Kapitalmärkte
Iran-Krieg: Der neue Stresstest für Schwellenländer

Der Ölpreis bleibt Ende Mai ein wichtiges Signal für die Kapitalmärkte. Das Marktbild hat sich seit Ende April jedoch verändert.

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Von Dr. Johannes Feist

Der Ölpreis bleibt Ende Mai ein wichtiges Signal für die Kapitalmärkte. Das Marktbild hat sich seit Ende April jedoch verändert. Nach dem Preissprung im April preisen Investoren nicht mehr nur die Eskalation rund um Iran und die Straße von Hormus ein, sondern zunehmend auch die Möglichkeit einer Deeskalation.

Zugleich rückten wechselnde Berichte über Fortschritte und Rückschläge in den US-Iran-Gesprächen sowie über eine mögliche Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus in den Fokus der Märkte.

Auch die großen Zentralbanken haben ihre April-Entscheidungen inzwischen getroffen. Die Fed hielt den Zielkorridor für die Federal Funds Rate bei 3,50 bis 3,75 Prozent. Die EZB ließ ihre Leitzinsen ebenfalls unverändert und verwies auf höhere Energiepreise, stärkeren Inflationsdruck und eine belastete Wirtschaftsstimmung infolge des Kriegs im Nahen Osten.

Die Bank of Japan hielt ebenfalls an ihrem geldpolitischen Kurs fest und verwies in ihrem April-Ausblick auf Risiken aus der Nahostlage für Finanz- und Devisenmärkte sowie für Konjunktur und Preise. 

Für Emerging Markets ist dieser Blick jedoch nur der erste Schritt. Entscheidend ist nicht allein, wie stark Ölpreise, Zinsen oder Wechselkurse schwanken. Entscheidend ist, wie Kapital auf diese Schwankungen reagiert.

Kapital kann Wachstum finanzieren, Investitionen ermöglichen und Stabilität schaffen. Es kann sich in Stressphasen aber auch schnell zurückziehen und damit jene Verwundbarkeit verstärken, die es zuvor überdeckt hat.

Kapital ist nicht homogen

Kapital ist nicht homogen. Kapital von Banken, Pensionsfonds, Hedgefonds, passiven Fonds sowie lokalen Kredit- und Leasinganbietern folgt unterschiedlichen Regeln. Manche Finanzierungsquellen sind langfristig gebunden und orientieren sich an realen Zahlungsströmen.

Andere reagieren täglich auf Marktpreise, Liquidität und globale Risikoindikatoren. In ruhigen Phasen fällt dieser Unterschied kaum auf. Wenn Ölpreise, Währungen und Zinserwartungen stark schwanken, entscheidet genau dieses Verhalten darüber, ob Kapital stabilisiert oder Stress verstärkt.

Was der IWF über Kapitalflüsse in Schwellenländer zeigt

Der Internationale Währungsfonds hat diesen Strukturwandel im April deutlich beschrieben. Emerging Markets haben seit der globalen Finanzkrise erhebliche grenzüberschreitende Portfoliozuflüsse erhalten, weitgehend vermittelt über Nichtbank-Finanzintermediäre.

Diese Zuflüsse schaffen Chancen, erhöhen aber auch die Sensitivität gegenüber globaler Risikostimmung. Laut IWF reagieren Hedgefonds und Investmentfonds stärker auf globale Risikoänderungen als andere Nichtbank-Investoren; unter den Investmentfonds zeigen passive Fonds und ETFs die höchste Sensitivität. Länder, die stärker von solchen Investoren abhängen, können in Phasen globalen Marktstresses verschärfte Finanzierungsbedingungen erleben. 

Damit verschiebt sich die Analyse. Es genügt nicht mehr zu fragen, ob Kapital in einen Markt fließt. Wichtiger ist die Frage, welches Kapital fließt: Bleibt es investiert, wenn der Dollar steigt? Passt seine Laufzeit zu den Cashflows der Realwirtschaft?

Beruht es auf einer langfristigen Kreditbeziehung oder auf täglicher Handelbarkeit? Entscheidend ist, wie Kapital unter Druck reagiert: Bleibt es verfügbar, verteuert es sich nur – oder zieht es sich abrupt zurück?

Der IWF warnt im Global Financial Stability Report zudem vor erhöhten Stabilitätsrisiken durch den Krieg im Nahen Osten. Er verweist auf mehrere Kanäle, über die sich Stress verstärken kann: höheren Inflationsdruck, verschärfte Finanzierungsbedingungen, Kapitalabflüsse, Währungsdruck und abrupte Anpassungen in risikobehafteten Positionen.

Für Emerging Markets ist diese Kombination besonders relevant, weil externe Finanzierung dort oft stärker von globaler Liquidität und Risikobereitschaft abhängt als in entwickelten Märkten. 

