Israel-Kritik
Sánchez zum ESC-Boykott: „Auf der richtigen Seite der Geschichte“

Spaniens Premier Sánchez begründet den ESC-Boykott mit Kohärenz, Verantwortung und Menschlichkeit — und festigt seinen Ruf als lautester Israel-Kritiker Europas.

Teilen

Madrid – „Este año no estaremos en Eurovisión“ — dieses Jahr werden wir nicht bei Eurovision dabei sein. Mit diesen Worten auf X hat der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez den Boykott seines Landes beim Eurovision Song Contest 2026 in Wien persönlich begründet.

„Aber wir tun es mit der Überzeugung, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Aus Kohärenz, Verantwortung und Menschlichkeit“, schrieb er.

Es sind Worte, die über den Musikwettbewerb hinausweisen — und die niemanden überraschen, der Sánchez‘ Haltung der vergangenen Monate verfolgt hat. Der spanische Regierungschef gehört zu den wenigen westlichen Politikern, die Israels Vorgehen im Gaza-Krieg offen und wiederholt als unverhältnismäßig bezeichnet haben — und dafür weltweit gefeiert werden.

Von „völkermordender Staat“ bis zum EU-Vorstoß

Im Mai 2025 löste Sánchez einen diplomatischen Eklat aus, als er Israel während einer Parlamentssitzung als „völkermordenden Staat“ bezeichnete — das erste Mal, dass er diesen Begriff öffentlich verwendete.

Israel bestellte daraufhin die spanische Botschafterin in Jerusalem ein. Sánchez ließ sich davon nicht beirren.

Im April 2026 ging er einen Schritt weiter: Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Gibraleón kündigte er an, Spanien werde der EU vorschlagen, das Assoziierungsabkommen mit Israel vollständig zu beenden. „Die Regierung Spaniens wird Europa den Vorschlag unterbreiten, die Assoziierung mit Israel zu beenden“, erklärte er. Er betonte dabei, Spanien sei ein „Freund Israels“ — aber kein Freund der Politik seiner Regierung.

Spaniens Außenminister José Manuel Albares brachte die Haltung seiner Regierung wenige Tage später beim EU-Außenministertreffen in Luxemburg auf den Punkt:

„Wenn wir heute nicht in der Lage sind, Israel zu sagen, dass die Achtung der Menschenrechte und die Einhaltung des Völkerrechts Bedingungen sind — dann werden wir unsere Glaubwürdigkeit verlieren.“

„Die EU muss gegenüber Israel dieselben Maßstäbe anlegen wie gegen Russland“, so Albares.

Boykott als politisches Signal

Der spanische Sender RTVE hatte bereits Ende April angekündigt, den Eurovision Song Contest 2026 weder auszustrahlen noch daran teilzunehmen — zum ersten Mal seit Spaniens Beitritt zum Wettbewerb im Jahr 1961.

Als Grund nannte RTVE die anhaltende humanitäre Krise im Gazastreifen und die Teilnahme Israels.

Spanien gehört damit zu einer Gruppe von fünf Ländern, die Israel beim diesjährigen Wettbewerb die Gefolgschaft verweigern — wobei die Formen unterschiedlich sind: Spanien und Irland strahlen den Contest weder aus noch nehmen sie teil. Slowenien nimmt nicht teil, zeigt stattdessen eine Dokumentationsreihe über Palästina. Island und die Niederlande nehmen ebenfalls nicht teil, übertragen den Wettbewerb aber dennoch.

Sánchez‘ Tweet macht nun deutlich, dass er den Boykott nicht als politische Entscheidung betrachtet — sondern als Frage der historischen Positionierung. „Kohärenz, Verantwortung und Menschlichkeit“ — mit diesen drei Worten fasst er zusammen, was andere Regierungen bisher nicht auszusprechen wagten.

