Beirut – Der libanesische Diplomat und Menschenrechtsaktivist Mohamad Safa hat in einem ausführlichen Kommentar den internationalen Fokus auf Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu kritisiert.
Eine mögliche Verhaftung Netanjahus werde das grundlegende Problem im Nahen Osten nicht lösen, argumentiert Safa. Dieses liege seiner Ansicht nach tiefer – im politischen und gesellschaftlichen System Israels.
Safa, der nach eigenen Angaben seit mehr als 35 Jahren im Südlibanon lebt und verschiedene Kriege in der Region miterlebt hat, verweist dabei auf die israelische Politik vergangener Jahrzehnte. Er habe in seinem Leben bereits acht israelische Ministerpräsidenten und unterschiedliche Regierungen erlebt. Die Regierung Netanjahus sei zwar die extremste, unterscheide sich in ihrer grundlegenden Politik jedoch nicht so stark von ihren Vorgängern, wie es die Konzentration auf den derzeitigen Regierungschef nahelege.
Safa verweist auf frühere israelische Regierungen
Den alleinigen Fokus auf Netanjahu für die Gewalt und die Zerstörung im Libanon hält Safa deshalb für irreführend. Netanjahu sei nicht die eigentliche Krankheit, sondern lediglich ein Symptom eines größeren Problems.
Als historisches Beispiel verweist der Diplomat auf die Ereignisse von 1996. Damals habe die Regierung von Ministerpräsident Schimon Peres während der israelischen Operation „Grapes of Wrath“ schwere Angriffe im Libanon durchgeführt. Besonders das Massaker von Kana sei dabei bis heute ein prägendes Ereignis. Das israelische Militär bombardierte damals ein Gelände der Vereinten Nationen, auf dem rund 800 vertriebene libanesische Zivilisten Schutz gesucht hatten.
Auch die späteren Ministerpräsidenten Ehud Barak, Ariel Sharon und Ehud Olmert hätten während ihrer Amtszeiten Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Libanon zu verantworten gehabt, schreibt Safa. Die Argumentation sei dabei immer ähnlich gewesen: Die Verantwortung werde auf einzelne Regierungschefs konzentriert, während die grundsätzlichen politischen Strukturen unangetastet blieben.
Dieses Muster wiederhole sich nun bei Netanjahu.
„Würde Israel danach aufhören, eine Bedrohung zu sein?“
Safa stellt deshalb die Frage, was sich tatsächlich ändern würde, wenn Netanjahu verhaftet und aus dem Amt entfernt würde. Seine Antwort fällt eindeutig aus: Israel würde dadurch nicht plötzlich aufhören, eine Bedrohung für den Frieden in der Region darzustellen.
Das Problem liege für ihn nicht bei einem einzelnen Regierungschef oder einer bestimmten politischen Partei, sondern im System selbst. Die Gewalt sei über Jahrzehnte normalisiert worden. Israel, wie es sich der Weltöffentlichkeit heute präsentiere, sei das Ergebnis einer jahrzehntelangen Entwicklung, die von Dehumanisierung und Gewalt gegenüber Menschen im Nahen Osten geprägt sei.
Safa formuliert seine Kritik dabei bewusst drastisch. Israel töte Kinder „als Hobby“, schreibt er. Die Aussage steht für seine grundsätzliche These, dass die Gewalt nicht erst mit der Regierung Netanjahu entstanden sei, sondern auf eine wesentlich längere Geschichte zurückgehe.
Kritik an Opferzahlen und israelischer Politik
Safa nennt in seinem Kommentar zudem hohe Opferzahlen. Israel habe innerhalb von rund 1.000 Tagen fast 100.000 Menschen im Nahen Osten getötet, darunter 25.000 Kinder. Daraus leitet er eine tägliche Zahl von rund 100 Getöteten ab.
In der israelischen Führung und Gesellschaft herrsche seiner Darstellung zufolge die Vorstellung vor, Gewalt gegen andere Völker sei notwendig, um die eigene Sicherheit und den eigenen Erfolg zu gewährleisten. Einen tatsächlichen Friedenswillen Israels sieht Safa deshalb nicht.
Stattdessen strebe Israel nach seiner Einschätzung eine vollständige Annexion Palästinas sowie weiterer Gebiete im Libanon und in Syrien an.
„Frieden ohne Gerechtigkeit bleibt eine Illusion“
Auch den häufig verwendeten Begriff eines Friedens durch Stärke stellt Safa infrage. Ein Frieden könne nicht allein durch militärische Überlegenheit entstehen. Voraussetzung seien vielmehr gegenseitiger Respekt und Gerechtigkeit.
„Ein Frieden ohne absolute Gerechtigkeit bleibt eine reine Illusion“, lautet seine Position.
Auch Diplomatie könne langfristig nur funktionieren, wenn Staaten und Regierungen das internationale Recht und völkerrechtliche Vereinbarungen respektierten. Deshalb sei es aus seiner Sicht widersprüchlich, wenn westliche Regierungen Israel trotz der Vorwürfe von Massentötungen und der Besetzung beziehungsweise Annexion von Gebieten als Friedenspartner darstellten.
Safa wirft Israel vor, gleichzeitig gegen die Palästinenser vorzugehen und Gebiete seiner Nachbarstaaten zu beanspruchen. Die Menschen in der Region wüssten daher sehr genau, wer der eigentliche Gegner des Friedens sei.
Seine Schlussfolgerung fällt entsprechend deutlich aus: Der Name dieses Gegners sei Israel.
Wer ist Mohamad Safa?
Mohamad Safa ist ein libanesischer Diplomat, Menschenrechtsaktivist und Klimaaktivist. Er wurde am 8. März 1991 in Borj Rahal im Südlibanon geboren. Safa studierte Geschichte und absolvierte anschließend einen Masterstudiengang in Weltraumdiplomatie und internationalen Beziehungen.
Seit 2013 ist Safa als Exekutivdirektor der Nichtregierungsorganisation Patriotic Vision (PVA) tätig. 2016 wurde er zum Vertreter der Organisation bei den Vereinten Nationen bestimmt.
Die Organisation besitzt einen offiziellen Konsultativstatus beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC). Safa engagierte sich dabei unter anderem für humanitäre Hilfe, Klimaschutz und die Einhaltung des Völkerrechts.
Im März 2026 sorgte Safa international für Aufmerksamkeit, als er unter Protest von seinen UN-Funktionen zurücktrat.
I was born in southern Lebanon and have lived there my entire life—for more than 35 years—I was born in wars, lived through wars, and worked in their midst of these wars in relief and diplomacy.
Arresting Netanyahu is not the be-all, end-all. The problem is Israel. I have lived… pic.twitter.com/0Wd9Dl6gQd
— Mohamad Safa (@mhdksafa) August 10, 2026
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