Naher Osten
MEMO: „Die Türkei gewinnt den Machtkampf gegen Israel“

MEMO-Analyse: Warum die Türkei den regionalen Machtkampf gegen Israel auch ohne Krieg gewinnt und weshalb Ankara eine Konfrontation vermeiden sollte.

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London – Die Türkei befindet sich im regionalen Machtgefüge des Nahen Ostens in einer Position der Stärke und setzt sich im strategischen Wettbewerb mit Israel zunehmend durch – ganz ohne einen direkten Waffengang

Zu diesem Schluss kommt eine ausführliche Analyse des Fachjournals Middle East Monitor. Angesichts der jüngsten militärischen Zwischenfälle in Syrien und verhängter Warnungen zwischen Ankara und Tel Aviv wird in internationalen Sicherheitskreisen intensiv über die Gefahr einer direkten militärischen Konfrontation auf syrischem Boden debattiert.

Der Bericht betont jedoch eindringlich, dass die größte Stärke Ankaras nicht in einem Sieg auf dem Schlachtfeld liege, sondern in der stetigen Einschränkung der israelischen Fähigkeit, die Region einseitig nach eigenen Interessen zu gestalten. Ein offener Krieg würde diese mühsam erarbeiteten Vorteile massiv gefährden und den bisherigen strategischen Erfolg ins Gegenteil verkehren.

Die Kernursache der wachsenden Spannungen liege in den grundlegend konträren Zielen, die beide Staaten auf syrischem Territorium verfolgen. Während die Türkei die vollständige Wiederherstellung der territorialen Integrität und die Konsolidierung einer funktionierenden Zentralregierung in Damaskus anstrebe, verfolge Tel Aviv ein entgegengesetztes Modell.

Für Ankara sei ein stabiles Syrien essenziell, um die 900 Kilometer lange gemeinsame Grenze zu sichern, bewaffnete Gruppen zu integrieren, das Wiedererstarken des IS sowie PKK-naher Strukturen zu unterbinden und die geordnete Rückkehr von Flüchtlingen zu ermöglichen. Israel hingegen definiere seine Sicherheit primär über ein geschwächtes syrisches Staatswesen mit eingeschränkter Luftverteidigung und ohne schwere Waffen im Umfeld der besetzten Golan-Höhen.

Diese strukturellen Gegensätze führten in der Vergangenheit wiederholt zu militärischen Eskalationen. Bereits im April 2025 hatte Israel Luftangriffe auf syrische Stützpunkte wie T-4, Palmyra und Hama durchgeführt, kurz nachdem türkische Militärdelegationen vor Ort Möglichkeiten einer vertieften Verteidigungskooperation evaluiert hatten.

Ein ähnliches Muster habe sich beim jüngsten Schlag gegen den Militärflugplatz Abu al-Duhur am 18. August wiederholt. Während Israel von einer unmittelbar bevorstehenden türkischen Truppenstationierung sprach, wurde die Existenz einer festen Basis von syrischer und türkischer Seite vehement dementiert.

Trotz der operativen Unsicherheiten habe Israel damit signalisiert, dass es bereit sei, militärische Gewalt gegen die von der Türkei unterstützte Erholung der syrischen Streitkräfte einzusetzen.

Nach Einschätzung der Analysten stellen diese Luftschläge zwar eine Herausforderung dar, sie liefern jedoch keinen Grund für einen Kriegseintritt. Israel sei zwar in der Lage, Landebahnen zu bombardieren, könne jedoch weder einen stabilen syrischen Staat aufbauen noch die geographische Nähe der Türkei oder den enormen Bedarf der Regierung von Ahmed al-Sharaa an türkischem Handel, Training, Energie und Wiederaufbau aufheben. Solange verhindert werde, dass Syrien in ein direktes türkisch-israelisches Schlachtfeld verwandelt wird, arbeite die Zeit klar für Ankara.

