Gastkommentar
Zwischen persönlicher Erfahrung und politischer Erzählung: Ein Blick auf LGBT in der Türkei

Marina Bütün über die Türkei: Warum die heutige Debatte über LGBT und Repression die viel härtere Realität der 1990er-Jahre unter der Opposition ausblendet.

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Ein Gastkommentar von Marina Bütün

Zu diesem Thema spreche ich nicht aus der Distanz. Meine Sicht ist geprägt von eigenen, sehr konkreten Erfahrungen – aus Istanbul Anfang der 1990er Jahre, in der die Türkei von wechselnden Koalitionsregierungen regiert wurden, an denen oft die Vorgängerparteien der heutigen kemalistischen Opposition beteiligt waren (z.B. CHP).

Mein persönliches Umfeld weiß, dass ich ein offener Mensch bin und grundsätzlich jeder sein Leben so führen soll, wie er es für richtig hält. Dennoch halte ich es für notwendig, zwischen persönlicher Freiheit und gesellschaftlicher Realität zu unterscheiden – und diese Realität in der Türkei war nie einfach mit Europa vergleichbar.

Anfang der 90er Jahre mietete mein Mann, weil er einen Job in Istanbul gefunden hatte – ohne Vorwissen – in der damals berüchtigten Pürtelas Sokak im Istanbuler Stadtteil Cihangir, unweit des Taksim-Platzes eine Wohnung, die im Vergleich wesentlich günstiger war, als die anderen Angebote.

Die Straße hatte zu jener Zeit einen besonderen Ruf. Sie war geprägt von einer Szene, die heute unter dem Begriff LGBT zusammengefasst wird. Außenstehende betraten diese Straße kaum. Taxifahrer weigerten sich oft, dorthin zu fahren. Wer nicht dort wohnte, wurde angefeindet, teilweise aggressiv bedrängt. Flaschen flogen aus den oberen Stockwerken, Spannungen gehörten zum Alltag.

Heute ist Cihangir ein angesagtes Viertel, wurde bekannt für seine bunten Treppen und eine kreative Szene. Damals jedoch herrschte dort ein Klima, das wenig mit dem Bild zu tun hat, das heute häufig gezeichnet wird.

Ich selbst habe diese Zeit manchmal erstaunt, manchmal mit Angst und als belastend erlebt. Als junge Frau wurde ich vor der Haustür bedroht. Mein Mann wurde eingeschüchtert, man drohte ihm mit der Polizei – unter Verweis auf damals geltende Vorschriften, die unverheiratetes Zusammenleben unter Strafe stellten.

Die Ironie dabei: Diese Drohungen kamen von männlichen Personen in langen Frauenkleidern, die selbst völlig außerhalb gesetzlicher Regeln agierten und mit Federschmuck oder Schleifchen in der Langhaarperücke auf Freier warteten.
Die Straße war geprägt von nächtlichen Polizeieinsätzen, Sirenen, Gewalt und großer sozialer Not.

Es kam zu Selbstverstümmelungen, verzweifelten Versuchen körperlicher Angleichung an das weibliche Geschlecht – ohne medizinische Hilfe, bis jemand den Notarzt rief. Gleichzeitig wurden Menschen aus dieser Szene von staatlicher Seite repressiv behandelt – etwa durch Zwangseinweisungen, um sie zu heilen. Wie diese Heilungen konkret abliefen, bleibt bis heute schwer nachvollziehbar.

Diese Realität war komplex. Sie bestand aus gesellschaftlicher Ausgrenzung, staatlicher Härte – aber auch aus internen Konflikten und Spannungen innerhalb der Szene selbst.

20 Jahre später, unter der heutigen Regierung, habe ich in der Türkei auch ganz andere Erfahrungen gemacht. Ich lernte gebildete, integrierte Menschen aus der Szene geschäftlich kennen, die ihr Leben ruhig und selbstbestimmt führten – ohne sich in den Mittelpunkt zu stellen. Sie bauten sich eine Villa am Meer, wie jedes Paar, das es sich leisten konnte, sie luden Gäste ein, auch Paare wie uns. Dass zwei Männer ene pinkfarbene Küche schön finden, war vielleicht der einzige Hinweis auf die Zugehörigkeit zur Community.

Einige von ihnen entschieden sich dennoch, in größere Städte zu ziehen, weil sie sich subjektiv unwohl fühlten, da es in kleinen Orten unter den Bewohnern angeblich zu Tuscheleien kam und man schief angesehen wurde.

Auffällig war für mich dabei: In ihrem Umfeld spielte ihre Lebensweise oft gar keine Rolle – und doch blieb ein Gefühl der Unsicherheit. Einer davon war sogar Regisseur und stellte Werbe Clips für die Regierung Erdogans her.

Hier stellt sich bei mir und vielleicht auch bei anderen eine grundlegende Frage: Wo endet tatsächliche Diskriminierung, und wo beginnt subjektive Wahrnehmung oder politische Deutung?

