Israel
Microsoft feuert Israel-Chef Haimovich: Azure speicherte 200 Millionen Stunden palästinensischer Telefongespräche

Microsoft hat seinen Israel-Chef Alon Haimovich entlassen — nach einer internen Untersuchung zur Überwachung palästinensischer Zivilisten über die Azure-Cloud.

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Tel Aviv/Redmond – Microsoft hat seinen Israel-Chef Alon Haimovich sowie mehrere leitende Manager der israelischen Niederlassung entlassen. Das berichtete die israelische Wirtschaftszeitung Globes am 13. Mai.

Haimovich, der die Niederlassung vier Jahre lang geführt hatte, scheidet offiziell zum 31. Mai aus dem Unternehmen aus. Microsoft hatte seinen Abgang zuvor öffentlich bekannt gegeben, ohne Gründe zu nennen. Bis zur Bestellung eines Nachfolgers wird Microsoft Israel von Microsoft Frankreich geführt.

Hintergrund ist eine interne Untersuchung, die Microsoft im Laufe des Jahres 2025 eingeleitet hatte. Im Zentrum stehen Vorwürfe, die israelische Militärgeheimdiensteinheit 8200 — Israels Signals-Intelligence-Direktion — habe Microsofts Azure-Clouddienste genutzt, um rund 200 Millionen Stunden abgefangener Telefongespräche palästinensischer Zivilisten aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen zu speichern.

Besonders brisant: Die genutzten Azure-Server standen in Europa — konkret in den Niederlanden — und könnten Microsoft damit EU-rechtlichen Risiken ausgesetzt haben.

Wie die Enthüllung begann

Ausgangspunkt war ein gemeinsamer Bericht des britischen Guardian, des israelisch-palästinensischen Magazins +972 und des hebräischsprachigen Portals Local Call aus dem Jahr 2025.

Die Recherche legte offen, dass die israelische Armee Microsofts Azure-Plattform für eine Massenüberwachung palästinensischer Zivilkommunikation nutzte — in einem Ausmaß, das nach Einschätzung von +972 „wahrscheinlich eine der weltweit größten und aufdringlichsten Sammlungen von Überwachungsdaten über eine einzelne Bevölkerungsgruppe“ darstellt.

Bereits im September 2025 reagierte Microsoft-Präsident Brad Smith mit einer öffentlichen Erklärung: Das Unternehmen habe der israelischen Verteidigungsbehörde bestimmte Cloud-Dienste entzogen.

„Wir stellen keine Technologie zur Massenüberwachung von Zivilisten zur Verfügung. Dieses Prinzip haben wir in jedem Land der Welt angewendet“, sagte Smith. Die interne Überprüfung habe die missbräuchliche Nutzung von Azure-Speicher und KI-Diensten für Überwachungszwecke bestätigt.

Das Treffen mit Nadella

Besondere Brisanz erhält der Fall durch ein Treffen, das nach Dokumenten aus dem Jahr 2021 stattgefunden haben soll:

Laut Berichten, die der Guardian einsehen konnte, vereinbarte Microsoft-CEO Satya Nadella damals mit Yossi Sariel, dem damaligen Kommandeur der Einheit 8200, einen eigens abgeschirmten Bereich innerhalb von Azure für „sensible Aufgaben“.

Haimovich soll an diesem Treffen teilgenommen und die daraus entstandene Partnerschaft anschließend beaufsichtigt haben. Ab 2022 nutzte die Einheit 8200 diese gesonderte Azure-Umgebung zur Speicherung der abgefangenen Telefonaufzeichnungen.

Die interne Untersuchung soll zu dem Schluss gekommen sein, dass Haimovich und sein Team Microsoft-Konzernzentrale in Redmond nicht vollständig darüber informiert hatten, wie die israelische Armee die Technologie tatsächlich nutzte.

Druck von innen und außen

Microsoft-Mitarbeiter der Gruppe „No Azure for Apartheid“ übten scharfe Kritik. „Microsoft hat versucht, sich still von Alon Haimovich zu verabschieden, der die Entwicklung von Azure-Tools für das israelische Militär beaufsichtigte, die dabei halfen, den ersten KI-gestützten Genozid zu beschleunigen“, erklärte die Gruppe.

Mitarbeiter, die intern auf Missstände hingewiesen hätten, seien laut der Gruppe verhaftet, verfolgt, entlassen und sanktioniert worden.

Microsoft selbst äußerte sich bislang nicht zu den konkreten Gründen für Haimovichs Entlassung. Beobachter weisen darauf hin, dass das Unternehmen seinen Vertrag mit dem israelischen Verteidigungsministerium noch in diesem Jahr erneuern muss — und der Fall die Verhandlungsposition beider Seiten erheblich beeinflusst.

 


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