Kaukasus
Paschinjan: Bergkarabach gehörte nie uns

Armeniens Premier Paschinjan nennt die Karabach-Bewegung einen fatalen Fehler — mitten in einer historischen Annäherung mit der Türkei und Aserbaidschan

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Eriwan – Der Südkaukasus erlebt seit dem Ende des Karabach-Krieges eine Annäherung, die noch vor wenigen Jahren undenkbar schien. Armenien und Aserbaidschan unterzeichneten im August 2025 unter Vermittlung der USA ein Friedensabkommen im Weißen Haus.

Flugverbindungen zwischen Eriwan und Istanbul wurden aufgenommen. Die seit über drei Jahrzehnten geschlossene armenisch-türkische Grenze könnte nach Medienberichten bald wiedereröffnet werden. Im Juni 2025 reiste Premierminister Nikol Paschinjan erstmals auf offizielle Einladung nach Istanbul und traf dort den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan — ein historisches Bild.

Geplant ist zudem eine Eisenbahnverbindung zwischen Armenien, Aserbaidschan, der Türkei und weiter nach Europa, die auch China und Zentralasien mit dem Mittelmeer verbinden soll. Die seit 1993 geschlossene Bahnstrecke zwischen dem türkischen Kars und dem armenischen Gümrü soll wiederbelebt werden — im April 2026 trafen sich türkische und armenische Vertreter in Kars zu konkreten Verhandlungen über die Rehabilitierung der Strecke.

In diesem Klima des Wandels hat Paschinjan nun eine Aussage gemacht, die im eigenen Land für heftige Diskussionen sorgt.

„Es war nicht unseres“

In einem Video, das armenische Medien am Sonntag verbreiteten, bezeichnete Paschinjan die Bewegung zur Vereinigung Karabachs mit Armenien als „fatalen Fehler“.

Die Aufnahmen entstanden bei einer Wahlkampfveranstaltung in Kornidsor in der Region Sjunik. „Es muss festgestellt werden, dass die Karabach-Bewegung ein fataler Fehler für uns war“, sagte er.  „Was hat es zu unserem Land gemacht? Erklärt mir, was es zu unserem gemacht hat. Wir haben dort Schulen gebaut, Kindergärten, Fabriken, haben dort gelebt — aber im Grunde genommen, wie war es unseres? Es war nicht unseres, es war nicht unseres.“

Armenien befinde sich nicht im Rückzug, betonte Paschinjan — sondern im Aufbruch. Die Vorwürfe, sein Land habe Territorium verloren, wies er zurück: „Die Gebiete, deren Verlust uns vorgeworfen wird, haben uns nie gehört.“

Historischer Hintergrund

Bergkarabach, international als Teil Aserbaidschans anerkannt, war jahrzehntelang hauptsächlich von ethnischen Armeniern bewohnt und stand nach dem Zerfall der Sowjetunion im Mittelpunkt eines blutigen Konflikts. Im Ersten Karabach-Krieg erlangte Armenien in den frühen 1990er Jahren die Kontrolle über die Region.

Im Zweiten Karabach-Krieg 2020 holte Aserbaidschan mit türkischer Unterstützung weite Teile zurück. Im September 2023 folgte eine aserbaidschanische Militäroperation, die zur vollständigen Rückeroberung führte und den Exodus des Großteils der armenischen Bevölkerung aus der Region auslöste.

Reaktionen im eigenen Land

Die Aussagen lösten scharfe Reaktionen aus. Samvel Schahramanyan, der frühere Präsident der nicht mehr existierenden Republik Arzach, erklärte am Rande einer Gedenkveranstaltung in Eriwan:

„Wenn Menschen glauben, Arzach sei nicht ihres gewesen, steckt da vielleicht etwas Wahres drin — denn auch wir sind der Meinung, dass die amtierende Regierung Arzach nie als ihr eigenes betrachtet hat.“

Eduard Scharmasanow von der Republikanischen Partei wandte sich direkt an Paschinjan: „Wenn Karabach nicht unseres war — warum hast du dann 5.000 unserer Söhne geopfert?“

Beobachter weisen darauf hin, dass Paschinjan mit dieser Rhetorik im laufenden Wahlkampf eine klare Botschaft sendet: Der Verlust Karabachs sei kein politisches Versagen gewesen, sondern die unvermeidliche Korrektur eines historischen Irrtums. Die Parlamentswahlen 2026 werden zeigen, ob die armenische Bevölkerung diese Einschätzung teilt.

 


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