Siedler-Gewalt
Mattner: „Auch israelische Siedler können Terroristen sein“

Susanne Mattner kritisiert doppelte Maßstäbe bei Terror und fordert, Gewalt israelischer Siedler im Westjordanland klar als Terror zu benennen.

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Ein Gastkommentar von Susanne Mattner

Ich bin ehrlich gesagt äußerst erstaunt – und zwar positiv –, dass die Frankfurter Rundschau so detailliert, so deutlich und vor allem so mutig über die Gewalt israelischer Siedler im Westjordanland berichtet. Denn normalerweise wird bei diesem Thema in Deutschland sehr schnell die rhetorische Schere angesetzt. Bestimmte Dinge werden lieber vorsichtig formuliert, manche Begriffe werden vermieden und bei manchen Fakten scheint man sich vorher zu fragen, wer sich darüber empören könnte. Dieser Artikel macht das erfreulicherweise nicht.

Die Frankfurter Rundschau hat den israelischen Menschenrechtler Dror Etkes interviewt, Gründer der israelischen Menschenrechtsorganisation Kerem Navot. Und ich betone das Wort israelisch ganz bewusst. Denn ich höre die israelische Bubble jetzt schon wieder: „Selbsthassender Jude!“ „Antisemit!“ „Er hasst sein eigenes Land!“ „Was für ein Verräter!“

Genau diese Reaktionen kennt Etkes übrigens selbst. Israelische Menschenrechtsaktivisten würden in Israel zunehmend als „Verräter“ behandelt, berichtet er. Aber vielleicht sollten wir einfach einmal zuhören, was dieser Mann tatsächlich sagt.

Etkes ist kein palästinensischer Aktivist, der aus dem Ausland auf Israel blickt. Er ist Israeli, in Jerusalem aufgewachsen, war selbst in einem religiös-zionistischen Umfeld verankert und hat seinen Militärdienst geleistet. Seit Jahrzehnten dokumentiert er die israelische Siedlungspolitik und die Gewalt im Westjordanland. 2012 gründete er Kerem Navot.

Was der israelische Menschenrechtler berichtet

Und was berichtet dieser Israeli? Dass die Gewalt der Siedler inzwischen überall dort stattfindet, wo Palästinenser leben. Dass Menschen aus ihren Gebieten gedrängt werden. Dass Siedler versuchen, Palästinenser immer weiter in die bebauten Teile ihrer Dörfer zurückzudrängen, während die offenen Flächen übernommen werden. Dass Siedlergewalt vom israelischen Militär gedeckt werde. Und dass sich die Grenze zwischen Siedlergewalt und staatlicher Gewalt immer schwerer ziehen lasse.

Etkes beschreibt eine Situation, in der Tausende Siedler nach dem 7. Oktober in die israelische Armee rekrutiert wurden und anschließend im Westjordanland gleichzeitig Soldaten mit militärischer Autorität und Teil extremistischer Siedlergemeinschaften sind.

Und dann fällt dieser Satz: „Es gibt keinen sicheren Quadratmeter mehr für Palästinenser.“

Das ist keine Kleinigkeit. Das ist keine gelegentliche „Auseinandersetzung“. Das ist keine folkloristische Randerscheinung des Konflikts.

„Wir müssen das Kind beim Namen nennen“

Und deshalb komme ich zu einem Punkt, bei dem ich inzwischen ganz bewusst aufhöre, sprachlich herumzueiern: Wir müssen das Kind beim Namen nennen. Wir reden seit Jahrzehnten von palästinensischen Terroristen. Dann möchte ich dieselbe klare Sprache auch bei israelischen Siedlern hören.

Wenn radikale Siedler palästinensische Zivilisten terrorisieren, ihre Häuser angreifen, Moscheen anzünden, Menschen töten und durch Gewalt und Einschüchterung erreichen wollen, dass diese Menschen ihr Land verlassen, dann ist das nicht einfach nur „Siedlergewalt“. Das ist Terror.

Und wer diesen Terror ausübt? Terroristen.

Für diejenigen, die gezielt Gewalt einsetzen, um eine Zivilbevölkerung einzuschüchtern, zu vertreiben und sich deren Land anzueignen, sollten wir endlich dieselben Maßstäbe anlegen.

Terror ist keine Nationalität. Terror ist keine Religion. Terror hat keine Flagge. Und vor allem darf das Wort „Terrorist“ nicht zu einem politischen Etikett werden, das man nur dann aus der Schublade holt, wenn es gegen die jeweils andere Seite passt.

Wenn wir von palästinensischem Terrorismus sprechen, dann müssen wir auch den Siedlerterror benennen, wenn genau diese Kriterien erfüllt sind. Alles andere ist keine klare Haltung gegen Terror. Es ist zweierlei Maß.

Und vielleicht ist genau deshalb dieser Artikel der Frankfurter Rundschau so wichtig. Weil hier ausnahmsweise einmal ein Israeli selbst zu Wort kommt, der nicht in das bequeme Schwarz-Weiß-Bild passt.

Ein Israeli, der seine eigene Gesellschaft kritisiert. Ein Israeli, der die Gewalt dokumentiert. Ein Israeli, der seit Jahrzehnten hinschaut. Und der dafür von Teilen der eigenen Gesellschaft als Verräter behandelt wird. Vielleicht sollten wir ihm einfach einmal zuhören, statt ihn reflexhaft zum „Selbsthasser“ zu erklären. Die Benennung von Terror ist kein Angriff auf eine Religion.

Und deshalb frage ich ganz am Ende etwas, das eigentlich gar nicht mehr so schwer zu beantworten sein dürfte: Wundert sich wirklich noch irgendjemand darüber, dass Palästinenser angesichts von Jahrzehnten aus Besatzung, Entrechtung, Vertreibung, Gewalt und Perspektivlosigkeit Hass entwickeln?

Das bedeutet nicht, Hass gutzuheißen. Aber wer die Ursache verstehen will, darf nicht so tun, als wäre dieser Hass aus dem Nichts entstanden.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor

Susanne Mattner wurde im Ruhrgebiet geboren und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowohl in den USA als auch an der Universität Dortmund. Nach ihren Studienstationen verbrachte sie in den 1990er-Jahren auch einige Zeit im Nahen Osten. Nach ihren längeren Auslandsaufenthalten lebt sie heute verheiratet in Hamburg. In ihren Beiträgen verfolgt sie aufmerksam das internationale Zeitgeschehen mit einem geschulten Blick für mediale Narrative. Ihre Schwerpunkte liegen auf geopolitischen Entwicklungen im Nahen Osten, gesellschaftlichen Debatten sowie der kritischen Analyse doppelter Standards in der Berichterstattung.


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