

Headlines

Israel: US-Kongresskandidat Brad Lander bei Olivenernte festgenommen

Jerusalem – Der jüdische US-Kongresskandidat Brad Lander ist am Mittwoch, 21. Oktober 2026, im Westjordanland von der israelischen Armee...

Israel: Kirchenführer verurteilen Gewalt radikaler Siedler

Jerusalem - Führende christliche Würdenträger in Jerusalem haben die zunehmende Gewalt radikaler israelischer Siedler gegen palästinensische Gemeinschaften im Westjordanland in...

Netanjahu will „Propaganda gegen Israel“ bekämpfen

Jerusalem – Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu hat eine umfassende Offensive im digitalen Raum angekündigt um mutmaßliche Desinformationskampagnen auf...

„Hufeisen auf den Kopf gefallen“: Juso-Chef Türmer rechnet nach Berlin-Wahl mit der CDU ab

Berlin - Juso-Chef Philipp Türmer hat im phoenix-Interview die Kritik der Union an einer möglichen rot-grün-roten Koalition in Berlin...

Meinung

Post vom KBA: Warum jetzt 200.000 Autofahrer ihren Tachostand melden müssen

Die Halter von rund 200.000 Fahrzeugen in Deutschland erhalten derzeit Post vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) aus Flensburg. Sie werden gebeten, ihren aktuellen Kilometerstand abzulesen und...

Vergessene Geschichte im Kaukasus: Wie schwäbische Auswanderer Aserbaidschan prägten

Eine historische Spurensuche im Kaukasus gibt Einblicke in ein fast vergessenes Kapitel der europäischen Migrationsgeschichte: Vor mehr als zwei Jahrhunderten machten sich Hunderte schwäbischer...

Geleceğin Cumhurbaşkanı: Hakan Fidan

Polat Karaburan Recep Tayyip Erdoğan, yarım asrı aşkın bir süredir Türkiye’nin siyasi hayatına yön veriyor. 1976 yılında merhum Necmettin Erbakan’ın siyasi hareketinde filizlenen bu yolculuk,...

Rapor: Afrika Gençliği Ruh Sağlığında Dünya Lideri

Londra - Maddi refah, ruh sağlığının garantisi değil. Şubat 2026 sonunda yayımlanan yeni bir küresel rapor, zihinsel esenlik haritasını temelden sarstı. İngiltere, Japonya ve Yeni...

The Economist: Erdoğan, Müslüman dünyasının en popüler politikacısı

Londra - Neredeyse iki milyar insandan oluşan devasa ve çeşitlilik arz eden bir topluluk olan küresel Müslüman topluluğu Umma/Ümmet içinde, birleştirici bir temsilci arayışı...