Der eigentliche Erfolg der türkischen Strategie beruhe auf dem Prinzip der sogenannten vernetzten Eindämmung (networked containment). Hierbei handle es sich nicht um eine offensive Seeblockade oder einen Ring aus Militärbasen, sondern um ein dichtes Geflecht aus diplomatischen Initiativen, Institutionen und defensiven Partnerschaften.

Über das Ausbildungszentrum Camp TURKSOM in Somalia sowie das Abkommen zwischen Mersin und Port Sudan im Jahr 2025 baue Ankara seine logistische und maritime Präsenz an den strategischen Nadelöhren des Roten Meeres und am Golf von Aden konsequent aus. Diese Präsenz diene der indirekten Einflussnahme auf globale Handelsrouten, ohne den freien Schiffsverkehr zu blockieren.

Auch auf diplomatischer Ebene schaffe Ankara Tatsachen, die den israelischen Handlungsspielraum verengen. Im Libanon sondiere die türkische Führung Initiativen, die einen israelischen Rückzug aus dem Südsektor an ein striktes staatliches Waffenmonopol der libanesischen Armee koppeln könnten.

Dies würde sowohl die autonome Stellung der Hisbollah schwächen als auch die Rechtfertigung für dauerhafte israelische Interventionen entziehen. Gleichzeitig biete das Gemeinsame Verteidigungsabkommen von Mekka zwischen der Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan ein regionales Abschreckungspotenzial. Dieses Bündnis sei bewusst weder gegen Israel noch gegen den Iran gerichtet, sondern diene als defensive Abschreckung zur Stärkung der regionalen Autonomie.

Besonders deutlich werde der Vorteil der türkischen Diplomatie im Verhältnis zu den USA. Die Beziehungen zwischen Ankara und Washington gestalten sich derzeit so positiv wie seit Jahren nicht mehr, was sich unter anderem im Besuch von US-Präsident Donald Trump im Juli und den zugesagten Erleichterungen bei Verteidigungssanktionen zeigte.

Beide Nationen teilen das Ziel eines vereinten und stabilen Syriens. Nach dem Vorfall in Abu al-Duhur bezeichnete der US-Sondergesandte Tom Barrack den Angriff offen als „unnötige Eskalation“ und warnte vor einem gefährlichen Provokationsspiel Israels, das darauf abzielen könnte, die Türkei in einen Konflikt zu locken.

Ein von der Türkei gewählter Krieg würde diese mühsam aufgebauten Erträge schlagartig vernichten. Selbst ein lokal begrenzter Konflikt würde Syrien erneut verwüsten, den staatlichen Wiederaufbau stoppen, Investitionen blockieren und Raum für terroristische Gruppierungen schaffen. Damit würde Ankara genau jene Regierung schwächen, zu deren Schutz es angetreten ist.

Zudem würden arabische Partner wie Saudi-Arabien oder Pakistan im Falle eines aktiven Waffengangs Distanz wahren, um ihre eigenen Beziehungen zu den USA nicht zu gefährden. Auf dem Schlachtfeld wiederum würde die Türkei auf ein Terrain geraten, auf dem Israel durch Luftüberlegenheit, Aufklärungsnetzwerke und direkte US-Unterstützung seine größten taktischen Stärken ausspielen kann.

Die Analyse unterstreicht abschließend, dass Zurückhaltung keineswegs mit Passivität gleichzusetzen sei. Das Recht auf Selbstverteidigung zum Schutz des eigenen Personals bleibe unberührt, müsse jedoch strikt von einem offensiven Feldzug getrennt werden. Die stärkste Position der Türkei liege in einer durch Macht gestützten „strategischen Geduld“:

Einer Strategie, die Israel ohne Krieg abschreckt, Syrien stärkt, ohne es in ein Protektorat zu verwandeln, und regionale Partnerschaften vertieft, ohne diese in ein starres Anti-Israel-Bündnis zu zwängen. Ankara sollte den politischen Wettbewerb, den es derzeit gewinnt, nicht durch den Eintritt in einen Krieg aufs Spiel setzen, den Israel militärisch besser vorzubereiten versteht.


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