Beobachter weisen darauf hin, dass Sánchez damit auch innenpolitisch punktet: Er führt seine sozialistische Partei in ein Wahljahr und hat die klare Israel-kritische Haltung zu einem Markenkern seiner Außenpolitik gemacht — mit wachsendem Rückhalt in der spanischen Bevölkerung und Anerkennung weit über Europa hinaus.

 


ZUM THEMA

Spanien: Israel sollte wie Russland behandelt werden

Auch interessant

Union drängt auf raschen Gesetzentwurf zur Abschaffung des Acht-Stunden-Tages

Berlin - Angesichts von Verzögerungen bei der Umsetzung von Regierungsbeschlüssen fordert der Koordinator der Bundesregierung für maritime Wirtschaft und Tourismus, Christoph Ploß (CDU), eine...

Mattner: Warum ich nicht über den „Islamismus“ berichte

Ein Gastkommentar von Susanne Mattner „Warum berichtest du nicht über Islamismus?“ Eine faszinierende Frage. Ungefähr so originell wie die Erkenntnis, dass Wasser nass ist. Warum berichte...

Getötete Kinder in Gaza: Pressepreis für Recherche

Amsterdam - Die niederländische Zeitung De Volkskrant ist für eine umfangreiche investigative Recherche über die medizinische Lage und Schussverletzungen bei Kindern im Gazastreifen mit...

Benjamin Idriz: „Muslime gestalten Deutschland mit“

Ein Gastkommentar von Benjamin Idriz Wenn in den Medien über den Islam oder Muslime berichtet wird – positiv oder negativ –, genügt oft ein Blick...

Erdogan warnt : „Israel muss gestoppt werden“

Ankara – Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat in einer Reihe von Beiträgen auf X Israel scharf verurteilt und die internationale Gemeinschaft zum...

Headlines

Erdogan warnt : „Israel muss gestoppt werden“

Ankara – Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat in einer Reihe von Beiträgen auf X Israel scharf verurteilt...

Nachwahlen in der Türkei: Özgür Özels Debakel

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Monatelang wurde der Eindruck erweckt, die Türkei stehe unmittelbar vor einem politischen Erdrutsch. Der abgesetzte ehemalige...

Frieden mit der Türkei: Paschinjan gewinnt die Wahlen

Eriwan – Es ist ein Wahlergebnis das weit über Armenien hinausstrahlt. Premierminister Nikol Paschinjan hat die Parlamentswahlen vom 7....

Slowenien: Präsidentin Musar hisst erneut Palästina-Flagge

Ljubljana – Ein symbolischer Machtkampf erschüttert Slowenien. Kaum hatte der neue Premierminister Janez Jansa sein Amt angetreten, ließ er...

Meinung

Erdogan warns: “Israel must be stopped”

Ankara – Turkish President Recep Tayyip Erdoğan has sharply condemned Israel and urged the international community to take immediate action. In doing so, he...

Erdogan warnt : „Israel muss gestoppt werden“

Ankara – Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat in einer Reihe von Beiträgen auf X Israel scharf verurteilt und die internationale Gemeinschaft zum...

CHP: Vatandaşlar ile Parti Arasındaki Artan Kopuş

Nabi Yücel Vatandaşlarla partiler arasındaki giderek derinleşen kopuş, Türkiye'nin en köklü partisi CHP üzerinden somut biçimde gözlemlenebilir. Cumhuriyet Halk Partisi, 38. Olağan Kurultay'ın ardından ve...

The Economist: Erdoğan, Müslüman dünyasının en popüler politikacısı

Londra - Neredeyse iki milyar insandan oluşan devasa ve çeşitlilik arz eden bir topluluk olan küresel Müslüman topluluğu Umma/Ümmet içinde, birleştirici bir temsilci arayışı...

Rapor: Afrika Gençliği Ruh Sağlığında Dünya Lideri

Londra - Maddi refah, ruh sağlığının garantisi değil. Şubat 2026 sonunda yayımlanan yeni bir küresel rapor, zihinsel esenlik haritasını temelden sarstı. İngiltere, Japonya ve Yeni...