Ein Gastkommentar von Michael Thomas
Wir leben in einer ebenso erstaunlichen wie bedrohlichen und bedenklichen Zeit.
Seit nunmehr sehr vielen Jahren hat sich der öffentliche Dialog im Hinblick auf Israel durch besondere Strategien ernstlich verschoben.
Einzelne pro-israelische Argumentationsstränge werden besonders hervorgehoben und durch gewissermaßen kultische und rituelle Handlungen und Reden in einen heiligen Status verwandelt der nach allgemeiner Auffassung nicht diskutiert werden darf.
Israel – wo liegt die Grenze sachlicher Gespräche?
So behandelt jede Nachkriegsregierung Deutschlands den Staat Israel undifferenziert ausschließlich nur als Fluchtstätte der Juden an denen sich das Dritte Reich vergangen hat. Wichtig ist hier gerade die Idee so zu tun als bestünde Israel aus nichts anderem. Der Staat wird nicht als solcher sondern nur als Refugium von Opfern behandelt und betrachtet. Das hat keineswegs erst mit der Regierung Helmut Kohls sondern direkt nach Ausrufung der neuen Bundesrepublik begonnen.
Unnötig festzustellen dass dieses Verhältnis zu Israel weder ein objektives noch sachlich zu vertretendes darstellt. Dennoch wurde es so manifestiert. Alles was in Deutschland zum Verhältnis zu Israel diskutiert wird erhält sofort grundsätzlich und unmittelbar die Konnotation Holocaust.
Begleitend erweckt sowohl Israel als auch beispielsweise sowohl die US-amerikanische wie auch die deutsche Regierung den Eindruck einer Gleichbedeutung von Israel und Judentum.
Der Staat wird gleichsam aus der Staatengemeinschaft erhoben und genießt durch die Geschichte des Holocaust einen absoluten Sonderstatus. Das zeigt sich überdeutlich in der haarsträubenden Diskussion um das vorgebliche „Existenzrecht“ das exklusiv nur Israel und keinem anderen Staat auf der Welt zugestanden werden soll.
Das kalkulierte Schweigen zu Völkerrechtsverstößen
Faszinierenderweise funktioniert jedoch eine besondere flankierende Strategie bis heute erstaunlich erfolgreich: wenn auch seit jetzt Jahrzehnten in steigender Anzahl objektiv und mit Fakten belegte Berichte über teilweise extreme Verstöße Israels gegen jedes Völker- und Menschenrecht publik werden erfahren diese grundsätzlich keine Würdigung durch „befreundete“ Regierungen.
Trivial ausgedrückt: sie werden einfach totgeschwiegen.
Wenn in Bundespressekonferenzen gezielt darauf angesprochen wird verlautbart die Regierung lediglich man müsse das prüfen man verfüge selbst nicht über Erkenntnisse man werde zum Thema sicherlich „mal telefonieren“ und sei insgesamt „besorgt“. Zu keinem Zeitpunkt erfolgt eine unmissverständliche Verurteilung.
Ob nun wie im Folterlager Sde Teiman gefesselten Gefangenen Stöcke in den Anus gestoßen in Gaza Kinder gezielt durch Scharfschützen abgeknallt oder Menschen von führenden israelischen Politikern öffentlich als „Tiermenschen“ bezeichnet werden ist gleichgültig.
Ich wiederhole mich hier absichtsvoll: das sind keine Ungeschicklichkeiten keine einzelnen Unterlassungssünden keine temporären Wahrnehmungsstörungen sondern hier handelt es sich um eine dezidierte konsequent verfolgte Strategie.
Ungleichgewicht in der politischen Rhetorik
Auf der anderen Seite wird jedoch alles was gegen palästinensischen Widerstand ins Feld gebracht oder nötigenfalls erdacht und erfunden werden kann von der deutschen Regierung dankbar aufgegriffen überbetont bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit präsentiert und ausgewalzt.
So erklärte Annalena Baerbock im Amt als Außenministerin öffentlich und vor laufenden Kameras ein Video von der Vergewaltigung einer Israelin durch einen Hamas-Kämpfer gesehen haben zu wollen – das nachweislich überhaupt nicht existiert.
Sie hat ein Dokument öffentlich herbeifantasiert von dem die israelische Regierung in Halbsätzen Andeutungen gemacht es aber niemals präsentiert hat. Das Märchen von angeblich „40 enthaupteten Babies“ wurde von Regierungen öffentlich entrüstet vertreten und verbreitet Dementis als bekannt wurde dass die Geschichte erlogen war jedoch nicht.
Ebenso versuchen Heerscharen von Menschen rund um den Globus seit Jahrzehnten sowohl die israelische als aber auch die deutsche und US-amerikanische Regierung mit sauber recherchierten und mit zahllosen Beweisen unterlegten Berichten zur Rede zu stellen.
Die Wirkungslosigkeit sachlicher Argumentation
Da wird sachlich korrekt meist mit gesetzten und vorsichtigen Worten Klage erhoben Antwort Reaktion Stellungnahme und Veränderung verlangt.
Aber wie oben bereits festgestellt: all dies Material wird ausgesessen und totgeschwiegen. Es findet einfach keine Reaktion statt. Nichts.
Solange sich daran nichts ändert kann und wird Israel seine Ziele mit unnachgiebiger Härte Grausamkeit politischer Unverwundbarkeit und Konsequenz weiter verfolgen. Dieser Dreiklang der starrsinnig vorangetrieben permanent wiederholten Narrative beschützt es vor allen Verurteilungen: Israel sei immer nur Opfer alle würden nur Juden hassen und es verteidige sich angeblich nur selbst.