Von Marktvolatilität zur Realwirtschaft

Die aktuelle Marktphase testet deshalb nicht nur Konjunktur- und Inflationsprognosen. Sie testet auch die Qualität der Finanzierung. Kapital, das in guten Zeiten reichlich vorhanden ist, aber in schwierigen Phasen schnell verschwindet, hat eine andere Wirkung als Kapital, das an reale Zahlungsströme, längere Laufzeiten und klare Sicherheiten gebunden ist.

Das eine kann Wachstum kurzfristig beschleunigen. Das andere kann Finanzierung über einen Zyklus hinweg verlässlicher machen – vorausgesetzt, Laufzeit, Sicherheiten und Quelle der Rückzahlung passen zur finanzierten Aktivität.

Für die Realwirtschaft ist dieser Unterschied konkret. Kleine und mittlere Unternehmen brauchen Finanzierungen, die zu ihren Einnahmen, Investitionen und Rückzahlungsprofilen passen. Wer Maschinen, Fahrzeuge, Lagerbestände oder Betriebsmittel finanziert, kann nur begrenzt mit Kapital arbeiten, das sich bei jedem globalen Stresssignal neu sortiert.

Die OECD zeigt in ihrem aktuellen SME-Finance-Scoreboard, dass neue Kredite an kleine und mittlere Unternehmen zwar wieder zulegen, der gesamte Bestand an KMU-Krediten aber weitgehend stagniert. Diese schwache Kreditentwicklung belastet Liquidität und Investitionen. Zugleich bleiben die Kreditkosten für KMU im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie hoch, während Banken in einem unsicheren Umfeld weiter an strengen Kreditstandards festhalten. 

Stabil ist ein Markt daher nicht schon deshalb, weil Kapital verfügbar ist. Stabiler wird er, wenn Finanzierung zur wirtschaftlichen Realität passt: zur Laufzeit der Investition, zu realen Cashflows und zur Fähigkeit, auch dann belastbar zu bleiben, wenn globale Investoren defensiver werden. Die Finanzierungsstruktur sollte Risiken früh sichtbar machen, bevor sie zu Ausfällen werden.

Was Anleger prüfen sollten

Für Anleger bedeutet das: Die klassische Analyse anhand von Land, Rating und Renditeaufschlag reicht nicht mehr aus. Ein Markt kann auf den ersten Blick attraktiv erscheinen, weil Renditen hoch sind und Kapitalzuflüsse robust wirken. Gleichzeitig kann er verwundbar bleiben, wenn ein großer Teil dieser Finanzierung schnell handelbar, kurzfristig oder stark von globalen Risikoindikatoren abhängig ist.

Die Diskussion springt häufig zwischen zwei Polen: Emerging Markets als Wachstumschance oder Emerging Markets als Krisenrisiko. Beides greift zu kurz. Entscheidend ist die Struktur der Finanzierung. Wer stellt Kapital bereit? Wie lange bleibt es? Welche Risiken trägt es? Wie schnell werden Probleme sichtbar? Und wie stark hängt die Finanzierung von Marktliquidität ab?

Was die Ausschläge am Ölmarkt offenlegen

Die jüngsten Ausschläge am Ölmarkt legen diese Fragen offen. Sie zeigen nicht nur, welche Länder Energie importieren oder exportieren. Sie zeigen auch, welche Kapitalstrukturen Belastungen aushalten und welche den Schock verstärken können. Das ist für Investoren ebenso wichtig wie für Aufsichtsbehörden und politische Entscheidungsträger. Denn Kapitalflüsse sind nicht automatisch stabilisierend. Sie stabilisieren nur dann, wenn sie zu den realen Finanzierungsbedarfen passen.

In den kommenden Monaten dürfte diese Unterscheidung wichtiger werden. Wenn Ölpreise, Zinsen und Währungen weiter stark schwanken, wird Kapital selektiver. Dann zählt, ob Finanzierung verlässlich genug ist, um Investitionen, Beschäftigung und unternehmerische Aktivität auch in einem schwierigeren Umfeld zu ermöglichen.

Die Lehre aus der aktuellen Marktphase lautet daher: Entscheidend ist die Qualität des Kapitals. Herkunft, Laufzeit, Risikosensitivität und Nähe zur Realwirtschaft bestimmen, ob es im Stress stabilisiert oder den Druck erhöht.

Der aktuelle Stresstest liegt deshalb nicht nur im Ölpreis. Er liegt in der Struktur der Finanzierung.

 


Dr. Johannes Feist
Dr. Johannes Feist ist CEO von MK Global Kapital. Zuvor war er in verschiedenen leitenden Funktionen bei der KfW tätig. Er verfügt über langjährige Erfahrung in Entwicklungsfinanzierung, Fonds- und Kreditstrukturen sowie in der Arbeit mit Finanzinstitutionen in Schwellen- und Frontier-Märkten.
 
 

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