Gastkommentar
Mattner: Die Willkommenskultur war eine Fassade

Gastkommentar Mattner: Über eine Gesellschaft, die bestimmte Menschen nicht mehr als Menschen sehen will — und warum das keine Unwissenheit mehr ist

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Ein Gastkommentar von Susanne Mattner

Ich habe immer gewusst, dass es in diesem Land Vorurteile gibt. Gegen Minderheiten. Gegen Migranten. Gegen Menschen, die nicht ins gewohnte Bild passen.

Als 2015 überall von der Willkommenskultur gesprochen wurde, hatte ich für einen Moment das Gefühl, mich vielleicht geirrt zu haben. Vielleicht war die Gesellschaft tatsächlich offener geworden. Vielleicht waren wir weiter, als ich dachte.

Heute glaube ich: Vieles davon war Fassade.

Denn wenn ich sehe, wie über Geflüchtete gesprochen wird, wie Menschen pauschal verdächtigt, abgewertet und entmenschlicht werden, dann frage ich mich, was in den letzten Jahrzehnten mit unserer Gesellschaft passiert ist.

Das Beispiel Palästina

Besonders deutlich wird das für mich beim Thema Palästina. Da gibt es Menschen, die dort gelebt haben. Menschen, die dort aufgewachsen sind. Journalisten, Ärzte, Helfer, Wissenschaftler, Politiker, die vor Ort waren und ihre Eindrücke schildern. Menschen wie Norbert Blüm und viele andere, die sich die Realität selbst angesehen haben.

Man muss deren Einschätzungen nicht teilen. Aber was mich erschüttert, ist etwas anderes: Dass all diese Stimmen für manche Menschen offenbar keinerlei Bedeutung mehr haben.

Du kannst erzählen, was du gesehen hast. Du kannst Berichte zitieren. Du kannst Augenzeugen nennen. Du kannst historische Fakten anführen.

Und trotzdem kommt reflexartig:

„STIMMT NICHT.“ „PROPAGANDA.“ „ALLES GELOGEN.“

Nicht einmal als Möglichkeit wird zugelassen, dass die eigene Sicht unvollständig sein könnte. Und irgendwann fragt man sich, was hier eigentlich passiert ist. Denn wir reden längst nicht mehr über Meinungsverschiedenheiten. Wir reden über eine Gesellschaft, in der immer mehr Menschen nur noch das akzeptieren, was in ihr Weltbild passt, und alles andere automatisch aussortieren.

Einordnung der Entwicklung

Ich habe heute mit meinem Mann darüber gesprochen. Hätte mir jemand vor fünf oder sechs Jahren erzählt, dass ich einmal solche Sätze schreiben würde, hätte ich ihn vermutlich für einen Verschwörungstheoretiker gehalten.

Ich bin keiner. Gerade deshalb macht mir diese Entwicklung Angst. Weil ich sie nicht aus irgendwelchen dubiosen Telegram-Kanälen ableite, sondern jeden Tag in den Kommentarspalten beobachten kann.

Tag für Tag lese ich dieselben Muster: Menschen werden entmenschlicht. Leid wird relativiert. Berichte werden pauschal als Lüge abgetan. Und jede Information, die nicht ins eigene Weltbild passt, wird bekämpft statt geprüft.

Die Ursachenfrage

Deshalb frage ich mich inzwischen nicht mehr nur, wie viel davon Unwissenheit ist. Ich frage mich auch, wie viel davon das Ergebnis jahrzehntelanger politischer und medialer Prägung ist.

Wie viele Menschen tatsächlich glauben, was sie schreiben. Und wie viele längst wissen, dass die Realität komplizierter ist, aber bewusst dabei mitmachen, weil es bequemer ist, weil es ideologisch passt oder weil sie sich auf der vermeintlich richtigen Seite der Geschichte fühlen.

Denn das ist vielleicht die verstörendste Erkenntnis: Dass ich nicht mehr glaube, dass wir es nur mit Unwissenheit zu tun haben. Ein Teil davon mag Unwissenheit sein. Aber ein anderer Teil scheint eine bewusste Entscheidung zu sein, bestimmte Menschen nicht mehr als Menschen sehen zu wollen.

Und genau das macht mich zunehmend sprachlos.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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