Die Mittel sachlicher Dialoge sauber erhobener und präsentierter Fakten ruhiger Gesprächsangebote haben sich in den zurückliegenden vierzig Jahren und mehr so wirkungsvoll gezeigt wie ein gespucktes Papierkügelchen gegen einen Elefanten der einfach weitertrottet.
Das Problem dieser Wirkungslosigkeit liegt im festen Willen Deutschlands etwa begründet nicht nur nichts an seiner Unterstützung Israels verändern sondern sogar anwachsenden Widerstand dagegen mit maximaler Staatsgewalt unterdrücken zu wollen.
Solange sich diese Regierung nicht ausweglos dazu gezwungen sieht sich endlich öffentlich dieser Diskussion zu stellen solange wird sie auch alles unternehmen diese zu unterdrücken. Wenn sich die bisher verwendeten Mittel als unzureichend dazu zeigen diesen Druck aufzubauen werden sie sich soweit zu verändern haben bis sie beginnen Wirkung zu zeigen.
Die historische Parallele und die Notwendigkeit neuer Mittel
Ein Beispiel: Vor mehr als 45 Jahren sah ich erstmals einen Originalausschnitt einer Rede von Josef Goebbels der unter dem tosenden Beifall einer sich von den Sitzen erhebenden Menge sagte:
„Wir werden den Juden das freche Lügenmaul schon stopfen!“
Abgesehen davon dass zu diesem Zeitpunkt blutige Attentate von Nazis auf Sozialdemokraten und Kommunisten längst Tagesgeschäft waren würde es damals wohl kaum genützt haben sich Goebbels Rede mit dem halblaut gemurmelten Protest: „Nein Juden haben kein Maul sie sind nicht frech und sie lügen auch nicht.“ entgegenstellen zu wollen.
Wir löschen kein Haus wenn wir mit einem halben Glas lauwarmem Wasser zum Feuer laufen und dabei von Horden überholt werden die Benzinkanister dorthin tragen. Wenn es nicht gelingt mit wirkungsvollerer ja weil drastischerer Sprache durchzudringen um den Hebel kraftvoller zu gestalten mit dem wir die eigene Regierung zur Reaktion drängen können werden zweifellos über die nächsten Dekaden Hunderttausende mehr sterben Landstriche verwüstet und mit einem unmenschlichen System überzogen werden das sich allen Ernstes für „erwählt“ hält so wie sich die Nazis damals einbildeten „Herrenmenschen“ zu sein.
Eine Zeit der politischen Korrektheit gab es noch nie seit es Israel gibt und sachlich ruhig vorgetragene Argumente haben noch nie funktioniert.
Plädoyer für einen lauter und aggressiver geführten Diskurs
Wer nicht zur Waffe oder gar Bombe greifen will muss entweder andere Mittel ersinnen oder die deutlich verschärfen über die er verfügt. Wird dies unterlassen, so meine unumstößliche Überzeugung, greifen Judenhass Gewalt und Streiterei immer schärfer um sich.
So halte ich es persönlich nicht nur für vertretbar sondern geradezu für notwendig auf allen Ebenen politischen wie gesellschaftlichen Lebens eine auch anrempelnde Sprache zu verwenden durchaus um Streit zu entzünden.
Dieser Streit zeigt nicht nur die Anwesenheit von Widerstand der ansonsten verschluckt übersehen und totgeschwiegen wird sondern gibt randständigen Zweiflern auch Denkanstöße. Dieser Streit kann Erschütterungen auslösen aber letztlich Gewalt verhindern.
Denn soviel ist natürlich auch richtig: wenn die Szene der Israelkritik langanhaltend die Erfahrung ihrer völligen Hilflosigkeit ihrer Ausblendung Marginalisierung macht kriminalisiert verhaftet und mit Schlagstöcken malträtiert wird wird sie sich anderweitig ein Ventil suchen. Und wir erleben derzeit bereits dass sich undifferenzierte Übergriffe auf Juden weltweit deutlich vermehrt haben.
Die Bilder und Informationen aus den von Israel besetzten bekriegten und verwüsteten Regionen reißen nicht ab. Viele davon erzählen von schier unfassbaren Grausamkeiten und einige davon erzeugen Wut Verzweiflung und Hass. Wenn Umfragen längst belegen dass Israel derzeit der verachtetste Staat der Welt ist noch vor Nordkorea übrigens kann man ermessen dass das Gefühl der Hilflosigkeit gefährliche Ausmaße annehmen kann dem ein zufällig vorübergehender Jude irgendwo zum Opfer fallen kann. Aber Gewalt ist niemals eine Lösung.
Es mag eine deprimierende Idee sein aber sie ist zweifellos richtig: Präsenz und Lautstärke dominieren das Feld – und das hat seit langer Zeit die pro-israelische Fraktion fest im Griff. Der Kampf muss zwingend lauter geführt werden und zur Schicksalsfrage von Regierungen werden.
Somit plädiere ich für eine neue Form der Unsachlichkeit um die seit langem unsachliche und in wesentlichen Teilen völlig irrationale Sprachregelung scharf und auch aggressiv in Zweifel zu ziehen mit der die Phalanx des Widerstandes derzeit konfrontiert wird.
Nur über diesen Weg können sich überzeugendere Mehrheiten bilden die eines Tages einen überzeugenden Hebel darstellen um Veränderungen herbeizuführen – was ganz nebenbei gesagt auch die Ziel- und Sinngebung einer Demokratie ist.
Werden wir lauter unverschämter wütender ja auch unsachlicher wenn wir Gewalt verhindern und vermeiden wollen!
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
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