Gastkommentar
Susanne Mattner zu Kindstötungen in Palästina

Nahost-Konflikt: Susanne Mattner kommentiert die Debatte über Opferzahlen und Berichte ehemaliger Soldaten sowie die gesellschaftlichen Reaktionen.

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Ein Gastkommentar von Susanne Mattner
 
Wir hören die Berichte eines ehemaligen israelischen Scharfschützen. Wir hören die Aussagen eines rechtsextremen Knesset-Mitglieds. Wir sehen Videos, Zeugenaussagen, Rekonstruktionen – und trotzdem wird das hierzulande noch immer verteidigt. Wie nennt man das eigentlich? Realitätsverweigerung? Oder ist das schon olympisches Synchronschwimmen im Strom der Doppelmoral?
 
Stellt euch vor, ein ehemaliger Bankräuber erklärt, wie Banken ausgeraubt werden. Ein Politiker sagt anschließend: „Eigentlich gibt es gar keine unschuldigen Bankkunden.“ Und die Reaktion wäre: „Ja, man muss eben beide Seiten sehen.“ Klingt absurd? Willkommen im Jahr 2026.
 
Oder anders gefragt: Wie viele Berichte braucht es noch? Wie viele Videos? Wie viele tote Kinder? Gibt es irgendwo einen Stempel mit der Aufschrift: „Ab 100 Fällen nehmen wir das vielleicht ernst“?
 
Ein ehemaliger Scharfschütze schildert Missstände. Angehörige erzählen ihre Geschichte. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren Fälle. Ein rechtsextremer Politiker erklärt sinngemäß, es gebe keine unschuldigen Kinder in Jenin. Und was passiert? Die eigentliche Debatte dreht sich nicht um die Kinder.
 
Nein. Die Debatte dreht sich darüber, ob man das überhaupt erwähnen darf. Das ist ungefähr so, als würde ein Haus lichterloh brennen und eine Gruppe Menschen diskutiert ernsthaft darüber, ob der Rauch vielleicht nur Nebel mit schlechtem Timing ist. Oder als würde ein Elefant im Wohnzimmer sitzen, den Kronleuchter fressen und jemand sagt: „Moment mal. Woher wissen wir eigentlich, dass das wirklich ein Elefant ist? Vielleicht ist das nur eine sehr große Maus.“
 
Die Verrenkungen sind beeindruckend. Würde geistige Gymnastik Medaillen vergeben, manche Kommentatoren hätten längst Gold, Silber und Bronze gleichzeitig gewonnen. Und jedes Mal dieselbe Zaubershow: Aus Opfern werden Verdächtige. Aus dokumentierten Vorfällen werden „Narrative“. Aus Mitgefühl wird plötzlich eine politische Gefahr.
 
Natürlich ist Kritik an staatlichem Handeln nicht dasselbe wie Hass auf ein Volk. Natürlich verdient jedes zivile Leben den gleichen Schutz. Natürlich sollte jedes getötete Kind dieselbe Empörung auslösen – unabhängig davon, welche Sprache es spricht oder welchen Pass seine Eltern besitzen. Oder gilt Menschenwürde inzwischen nach dem Bonuskartenprinzip? Zehn Leben gesammelt, das elfte zählt kostenlos?
 
Vielleicht sollten wir ehrlich sein: Das Problem ist nicht, dass zu wenig Informationen vorhanden sind. Das Problem ist, dass manche Informationen offenbar nur dann glaubwürdig sind, wenn sie ins eigene Weltbild passen.
 
Wie viele ehemalige Soldaten müssen noch sprechen? Wie viele Familien müssen noch trauern? Wie viele Dokumentationen müssen noch erscheinen, bevor Mitgefühl nicht mehr nach Nationalität sortiert wird? Es wäre schön, wenn Menschlichkeit irgendwann weniger kompliziert wäre als ideologische Akrobatik.
 

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


 
 
 

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