Ein weiterer Punkt ist die Darstellung der Türkei im Ausland. Bilder von aufgelösten Demonstrationen, Wasserwerfern und Polizeieinsätzen sind regelmäßig in europäischen Medien zu sehen. Was dabei häufig unerwähnt bleibt: Kaum eine dieser Demonstrationen ist von den Behörden genehmigt.

In einem Land, in dem Versammlungen generell reguliert werden, seit es Jahrzehnte haufenweise Terroranschläge der PKK Terrorgruppe gab, führt das zwangsläufig zu Konflikten – unabhängig vom Thema der Demonstration.

Die internationale Berichterstattung konzentriert sich oft auf das Bild staatlicher Unterdrückung. Weniger Beachtung findet dabei die Frage, inwieweit politische Interessen eine Rolle spielen. Gerade im Verhältnis zwischen Europa und der Türkei wird dieses Thema zunehmend aufgeladen diskutiert.

Auch innenpolitisch ist das Thema stark polarisiert. Kritik der Oppositionellen an der aktuellen Regierung wird häufig mit dem Umgang mit Minderheiten verknüpft. Ohne sich an die 90er Jahre zu erinnern und wer in dieser Zeit denn regiert hatte.
Gleichzeitig wird selten darüber gesprochen, wie sich die Situation im Vergleich zu früher tatsächlich verändert hat – oder welche gesellschaftlichen Dynamiken unabhängig von der Politik bestehen.

Hier zeigen sich die tiefen Widersprüche und der drastische Wandel in der türkischen Politikgeschichte der letzten Jahrzehnte. Die politische Landschaft der 1990er Jahre unterscheidet sich grundlegend von der heutigen, was die Bewertung von Repression und Verantwortung sehr komplex macht.

Die Situation in den 1990er Jahren

Die historischen Fakten, an die sich kaum jemand erinnern will oder sich wirklich nicht erinnert, weil er die Zeiten gar nicht erlebt hat: In den 1990er Jahren wurde die Türkei von wechselnden Koalitionsregierungen regiert, an denen oft die Vorgängerparteien der heutigen kemalistischen und nationalistischen Opposition (wie die CHP) beteiligt waren.

Das Vorgehen der Behörden damals unter anderen türkischen Regierungen: In dieser Ära – insbesondere unter der berüchtigten Amtszeit des Istanbuler Polizeichefs Hortum Süleyman – ging der Staat mit massiver Härte, Razzien, Zwangseinweisungen und Gewalt gegen die queere Community in Vierteln wie Cihangir und Beyoğlu vor. Das Ziel war oft eine rigorose „Säuberung“ des Straßenbildes.

Die Rolle der heutigen Regierung (AKP)

Als die AKP 2002 an die Macht kam, gab es zunächst eine Phase der Liberalisierung. Recep Tayyip Erdoğan betonte vor seiner Wahl im Jahr 2002 sogar öffentlich, dass homosexuelle Mitbürger im Rahmen ihrer Rechte geschützt werden müssten. Bis 2014 fanden die Istanbul Pride-Märsche mit Zehntausenden Teilnehmern friedlich statt.

Seit 2015 hat sich der Kurs der Regierung ein klein wenig verändert. Die CSD-Märsche werden seither unter Verweis auf die öffentliche Sicherheit, Moral und den Jugendschutz konsequent verboten. Wobei ich nach meinen eigenen Erlebnissen mitten in der Szene sagen muss, es ist gut so.

Ich bin fast überzeugt, dass kein Ausländer damals so nah an der Realität war wie ich und wahrscheinlich die einzige Hetero-Frau aus Europa war, die jemals in dieser Straße damals übernachtet hat und das mit einer aufgespannten Harpune unterm Bett und einem Tauchermesser, weil es auch durchaus einmal vorkam, dass in der Nacht die Türen aufgebrochen wurden.

Unangemeldete Kundgebungen werden ganz klar auch in der Türkei – ähnlich wie bei Verstößen gegen das Versammlungsrecht in westlichen Ländern – von der Polizei aufgelöst. Daran ist nichts seltsames, nur wird es meistens nie erwähnt.

Der Widerspruch in der Debatte

Meine persönlichen Beobachtungen treffen den Kern eines politischen Paradoxons:
Die heutigen Oppositionsparteien der Türkei samt ihren Feministinnen und der LGBT Szene positionieren sich im Westen oft als Verteidiger der Menschenrechte und werfen der Regierung ganz schlimme Unterdrückung vor.

Dabei wird die historische Tatsache völlig und wahrscheinlich auch bei vielen bewusst ausgeblendet, dass die härtesten staatlichen Repressionen und die Ghettoisierung der Community in den 1980er und 1990er Jahren unter genau den Regierungen stattfanden, die ideologisch der heutigen Opposition nahestanden.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


ZUR AUTORIN

Die Autorin Marina Bütün lebt seit Anfang der 2000er Jahre an der türkischen Westküste gegenüber der griechischen Insel Rhodos. Seit 2020 veröffentlichte sie viele Bücher mit Türkeibezug , u.a. Ratgeber Auswandern Türkei oder den wahren Familienroman „Die Braut aus dem Osmanischen Reich“


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