Syrien-Krise
Riskierte Israel bewusst eine militärische Eskalation mit der Türkei?

Berichte über israelischen Luftschlag bei Abu al-Duhur: Wie Ankara und Washington auf die Annäherung an die türkische Interessensphäre reagierten.

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Ein Gastkommentar von Nabi Yücel

Der israelische Luftangriff auf den syrischen Stützpunkt Abu al-Duhur war offenbar weit mehr als ein gewöhnlicher Schlag gegen syrische Infrastruktur. Die entscheidende Frage lautet inzwischen: Wie nahe war Israel tatsächlich an einer direkten militärischen Konfrontation mit der Türkei?

Nach der Darstellung des türkischen Journalisten Erdem Atay war Ankara vor dem Angriff nicht über die Operation informiert. Die türkische Aufklärung habe die israelischen Maschinen erfasst und daraufhin Washington über das Ausmaß alarmiert. Über den US-amerikanischen Kanal sei Israel anschließend eindringlich vor einer weiteren Annäherung an die türkische Interessensphäre gewarnt worden.

Der spektakuläre Teil dieser Darstellung – sechs F-35I, 22 F-15 und eine geplante Provokationsroute bis in die Nähe der türkischen Grenze – ist bislang nicht unabhängig bestätigt.

Aber es kommt noch mehr: Ankara musste nicht darauf warten, bis die israelischen Jets am syrischen Himmel auftauchten. Die Türkei verfügt über eigene militärische Aufklärungssatelliten, hochentwickelte Radar- und Frühwarnsysteme und weitere Aufklärungsmittel. Ob die türkische Führung den konkreten israelischen Verband bereits beim Start erfasste, ist öffentlich nicht belegt. Aber strategisch wäre es geradezu fahrlässig anzunehmen, dass Israel davon ausging, seine Flugbewegungen blieben für Ankara unsichtbar.

Aber der strategische Kern wird zunehmend durch amerikanische Aussagen gestützt. US-Sondergesandter Tom Barrack bestätigte, dass Ankara von der israelischen Operation überrascht wurde und eine türkische militärische Reaktion zumindest erwogen, wenn nicht gar die Luftverteidigung in Alarmbereitschaft versetzt wurde.

Washington versuchte inzwischen, einen Deconfliction-Kanal zwischen Israel, Türkei und Syrien zu etablieren. Noch brisanter: Barrack hält ausdrücklich die Möglichkeit für denkbar, dass Israel die Türkei bewusst „baiten“, also zu einer Reaktion provozieren wollte.

Damit wird aus dem Luftschlag eine strategische Wette: Wie weit kann Israel die Türkei provozieren, ohne dass Ankara tatsächlich schießt?

Das Radarproblem

Dabei muss man einen Punkt berücksichtigen, der in der bisherigen Berichterstattung kaum Beachtung findet: Israel weiß sehr genau, dass die Türkei über leistungsfähige Radar- und Luftverteidigungsfähigkeiten verfügt. Die israelischen Nachrichtendienste beobachten die türkische Militärpräsenz in Syrien seit Langem. Es wäre deshalb wenig plausibel anzunehmen, Jerusalem habe nicht einkalkuliert, dass türkische Sensoren die israelische Formation erfassen würden.

Damit ergeben sich mindestens zwei mögliche Szenarien: Das erste wäre die militärische Variante: Israel wollte die türkische Luftverteidigung auf syrischem Boden sichtbar machen oder zu einer Reaktion bewegen, um deren Standorte, Fähigkeiten und Reaktionszeiten aufzuklären. Das zweite wäre weitaus brisanter: Die israelische Operation sollte Ankara bewusst zu einem Gegenschlag provozieren. Genau diese Möglichkeit hält inzwischen auch Barrack für denkbar.

Beweisen lässt sich diese Absicht bislang nicht. Aber strategisch ist sie keineswegs abwegig. Denn wenn Israel wusste, dass die Türkei die Flugzeuge erfassen würde, war die entscheidende Frage nicht, ob Ankara die Formation bemerkt, sondern wie Ankara darauf reagieren würde. Und genau hier lag das eigentliche Risiko.

Ein türkisches Radarbild, eine falsch interpretierte Flugbewegung, ein Abfangmanöver – und aus einem israelischen Angriff auf Syrien hätte binnen Minuten ein israelisch-türkischer Luftkrieg werden können. Das ist schon einmal passiert: 2015 holte die Türkei ohne zu zögern eine russische SU-24 vom syrischen Himmel, weil es sich der türkischen Grenze genähert hatte.

Der eigentliche Skandal

Die Behauptung, Washington habe Israel noch vor dem Angriff gestoppt, ist derzeit nicht bewiesen. Ebenso wenig die konkrete Flugzeugzahl und die mutmaßlich geplante Provokation mit dem Durchbruch der Schallmauer über Zypern.

Aber der entscheidende Befund bleibt: Washington musste offenbar nach dem Angriff Israel energisch zurechtstutzen, weil die militärische Eskalation zwischen Israel und der Türkei gefährlich nahe gekommen war. Und genau deshalb sollte man die Geschichte nicht auf die Zahl der eingesetzten Jets reduzieren.

Die viel wichtigere Frage lautet: Warum wurde überhaupt ein Szenario geschaffen, in dem türkische und israelische Kampfflugzeuge beinahe aufeinandertrafen? Vielleicht war es eine Fehleinschätzung. Vielleicht wollte Israel türkische Reaktionen und Luftverteidigungsfähigkeiten testen. Vielleicht sollte Ankara tatsächlich zu einem Gegenschlag provoziert werden. Oder es war eine Kombination aus allem.

Sicher ist bislang nur: Die rote Linie, die Israel mit diesem Angriff ziehen wollte, verlief gefährlich nahe an einer anderen – der türkischen.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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