Geschichte
Griechische Besetzung Westanatoliens (1919–1922): Krieg, Flucht und Zerstörung

Am 15. Mai 1919 landeten unter dem Schutz alliierter Kriegsschiffe etwa 12.000 Soldaten der griechischen Okkupationsarmee im Hafen von Izmir.

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Ein Gastbeitrag von Kemal Bölge

Am 15. Mai 1919 landeten unter dem Schutz alliierter Kriegsschiffe etwa 12.000 Soldaten der griechischen Okkupationsarmee im Hafen von Izmir. Die Besetzung erfolgte nach der Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg und dem Waffenstillstandsabkommen von Mudros vom 30. Oktober 1918.

Während griechischstämmige Einwohner der Stadt die Landung begrüßten, löste sie unter der türkisch-muslimischen Bevölkerung große Angst und Unsicherheit aus. Der griechisch-orthodoxe Erzbischof Chrysostomos Kalafatis bezeichnete die Landung als historische Erfüllung griechischer Ansprüche auf Anatolien.

Die Besetzung Izmirs entwickelte sich zum Ausgangspunkt der griechischen Invasion Westanatoliens. In türkischen Quellen wird die Zeit häufig mit dem Begriff „Yunan bzw. Rum Mezalimi“ („Griechische Gräueltaten“) beschrieben. Gemeint sind Massaker, Vertreibungen und andere massenhafte Gewaltverbrechen gegen die muslimische Zivilbevölkerung.

Politische Interessen und umstrittene Bevölkerungszahlen

Die griechische Besetzung wurde insbesondere vom britischen Premierminister David Lloyd George unterstützt, aber auch von den USA. Um die Besetzung Izmirs zu rechtfertigen, präsentierte der griechische Ministerpräsident Eleftherios Venizelos den Alliierten auf der Pariser Friedenskonferenz stark überhöhte Angaben zur Zahl der griechischstämmigen Bevölkerung in Izmir. Dabei berief sich die griechische Delegation auf Statistiken des griechisch-orthodoxen Patriarchats in Istanbul.

Auch dem italienischen Journalisten Ernesto Vassalo fielen Widersprüche in den Bevölkerungszahlen Izmirs auf. Er hielt sich ab April 1919 in der Stadt auf und veröffentlichte seine Beobachtungen in der italienischen Tageszeitung Il Tempo.

Der Historiker Mevlüt Çelebi verweist in seinem Aufsatz „Die Besetzung Izmirs aus der Feder eines italienischen Journalisten“ (türkischer Originaltitel: „Bir İtalyan Gazetecinin Kaleminden İzmir’in İşgali“), erschienen im Journal of Modern Turkish History Studies, ebenfalls auf die Unstimmigkeiten in den griechischen Bevölkerungsstatistiken.

Die Bevölkerungszahlen waren jedoch umstritten. Unterschiedliche griechische, osmanische, amerikanische und europäische Quellen kamen zu stark voneinander abweichenden Ergebnissen. Während griechische Statistiken Griechen teilweise als Bevölkerungsmehrheit auswiesen, zeigten osmanische und andere Angaben überwiegend eine muslimisch-türkische Mehrheit.

Auch politische Interessen der europäischen Mächte spielte eine wichtige Rolle. Italien hatte selbst Ansprüche auf Izmir und Westanatolien erhoben, konnte diese nach der Zustimmung Großbritanniens, Frankreichs und der USA zur griechischen Besetzung jedoch nicht durchsetzen.

Hinter der griechischen Expansion stand die Ideologie der „Megali Idea“, eines irredentistischen Konzepts des griechischen Nationalismus. Ziel war die Vereinigung aller von Griechen besiedelten Gebiete und die Ausdehnung Griechenlands auf Teile Anatoliens. Nach dem Ersten Weltkrieg sah die Regierung Venizelos die Gelegenheit gekommen, diesen Plan umzusetzen.

