Israel
Mattner: „Man muss Israel nicht hassen, um diese Politik zu verurteilen“

Im Gastkommentar kritisiert Susanne Mattner das krampfhafte Wegsehen in der deutschen Debatte über die völkerrechtswidrige Politik im Westjordanland.

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Ein Gastkommentar von Susanne Mattner

Ich habe gerade den Tagesschau-Bericht „Im Westjordanland bauen israelische Siedler neue Häuser und Siedlungen“ über das Westjordanland gesehen. Und was mich inzwischen fast genauso wütend macht wie die Zustände vor Ort, sind die Menschen, die das alles immer noch relativieren. Wie oft wollen wir uns das eigentlich noch anschauen?

Neue Siedlungen. Immer mehr Landnahme. Immer mehr Gewalt. Menschen werden vertrieben, eingeschüchtert oder getötet. Und eine Siedlerin stellt sich vor die Kamera und sagt über ihren Schwager, der einen jungen Palästinenser erschossen hat, er habe richtig gehandelt.

Man stelle sich für einen Moment vor, jemand aus irgendeinem anderen Konflikt würde einen solchen Satz sagen. Der Aufschrei wäre gewaltig.

Hier dagegen wird diskutiert, eingeordnet, relativiert, abgelenkt und beschwichtigt.
Immer wieder dieselben Reflexe:

„Das ist kompliziert.“
„Man muss beide Seiten sehen.“
„Aber Hamas …“

Nein. Nicht jede Situation wird dadurch kompliziert, dass man sich weigert, sie klar zu benennen. Es gibt Dinge, die man nicht relativieren muss. Es gibt Dinge, die man verurteilen kann, ohne vorher zehn Fußnoten und zwanzig Entschuldigungen zu formulieren.

Ein Mitarbeiter der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem sagt in dem Bericht:

„Die Regierung, die Armee und die Siedler sind eins.“

Wer den Bericht sieht, wer die Entwicklung der letzten Jahrzehnte verfolgt hat und wer die Realität im Westjordanland kennt, versteht, warum ein solcher Satz überhaupt ausgesprochen wird.

Was mich zunehmend fassungslos macht, ist die deutsche Debatte. Dieses krampfhafte Wegsehen. Diese Angst, offensichtliches Unrecht als Unrecht zu benennen. Diese Bereitschaft, Dinge zu akzeptieren, die man bei jedem anderen Staat längst als Skandal bezeichnen würde.

Man muss Israel nicht hassen, um diese Politik zu verurteilen.
Man muss nur noch ein Mindestmaß an moralischer Konsequenz besitzen.
Wer heute noch jede Kritik reflexhaft abwehrt, trägt vielleicht keinen Stein, keine Waffe und keinen Uniformrock. Aber er hilft dabei, dass die Verantwortlichen immer weitermachen können, ohne ernsthaften Druck fürchten zu müssen.

Das Unrecht geschieht nicht im Verborgenen. Es geschieht vor den Augen der Welt.
Und viel zu viele haben sich daran gewöhnt.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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