Gastkommentar
Heß: China möchte die europäische Wirtschaft ruinieren

Dr. Michael Reinhard Heß analysiert am Beispiel von Temu-Gratisprodukten die Strategien des chinesischen Dumping-Wettbewerbs und warnt vor einem zynischen Imperialismus auf Kosten der uigurischen Kultur.

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Ein Gastkommentar von Dr. Michael Reinhard Heß

Seit ich für einen Freund Sendungen von Temu angenommen habe, schickt mir die Verkaufsplattform immer wieder alle möglichen Pakete. Unaufgefordert, gratis und ungefähr zweimal pro Woche. Gratis bedeutet dabei: ALLES an den Sendungen ist für mich gratis. Das Produkt, das ich bekomme (obwohl ich es nicht bestellt habe), ebenso wie der Versand.

Aus dem ökonomischen Teil des Sozialkundeunterrichts ist mir in Erinnerung geblieben, dass es nur einen vernünftigen Grund gibt, für längere Zeit mit einer größeren Zahl kostenloser Produkte um sich zu werfen. Nämlich die Absicht, den ökonomischen Gegner durch Dumping in die Knie zu zwingen.

Strategisches Dumping und globale Auswirkungen

Wenn ich mir das sonstige Handlungsprofil der VR China ansehe, liegt für mich daher die Vermutung nahe, dass der stalinistische Einheitsstaat mit diesen Aktionen die europäische Wirtschaft ruinieren möchte. Ich kann nur hoffen, dass Deutschland, die EU und andere Institutionen rechtzeitig Maßnahmen ergreifen, um dieses Projekt zu durchkreuzen.

Eines der trojanischen Geschenke von Temu war der Parfumflakon, der auf den Photos zu sehen ist. Der VR China nahestehende Kritiker meiner Positionierung für die Uiguren haben sich wiederholt über den Umstand lustig gemacht, dass ich noch nie in Xinjiang war.

Nun bin ich weder ein deutscher Sinologieprofessor, der sich von den Sklavenhaltern einladen lässt, um hinterher deren Herrschaft mit „akademischen“ Weihen schönzuschreiben, noch schlage ich die Warnungen anderer, darunter Professoren aus den USA und der VR China, in den Wind, die vor den unwägbaren Gefahren solcher Reisen warnen, wenn man NICHT die offizielle Sichtweise der Kommunistischen Partei Chinas teilt.

Einblicke frei Haus

Aber mit Verlaub: Ich muss ja gar nicht dorthin reisen, denn Temu liefert mir viele Informationen über die Lage dort frei Haus. Mit Sicherheit mehr, als Sinologiekoryphäen auf Potemkin-Reisen jemals sehen werden. Der Name des Parfums steht in großen Buchstaben auf Uigurisch vorne auf den Fläschchen, „Ätiri“. Das Wort kommt offensichtlich von dem uigurischen Wort für Parfum, ätir. Die Form ätiri selber habe ich in keinem Wörterbuch oder sonst wo belegt gefunden, theoretisch könnte sie „sein Duft“ oder „duftig“ bedeuten, aber sehr wahrscheinlich ist es ein einzigartiger Markenname.

Das Wort „Ätiri“, abgesehen von vielleicht ein paar ornamentalen Schnörkeln, ist aber auch schon das Einzige, was an dem Parfumbehältnis uigurisch ist. Der gesamte erklärende Text auf der Rückseite ist chinesisch, ebenso wie ein Parallelname des Parfums auf der Vorderseite, der so viel wie „Goldenes Duftwasser“ bedeutet.

Interessanterweise gibt es inmitten des Kleingedruckten auf der Rückseite aber auch einen Schriftzug in arabischer Sprache, in dem was ich für den arabischen Eigenname des Parfums halte, Yakin, zusammen mit dem arabischen Wort für „Parfum“ steht. Das Parfum ist also offensichtlich auch für den Vertrieb in der arabischen Welt bestimmt.

Kulturelle Folklore als Marketinginstrument

Ich fasse zusammen: Obwohl das Produkt mit einer Bezeichnung aus der uigurischen Sprache für sich wirbt, ist diese Sprache ansonsten vollkommen unsichtbar. Das Uigurische ist nur noch eine Art exotisches Label, eine Art folkloristischer Rest, ähnlich dem Namen einer Disneylandfigur, die irgendwie an irgendetwas erinnert, was es in der Wirklichkeit irgendwann einmal gegeben haben mag, was aber komplett egal geworden ist.

Die überwiegend muslimische Prägung der Uiguren wird instrumentalisiert, um sie als exotischen Faktor bei den gleichfalls überwiegend mehrheitlichen Arabern zu vermarkten. Für einen Araber sieht die uigurische Schreibweise Ätiri tatsächlich lustig, vielleicht sogar lächerlich aus (mir ist in Erinnerung, wie sich ein Araber mir gegenüber einmal vor Lachen ausschüttete, als er das türkische, aber aus dem Arabischen stammende, Wort hürriyet hörte, allein die Existenz eines „ü“ in einem arabischen Wort klang für ihn amüsant).

Denn die Schreibweise „Ätiri“ verwendet Elemente derselben Schrift, die auch die Araber verwenden, aber in einer für Araber ungewohnten Weise. Der Effekt läuft ungefähr auf das hinaus, was man als Deutscher empfindet, wenn man Russischsprechende die Wörter parikmacherskaja, absac oder šlagbaum sagen hört.

Die Anatomie des zynischen Imperialismus

Dieses winzige Fläschchen – das Parum ist übrigens exzellent für seinen Preis – lehrt also in nuce, wie man zynischen Imperialismus richtig macht. Nämlich durch die Beachtung folgender Regeln:

  1. Versklave diejenigen, die sich nicht freiwillig deiner gottgegebenen Herrschaft unterwerfen;
  2. Verwende ihre Arbeitskraft, um dein Reich wirtschaftlich wachsen zu lassen;
  3. Nutze die disneylandartigen, folkloristischen kümmerlichen Reste, die du von ihrer Kultur (aus welchen Gründen auch immer) übriggelassen hast, um einen Effekt des Exotismus zu kreieren, den du dann zum Vertrieb der Kolonialwaren verwendest, die dein Sklavenhaltersystem ja in rauen Mengen produzieren kann;
  4. Nutze die Produktflut, die du durch Eroberung, Besetzung, Unterdrückung und Versklavung der Bevölkerung in deinem Machtbereich erzeugst, um die Wirtschaften der Länder zu schwächen, die deine Konkurrenten sind;
  5. Setze darauf, dass die Öffentlichkeit in den westlichen Ländern wie immer dumm genug bleibt, um all dem tatenlos zuzusehen.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


ZUM AUTOR

PD Dr. Michael Reinhard Heß, geboren in Offenbach am Main, ist ein renommierter Turkologe, der an der Universität Frankfurt am Main Geschichte, Turkologie, Islamkunde und Griechische Philologie studierte. Nach seiner Promotion und Habilitation wirkt er seit 2005 als Privatdozent für Turkologie an der Freien Universität Berlin und hat über 130 wissenschaftliche Arbeiten verfasst, darunter Beiträge zur türkischen Literatur und Kulturgeschichte. Als Übersetzer und Gründer des Verlags Gulandot widmet er sich der Förderung türkischer Literatur in deutscher Sprache, etwa durch Werke zu Imadeddin Nasimi oder der kulturellen Bedeutung von Schuscha.

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