Arbeitszeitgesetz
Arbeitszeitreform: Deutschland diskutiert den 13-Stunden-Tag

Seit über 100 Jahren gilt in Deutschland der Acht-Stunden-Tag — die Bundesregierung will ihn abschaffen und bis zu 13 Stunden Arbeit täglich ermöglichen.

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Berlin – Seit 1918 gilt in Deutschland der Acht-Stunden-Tag als eines der grundlegendsten Schutzrechte für Arbeitnehmer. Über 100 Jahre lang war er gesetzlich verankert — nun könnte er fallen.

Die Bundesregierung aus Union und SPD plant eine Reform des Arbeitszeitgesetzes, die statt einer täglichen eine wöchentliche Höchstarbeitszeit einführen würde. Die Folge: Arbeitstage von bis zu 13 Stunden wären rechtlich möglich. Gewerkschaften, Gesundheitsexperten und sogar Teile der SPD selbst laufen dagegen Sturm.

Was die Reform vorsieht

Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD vereinbart, die bisherige Regelung zu reformieren. Statt der täglichen Grenze von acht Stunden — in Ausnahmefällen zehn — soll künftig eine wöchentliche Höchstarbeitszeit gelten. Die EU-Arbeitszeitrichtlinie sieht maximal 48 Stunden pro Woche vor.

Bereits im Januar 2026 hatte das Wirtschaftsministerium angekündigt, die Reform noch in diesem Jahr beschliessen zu wollen — als Teil einer neuen Tourismusstrategie, die vor allem kleinen und mittelständischen Betrieben mit unregelmäßigen Arbeitszeiten helfen soll.

Tourismusbeauftragter Christoph Ploß betonte, die Änderung werde „vor allem kleinen und mittelständischen Betrieben sehr helfen.“ Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger forderte „echte Veränderungen“ und Deregulierung. Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, verteidigte die Reform im ARD-Morgenmagazin: „Es geht ja nicht um mehr Arbeitszeit, sondern es geht um eine andere Verteilung der Arbeitszeit, die gegebenenfalls notwendig ist.“

Was das konkret bedeutet

Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat ausgerechnet, was eine Umstellung auf Wochenarbeitszeit in der Praxis bedeuten würde: Arbeitstage von bis zu zwölf Stunden und 15 Minuten wären möglich — nach Abzug der vorgeschriebenen Ruhezeit von elf Stunden zwischen zwei Schichten könnten Arbeitgeber per Direktionsrecht faktisch 13-Stunden-Tage anordnen.

Die Folgen laut einer Analyse des Hugo Sinzheimer Instituts für Arbeitsrecht:

Gesundheitsrisiken, mehr Krankheitstage, mehr Druck auf Familien — und wirtschaftlich möglicherweise sogar kontraproduktive Effekte.

Gewerkschaften und SPD-Ministerin dagegen

Der Deutsche Gewerkschaftsbund lehnt die Pläne klar ab. DGB-Chefin Yasmin Fahimi warnte auf dem Bundeskongress des DGB:

„Wir wollen nicht zurückgeworfen werden in Zeiten von vor 1918.“

Ver.di-Chef Frank Werneke warf Bundeskanzler Friedrich Merz vor, keinen Konsens mit den Gewerkschaften gesucht zu haben. Die Reform sei ein „Freibrief für Arbeitgeber, um aus ihren Mitarbeitenden das Letzte rauszuholen — ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Beschäftigten.“ Es gebe bereits Hunderte von Tarifverträgen mit hochflexiblen Arbeitszeitmodellen — „es gibt überhaupt gar keinen Handlungsbedarf“, so Werneke.

Bemerkenswert: Auch Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas von der SPD distanzierte sich öffentlich von den Plänen. „Wenn es nach der SPD und mir persönlich geht, fassen wir das Thema gar nicht erst an — aber es steht im Koalitionsvertrag“, sagte Bas, die zugleich SPD-Vorsitzende ist.

Wie viel arbeiten die Deutschen heute?

34,3 Stunden betrug die durchschnittliche Wochenarbeitszeit aller Erwerbstätigen in Deutschland im Jahr 2024 — damit lag Deutschland unter dem europäischen Durchschnitt von 36,8 Stunden. Zum Vergleich: In Serbien wurde mit 42,2 Stunden am meisten gearbeitet, die Niederlande kamen mit 31,2 Stunden auf den niedrigsten Wert.

Seit 1991 ist die Wochenarbeitszeit in Deutschland um 4,1 Stunden gesunken — auch weil der Anteil der Teilzeitbeschäftigten von 14,1 auf 30,8 Prozent gestiegen ist.

Ein Schutzrecht mit Geschichte

Der Acht-Stunden-Tag hat in Deutschland eine über 100 Jahre alte Geschichte. Der walisische Sozialreformer Robert Owen hatte bereits früh den Grundsatz geprägt: „Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit und Erholung, acht Stunden Schlaf.“

In Deutschland wurde er 1918 zunächst für Arbeiter und 1919 auch für Angestellte eingeführt. Auch viele Unternehmen profitierten davon — kürzere Arbeitszeiten steigerten vielfach die Produktivität. Ob die Reform des 21. Jahrhunderts denselben Effekt hätte, ist unter Ökonomen umstritten.

 


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