Debattenkultur
Mattner: „Ihr dürft eure Meinung sagen, wir dürfen sie scheiße finden“

Mattner: „Man darf seine Meinung jeden Tag kundtun. Aber wir dürfen auch sagen, dass wir sie scheiße finden.“ Gastkommentar über angebliche Zensur.

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Ein Gastkommentar von Susanne Mattner

Heute möchte ich mal etwas deutlicher werden. Ganz im Stil meiner Ruhrpott-Herkunft. Also ohne Samthandschuhe, ohne diplomatisches Geschwurbel und mit ein bisschen mehr Klartext, als man es vielleicht sonst von mir gewohnt ist.

Wenn ich die Beiträge und Kommentare mancher Rechtsgedrehten lese – und gefühlt werden es jeden Tag mehr –, denke ich inzwischen ernsthaft: Ich lebe in Nordkorea. Da sitzen Leute vor ihrem Handy und posaunen von morgens bis abends ins Internet, sie dürften ihre Meinung nicht mehr sagen. Sie würden unterdrückt. Man könne ja „nichts mehr sagen“. Die Meinungsfreiheit sei abgeschafft.

Ja, am Arsch! Die schreiben sich doch die Finger wund! Facebook voll. X voll. Kommentarspalten voll. Videos, Memes, irgendwelche Wutanfälle und politische Tiraden – Tag für Tag, bis der Arzt kommt. Und dann erzählen sie dir mit todernster Miene, sie dürften ihre Meinung nicht sagen. Ganz ehrlich: Ich kann den Scheiß teilweise nicht mehr lesen.

Und bevor jetzt wieder irgendeiner aus dem Gebüsch springt und mir erklärt, ich sei links-grün versifft: Ja, und ich kritisiere die deutsche Politik. Und zwar scharf. Nur eben bei völlig anderen Dingen als ihr.

Ja, unserer Wirtschaft geht es momentan nicht besonders gut. Das sehe ich durchaus kritisch. Aber welchen Anspruch haben wir eigentlich? Deutschland gehört nach wie vor zu den größten Volkswirtschaften der Welt. Und wenn es uns nach Jahrzehnten des Wohlstands mal ein paar Jahre nicht ganz so gut geht, wird hier teilweise rumgeheult, als müssten wir morgen mit dem Bollerwagen auswandern.

Und das Schönste daran: Dieses Gejammer kommt ja häufig nicht einmal von den Menschen, die tatsächlich jeden Monat rechnen müssen, ob das Geld bis zum 30. reicht. Nicht von denen, die überlegen müssen, ob sie die Stromrechnung bezahlen oder lieber noch Lebensmittel kaufen.

Nein – das kommt erstaunlich oft von Leuten, die sich den zweiten Urlaub im Jahr nicht mehr leisten können, beim neuen SUV vielleicht mal ein bisschen genauer hinschauen müssen oder sich darüber aufregen, dass der nächste Shoppingtrip nicht ganz so üppig ausfällt wie gewohnt. Gleichzeitig sind Flughäfen voll, die Innenstädte und Shopping-Center rappelvoll und die Restaurants keineswegs leer. Aber klar: Deutschland geht den Bach runter. Die persönliche Komfortzone ist schließlich bedroht.

Und was die wirtschaftliche Entwicklung betrifft, habe ich während der Ampelzeit sogar gesagt, dass wir uns auf einem ganz guten Weg befinden. Dafür wurde ich von einigen alten weißen Männern und Rechtsgedrehten ganz wunderbar belächelt. „Warte mal ab. Merz ist Wirtschaftsmann. Der wird das schon richten.“ Jo. Sehe ich. Ich sehe nämlich gar nichts. Wir sehen doch inzwischen, was aus diesem großen Versprechen geworden ist. Der wirtschaftliche Trend hat sich jedenfalls nicht plötzlich in Luft aufgelöst und durch ein Wirtschaftswunder ersetzt.

Und beim Thema Autoindustrie bleibe ich auch dabei: Wenn wir schon viel früher konsequent auf E-Mobilität gesetzt und unsere Automobilindustrie ordentlich in den Arsch getreten hätten, sich endlich ernsthaft mit der Transformation zu beschäftigen, wären wir heute möglicherweise nicht in dieser beschissenen Lage.

Aber wisst ihr was? Das ist für mich noch nicht einmal das Schlimmste. Was ich an dieser Bundesregierung wirklich verachte, ist die Menschenverachtung. Dieser kalte Ton. Diese Migrationspolitik. Diese permanente Darstellung von Menschen als Problem, Belastung oder Bedrohung.

Und ich kritisiere diese Bundesregierung auch deshalb scharf, weil sie aus meiner Sicht nach wie vor eine faschistische, rechtsextreme israelische Regierung unterstützt und viel von dem, was die israelische Regierung tut, schönredet, relativiert oder politisch wegmoderiert. Das kotzt mich an. Das ist der Punkt, an dem ich diese Politik wirklich zutiefst ablehne.

Und jetzt kommen wir noch einmal zu diesem großartigen Satz:

„Man darf ja heutzutage seine Meinung nicht mehr sagen!“

Doch. Kannste. Du kannst deine Meinung hier jeden verdammten Tag kundtun. Du kannst sie auf Facebook schreiben. Auf X. Auf Instagram. In irgendwelchen Telegram-Gruppen. In die Zeitung. Auf deinen Blog. Du kannst dich meinetwegen vor deine Haustür stellen und sie so laut rausbrüllen, dass die Nachbarn die Polizei rufen. Mach doch!

Aber weißt du was? Wir anderen dürfen darauf reagieren. Wir dürfen widersprechen. Wir dürfen sagen, dass wir deine Meinung für bescheuert halten. Wir dürfen deine Argumente auseinandersetzen. Und wir dürfen dir auch sagen: „Was du da erzählst, ist kompletter Bullshit.“ Das ist nämlich ebenfalls Meinungsfreiheit.

Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass man einen Anspruch darauf hat, dass alle anderen die Fresse halten, sobald man selbst den Mund aufmacht. Und dass man mit gesellschaftlichem Widerspruch oder Konsequenzen rechnen muss, wenn man sich politisch äußert, ist übrigens auch keine Erfindung der links-grün Versifften. Mein Vater hat mir schon vor ungefähr 40 Jahren gesagt: „Politik und Beruf muss man ganz deutlich trennen.“ Damals wie heute ein ziemlich vernünftiger Satz.

Also hört endlich auf, euch selbst zum politischen Märtyrer zu machen, während ihr gleichzeitig das Internet mit eurer Meinung scheißt. Ihr dürft eure Meinung sagen. Aber wir dürfen auch sagen, dass wir sie scheiße finden. So einfach ist das.

Und jetzt könnt ihr euch meinetwegen wieder darüber aufregen, dass man heutzutage angeblich nichts mehr sagen darf. Ich geh dann mal kotzen.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor

Susanne Mattner wurde im Ruhrgebiet geboren und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowohl in den USA als auch an der Universität Dortmund. Nach ihren Studienstationen verbrachte sie in den 1990er-Jahren auch einige Zeit im Nahen Osten. Nach ihren längeren Auslandsaufenthalten lebt sie heute verheiratet in Hamburg. In ihren Beiträgen verfolgt sie aufmerksam das internationale Zeitgeschehen mit einem geschulten Blick für mediale Narrative. Ihre Schwerpunkte liegen auf geopolitischen Entwicklungen im Nahen Osten, gesellschaftlichen Debatten sowie der kritischen Analyse doppelter Standards in der Berichterstattung.


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