NEX24 Interview
Sozialwissenschaftler Mammadov: Wir wünschen ein friedliches Miteinander mit Armenien

Ein Interview mit Nurlan Mammadov, Sozialwissenschaftler mit Schwerpunkt Interkulturelle Beziehungen. Er hat in Fulda studiert und arbeitet aktuell im Bereich Migration und Integration.

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Sehr geehrter Herr Mammadov, Sie stammen aus der Region Karabach. Ihre Eltern wurden während des ersten Karabach-Krieges vertrieben. Haben Sie die Hoffnung, Ihre Region Latschin wiederzusehen? Nurlan Mammadov:

Vielen Dank für diese Frage. Ich freue mich, endlich so eine Frage mit „Ja“ beantworten zu können. Meine Eltern und ich mussten Latschin im Jahr 1992 zwangsläufig verlassen, da wir damals von den Armeniern vertrieben wurden. Einige unserer Verwandten wurden zum damaligen Zeitpunkt von den Armeniern getötet.

Meine Familie und ich hatten das Glück und konnten flüchten. Wir haben uns dann ein neues Leben aufgebaut, fernab von unserer Heimat. Wenn Sie mir diese Frage vor sechs Monaten gestellt hätten, hätte ich diese Frage nicht so einfach bejahen können. Heute kann ich mit Freude sagen: Ja, ich habe die Hoffnung, meinen Geburtsort wiederzusehen. Seit fast 30 Jahren versucht die Minsk-Gruppe der OSZE eine Lösung zu finden.

Ich habe die Verhandlungen stets mit großem Interesse verfolgt, obwohl ein Ergebnis lange nicht in Sicht war. Ich selbst war natürlich auch dafür, dass Aserbaidschan und Armenien eine friedliche Lösung finden, aber Armenien war nicht bereit, sich um eine Lösung zu bemühen. Die terroristischen Separatisten hatten sich für den Krieg entschieden und dementsprechend musste Aserbaidschan sich verteidigen. Ich habe aber nie die Hoffnung darüber verloren, dass die aserbaidschanische Armee irgendwann die Separatisten bzw. die Terroristen aus der Region vertreibt. Der Glaube an eine friedvolle Lösung des Konflikts hat mich im Verlauf immer wieder bestärkt und mir persönlich Mut gemacht, dass ein baldiges Ende in Griffweite ist.

Die dauerhafte Besetzung durch die Armenier ist vollkommen inakzeptabel. Aserbaidschan führt verständlicherweise diesen Befreiungskrieg. Die aktuellen Ergebnisse sind aber auch gleichzeitig mit einer großen Portion an Sicherheit für die ganze Region und auch für Europa verbunden, wenn diese Terroristen künftig daran gehindert werden, sich weiter in der Region niederzulassen, um dort Unheil zu stiften.

Sie sind in der Stadt Worms politisch engagiert. Leider kann in Deutschland nicht von neutralem Journalismus in Bezug auf diesen Konflikt gesprochen werden. Wie denken Sie darüber? Weshalb polarisieren die Medien so deutlich und geben eine verzerrte Darstellung der Realität sowie der Konfliktparteien wieder? 

Mammadov: Leider muss ich Ihnen hier zustimmen, dass die Medien den Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien sehr oft als religiösen Konflikt/Krieg betrachten. Heute ist Qualitätsjournalimus für viele Medien ein Fremdwort geworden. Es geht vielmehr um propagandistische Likes und Kommentare. Viele Journalisten wiederholen einfach, was sie gehört haben und befassen sich überhaupt nicht intensiv mit der Thematik. Quellen werden nicht mehr geprüft bzw. hinterfragt.

Es werden immer wieder Sachen verbreitet, die nicht mal richtig recherchiert wurden. Ich bin der Meinung, dass viele Medienvertreter nicht die Wahrheit über das aktuelle Thema berichten wollen, sondern eher unwahre Äußerungen verbreiten möchten, die aber Schlagzeilencharakter haben. Der Hintergedanke dabei ist hier eine Lobbyistenarbeit. Des Weiteren wird bei der Berichterstattung auch immer wieder die Differenzierung zwischen Muslimen und Christen betont.

Es geht also grundsätzlich gar nicht darum, welche zwei Länder sich aktuell bekriegen. Die Betonung liegt auf der Information, welche dieser Länder christlich geprägt sind und welche nicht bzw. welche Probleme sich dadurch möglicherweise auf lange Sicht für das also wichtige Allgemeinwohl ergeben könnten.

Ist es aus Ihrer Sicht möglich, dass die armenischen und aserbaidschanischen Gemeinden nach der 30-jährigen Feindschaft wieder friedlich zusammenleben? Was soll bzw. kann die Europäische Gemeinschaft zur Völkerverständigung beitragen?

Mammadov: Es ist tatsächlich mein Wunsch, dass die beiden Nationen wieder friedlich miteinander leben. Der aserbaidschanische Präsident, Ilham Aliyev, sagte in einem Interview, dass er versprechen kann, dass alle Armenier, die aktuell in Bergkarabach leben, eine Sicherheit bekommen würden. Ich glaube ihm und seinen Worten. Dadurch kann ich mir gut vorstellen, dass Aserbaidschan hier ein bestimmtes Projekt für ein friedliches Miteinander leben plant. Ich finde es schrecklich, dass es heutzutage noch Kriege gibt.

Da sich aber Aserbaidschan leider mit dem herrschenden Terrorismus beschäftigen muss und aufgrund dessen gar nicht effektiv mit der armenischen Bevölkerung kommunizieren kann, war es schwierig, das Problem ohne diesen Krieg zu lösen. Die armenischen Medien und auch die Regierung manipulieren alles so extrem. Dementsprechend steht auch die armenische Bevölkerung Aserbaidschan hasserfüllt gegenüber, weil sie gar keine andere Perspektive mehr kennen. Das muss sich unbedingt ändern.

Ich kann einige gute Beispiele nennen, durch die ersichtlich wird, dass die beiden Nationen auch friedlich miteinander leben können. Das Zusammenleben der Aserbaidschaner und Armenier in Ländern wie Deutschland, Russland und Georgien funktioniert beispielsweise problemlos.

Wir bedanken uns für das Gespräch


Das Interview führte der Berliner Politikwissenschaftler Asif Masimov.


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