Gastkommentar
Der neue Superman: In Deutschland „antisemitisch“

Während international Begeisterung für den neuen Superman-Film aufkommt und selbst sonst kritische Stimmen den DC-Klassiker als künstlerische Wiedergeburt feiern, fallen deutsche Feuilletons mit bemerkenswerter Härte über die Produktion her.

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Ein Gastbeitrag von Gazmend Gashi

Während international Begeisterung für den neuen Superman-Film aufkommt und selbst sonst kritische Stimmen den DC-Klassiker als künstlerische Wiedergeburt feiern, fallen deutsche Feuilletons mit bemerkenswerter Härte über die Produktion her.

Die Diskrepanz ist augenfällig: Während Zuschauer weltweit die Rückkehr zu einem ideologisch geerdeten, moralisch aufgeladenen Superhelden goutieren, wird in Deutschland der Untergang des Kinos beschworen. Der Grund dafür ist kein cineastischer – sondern ein tief sitzender politischer Reflex.

Der neue Superman-Film wagt etwas, das in Deutschland als nahezu ketzerisch gilt: Er erzählt eine Metapher auf das palästinensische Leid. Nicht plakativ, nicht missionarisch, sondern in einer künstlerisch dichten, symbolisch vielschichtigen Erzählweise.

Der Held kämpft nicht mehr bloß gegen imaginäre Superschurken, sondern wird Zeuge eines systematischen Vernichtungsversuchs eines Volkes, bei dem eine Supermacht die Hände im Spiel hat. Für einen globalen Süden, der reale Völkermorde und koloniale Gewalt kennt, ist diese Allegorie keine Provokation, sondern eine Realität. Für deutsche Kritiker hingegen ist sie offenbar eine Bedrohung der eigenen ideologischen Komfortzone.

Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um zu bemerken, wie reflexhaft deutsche Reaktionen auf jede Form künstlerischer oder analytischer Parteinahme für Palästina ausfallen. Dass selbst ein Superheldenfilm als antisemitisch etikettiert wird, weil er den Opfern eine Stimme gibt, ist ein Symptom jener moralischen Schieflage, die Deutschland bis heute daran hindert, sich ehrlich mit seiner gegenwärtigen Komplizenschaft bei der kolonialrassistischen Vernichtungspolitik Israels auseinanderzusetzen.

Die Verteidigung Israels – gleichgültig gegenüber jeder Kritik – hat sich in ein nationales Dogma verwandelt, das mit demokratischer Debatte und künstlerischer Freiheit unvereinbar geworden ist.

Der Begriff „Israelsyndrom“ beschreibt treffend jene psychopolitische Struktur, in der jede Darstellung palästinensischen Leidens automatisch als Angriff auf die deutsche Staatsräson empfunden wird. Die Schuldabwehr wird zur Schuldprojektion: Wer Missstände benennt, wird nicht gehört, sondern moralisch vernichtet.

Und so wird auch Superman, der in seiner Ursprungsfigur als Retter der Entrechteten gedacht war, nun zum Problem, sobald seine moralische Kraft jenen gilt, die vom Westen systematisch entrechtet werden.

Der Film bleibt dabei bemerkenswert nahe an der Originalidee der Superman-Figur. Kal-El – der Flüchtling vom zerstörten Planeten – war immer schon eine Allegorie auf Verfolgung, Exil und moralische Verantwortung gegenüber den Schwächeren.

Was neu ist, ist die klare Zuordnung dieser Verantwortung zu einem konkreten politischen Kontext: Die palästinensische Erfahrung wird nicht als religiöses oder ethnisches Problem kodiert, sondern als universelle Frage nach Recht, Menschlichkeit und Widerstand gegen koloniale Auslöschung. In dieser Lesart wird Superman zum Symbol eines gerechten Ungehorsams gegen imperial gestützte Unmenschlichkeit.

Dass ausgerechnet in Deutschland – einem Land, das Palästinensern bis heute das Recht auf Trauer, Widerstand und kulturelle Sichtbarkeit abspricht – ausgerechnet dieser Film auf so aggressive Ablehnung stößt, ist kein Zufall. Es verweist auf das tief verwurzelte Bedürfnis des eurozentrischen weißen Mannes, seine moralische Überlegenheit über koloniale Opfer zu behaupten, indem er sie auf ewig im Schatten der eigenen Geschichte hält.

Während die Welt sich öffnet für multipolare Perspektiven, hält Deutschland an einem binären Schuldbegriff fest, der Kritik an Israel mit Antisemitismus gleichsetzt und sich so der Verantwortung für gegenwärtige Komplizenschaft entzieht.

Die Mutmaßung, dass zionistische Lobbystrukturen in der deutschen Medienlandschaft gezielt Einfluss auf die Bewertung solcher Werke nehmen – sei es durch subtile Netzwerke oder direkte finanzielle Förderung – mag sich nicht in Zahlen belegen lassen, ist aber im Effekt spürbar: Wer gegen das Schweigen anschreibt oder -filmt, wird ignoriert oder diffamiert. Die Kulturkritik wird zur Gesinnungskontrolle.

Doch je mehr sich diese Mechanismen in ihrer moralischen Enge entlarven, desto stärker wird die Wirkung solcher Filme. Superman wird, paradoxerweise, gerade dort am relevantesten, wo man ihn am meisten zu verhindern sucht. Wenn der Held sich auf die Seite der Unterdrückten stellt, verliert er in Deutschland seine Unschuld – und gewinnt seine wahre politische Kraft zurück.

Für viele junge Menschen, insbesondere im globalen Süden und in migrantischen Communities Europas, wird er dadurch zum Symbol: nicht für nationale Stärke, sondern für die universelle Idee von Gerechtigkeit.

Der Film ist kein Angriff auf Israel. Er ist eine Herausforderung an ein System, das seine Gewalt nicht benennen lassen will. Und er ist ein Angriff auf das intellektuelle Schweigen Europas, das sich hinter moralischer Rhetorik versteckt, während es reale Völkermorde durch Waffenlieferungen, diplomatische Immunisierung und mediale Dämonisierung der Opfer begleitet.
Dass ausgerechnet ein Superman-Film diese Debatte neu entfacht, ist kein Skandal. Es ist ein Hoffnungsschimmer.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Autor

Gazmend Gashi ist Kind der ersten Migrantengeneration, Hadith-Wissenschaftler, Diplom-Wirtschaftler, leidenschaftlicher Handwerker, R’n’B/Soul-Sänger und politischer Analyst. Unabhängig von seiner islamischen Gelehrsamkeit widmet er sich soziologischen Analysen kollektiven Verhaltens – mit Schwerpunkt auf Antirassismus, Antimuslimismus und Antisemitismus.


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