Die griechische Verwaltung versuchte nach der Besetzung Westanatoliens die demografischen Strukturen zugunsten der griechischen Bevölkerung zu verändern. Griechen, die während der Balkankriege und des Ersten Weltkriegs Anatolien verlassen hatten, kehrten zurück. Zusätzlich förderte die griechische Regierung die Ansiedlung weiterer Griechen durch finanzielle Hilfen, Kredite und die Aussicht auf Landbesitz.

Der Einmarsch in Izmir und erste Gewaltakte

Nach einem Bericht des Gendarmerie-Regimentskommandos von Izmir sollen am 15. Mai 1919 in Izmir sowie in den Dörfern der Halbinsel Urla mehr als 2.000 türkische Zivilisten durch griechische Truppen ums Leben gekommen sein.

In einem an die Generalkommandantur in Istanbul übermittelten Lagebericht schilderte das Regimentskommando die dramatischen Ereignisse während und nach der Besetzung der Stadt und dokumentierte die Gewaltakte gegen die türkisch-muslimische Bevölkerung. Der Bericht zeichnet das Bild einer Stadt, die innerhalb weniger Stunden von Chaos, Angst und massiver Gewalt erfasst wurde. Ein Auszug aus dem Gendarmeriebericht lautet:

„Während der Besetzung der Stadt Izmir durch griechische Soldaten am 15. Mai wurden beispiellose Morde an der türkisch-islamischen [muslimischen] Bevölkerung begangen. Hunderte von Einwohnern, Offiziere, Polizisten, Frauen und Kinder wurden getötet. Zudem wurde das Eigentum der meisten geplündert und zerstört.

Die Regierungsgebäude und Kasernen wurden belagert. Sie lagen stundenlang unter Gewehr- und Maschinengewehrfeuer. Nach Einstellung des Feuers wurden alle Regierungsbeamten und Gendarmerie-Delegationen mit aufgepflanztem Bajonett heruntergebracht.

Diese hatten sich zuvor in Anwesenheit des Gouverneurs versammelt. Sie wurden von den grausamen griechischen Soldaten sowie der einheimischen griechischen Bevölkerung gezwungen, ʻZito Venizelosʼ [ʻLang lebe Venizelosʼ] zu rufen. Bei der einheimischen Bevölkerung waren sogar die Kinder bewaffnet. Dies geschah unter Beleidigungen, Drohungen, Schlägen und Flüchen.

Die griechischen Soldaten und bewaffnete Milizen zwangen die Menschen der Reihe nach, sich zu entkleiden. Sie raubten ihnen das Bargeld und sogar die schmutzigen Taschentücher. Vielen wurden die Jacken und Schuhe abgenommen […].“

Die Ausweitung der Invasion und Vertreibungen

Zeitgleich kam es in vielen Regionen Westanatoliens zu schweren Gewaltverbrechen gegen die türkisch-muslimische Bevölkerung. Nach der Einnahme Izmirs wurden auch Städte wie Manisa, Aydın, Nazilli, Turgutlu und Ayvalık besetzt. Berichte türkischer Behörden und Zeitzeugen schildern Plünderungen, Erschießungen, Brandschatzungen und Misshandlungen durch griechische Soldaten und lokale Milizen.

Bereits am Tag nach der Besetzung Izmirs entstanden in verschiedenen Orten griechische Milizverbände. Die Gewalt führte zur Flucht zahlreicher Bewohner. Türkische Berichte sprechen von Tausenden getöteten Zivilisten allein während der ersten Tage der Besetzung. Besonders schwer betroffen war die Stadt Aydın. Zeitzeugen berichteten von systematischen Brandlegungen, Artilleriebeschuss und Angriffen auf fliehende Einwohner. Häuser und Geschäfte wurden zerstört, zahlreiche Menschen kamen ums Leben oder flohen in umliegende Städte und Dörfer.

