Ein Gastkommentar von Susanne Mattner
Ich habe heute ein Bild gesehen. Bevor ich so etwas veröffentliche, mache ich etwas völlig Verrücktes: Ich recherchiere. Wer ist der Mann? Hat er das wirklich gesagt? Ist das Zitat authentisch? Die Antwort lautet: Ja. Deshalb habe ich auch die wertende Überschrift entfernt.
Die braucht es nämlich gar nicht, denn das Originalzitat reicht völlig aus. Yehuda Shimon ist ein israelischer Anwalt und eine bekannte Persönlichkeit der Siedlerbewegung. Ein Anwalt.
Es gibt Berufe, bei denen ich davon ausgehe, dass ein Mindestmaß an ethischem Kompass vorhanden sein sollte – Ärzte, Richter und Juristen allgemein gehören für mich dazu. Vielleicht bin ich in dieser Hinsicht altmodisch.
Wenn ein Jurist Menschenleben aufrechnet
Und dann sagt ausgerechnet ein solcher Jurist öffentlich: „Ein jüdisches Leben ist mehr wert als zehn Millionen palästinensische Leben.“ Das muss man erst einmal sacken lassen. Natürlich empfindet jeder Mensch mehr für seine eigene Familie oder sein eigenes Land, das ist völlig normal.
Aber zwischen dem Gefühl „Ich fühle mit meinen Landsleuten“ und der Aussage „Zehn Millionen andere Menschen sind weniger wert als einer von uns“ liegen moralische Galaxien. Ich persönlich mache diesen Unterschied nicht. Ob ein Mensch in Tel Aviv, Gaza, Hamburg oder Lagos stirbt – jedes verlorene Leben ist eines zu viel.
Das Schweigen der doppelten Standards
Was mich aber mindestens genauso beschäftigt, ist die Reaktion darauf – oder besser gesagt: das weitgehende Ausbleiben einer Reaktion. Spielen wir doch einmal das beliebte Spiel „Was wäre, wenn…?“. Was wäre wohl passiert, wenn ein palästinensischer Anwalt vor laufender Kamera gesagt hätte: „Ein palästinensisches Leben ist mehr wert als zehn Millionen jüdische Leben.“
Wie lange hätte es wohl gedauert, bis sämtliche Talkshows Sondersendungen veranstaltet hätten? Wie viele Leitartikel wären geschrieben worden und wie viele Politiker hätten sich gegenseitig mit ihrer Empörung überboten? Ich vermute, es hätte ungefähr bis zur nächsten vollen Stunde gedauert.
Hier dagegen erntet die Aussage vor allem Achselzucken, vielleicht noch ein paar Erklärungsversuche, ein bisschen Kontext oder ein wenig Relativierung. Man kennt das inzwischen. Offenbar hängt die Empörung heute nicht mehr davon ab, was gesagt wird, sondern wer es sagt.
Für mich bleibt der Maßstab jedenfalls derselbe: Wer Menschenleben so kalt gegeneinander aufrechnet, hat jeden moralischen Kompass verloren. Und wenn ausgerechnet ein Anwalt das tut, ist das nicht nur eine persönliche Entgleisung. Es ist ein moralischer Offenbarungseid, denn ein juristisches Examen ersetzt eben keinen Charakter.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
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