Nach Angaben verschiedener Historiker wurden während der Besatzungszeit hunderttausende Menschen vertrieben. Viele türkisch-muslimische Zivilisten wurden interniert oder nach Griechenland verschleppt. Ziel dieser Maßnahmen sei unter anderem gewesen, die demografischen Verhältnisse in Westanatolien zugunsten der griechischen Bevölkerung zu verändern und möglichen Widerstand gegen die Besatzung zu schwächen.

Auch in anderen Regionen Westanatoliens kam es zu Massakern, Plünderungen und Zwangsmaßnahmen. In Dörfern entlang der Eisenbahnlinie Manisa–Akhisar wurden zahlreiche Bewohner getötet. Berichte schildern zudem Zwangsarbeit, schlechte Haftbedingungen und den Tod vieler Gefangener durch Hunger oder Misshandlungen.

Der Rückzug und die Taktik der verbrannten Erde

Mit der Schlacht von Sakarya (23. August bis 13. September 1921) gelang es der türkischen Armee unter Mustafa Kemal Pascha, den Vormarsch der griechischen Streitkräfte aufzuhalten. Beim anschließenden Rückzug setzte die griechische Armee auf die Taktik der verbrannten Erde. Zahlreiche Städte, Dörfer und landwirtschaftliche Flächen wurden niedergebrannt.

Auch die westanatolische Stadt Afyonkarahisar blieb von der Zerstörung nicht verschont und wurde nahezu vollständig in Schutt und Asche gelegt. Während der Evakuierung von Eskişehir setzten Soldaten der griechischen Invasionsarmee gezielt Brände in der Stadt.

Ein Aufklärungsflieger berichtete von mehreren Feuern: drei am Bahnhof, eines auf dem Markt und ein weiteres im Süden der Stadt. Zunächst wurde geplündert, bevor die am Porsuk-Fluss gelegene Stadt systematisch in Brand gesteckt wurde. Menschen, die versuchten, den Flammen zu entkommen, wurden erschossen. Rund 250 Zivilisten verloren dabei ihr Leben.

Die verheerenden Brände verschlangen ganze Stadtviertel, Wohnhäuser, Kaufhäuser, Geschäfte, Schulen, Hamams und Moscheen. Auch während der Dumlupınar-Kämpfe hinterließen griechische Armeeeinheiten eine Spur der Verwüstung und zerstörten die Dörfer Hamurköy und Çal.

Besonders schwer traf es zudem die Stadt Uşak, die nahezu vollständig niederbrannte. Noch bevor die türkische Armee einrückte, legten griechische Soldaten in der Stadt und ihrer Umgebung Feuer und verübten schwere Übergriffe auf die Bevölkerung. Allein durch die Brände kamen dort 322 muslimische Einwohner ums Leben.

Demografische Folgen und historisches Erbe

Um die demografischen Strukturen Westanatoliens zu verändern, führten die griechischen Streitkräfte einen rücksichtslosen Feldzug gegen die muslimische Zivilbevölkerung.

Der US-amerikanische Historiker Justin McCarthy beziffert in seinem Buch „Death and Exile“ die Zahl der während der Besatzung Westanatoliens durch die griechische Armee getöteten Muslime auf 640.000. Zudem spricht er von 860.000 Flüchtlingen sowie 1,2 Millionen vertriebenen türkisch-muslimischen Menschen.

Hinter der Landung alliierter Kriegsschiffe und der anschließenden Besetzung Izmirs am 15. Mai 1919 sowie weiterer Städte und Ortschaften Westanatoliens stand nach dieser Darstellung ein konkreter Plan der Siegermächte des Ersten Weltkriegs zur Aufteilung Anatoliens.

Die Ereignisse zwischen 1919 und 1922 hinterließen tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der türkischen Gesellschaft. Insbesondere die Erinnerungen an Vertreibungen, Internierungen, Gewaltakte und Zerstörung prägen das historische Bewusstsein bis heute.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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