Islam in Deutschland
Benjamin Idriz: „Muslime gestalten Deutschland mit“

Idriz: "Wenn in den Medien über den Islam oder Muslime berichtet wird – positiv oder negativ –, genügt oft ein Blick in die Kommentarspalten. Dort begegnet einem nicht selten eine Welle von Hass, Verachtung und pauschalen Urteilen."

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Ein Gastkommentar von Benjamin Idriz

Wenn in den Medien über den Islam oder Muslime berichtet wird – positiv oder negativ –, genügt oft ein Blick in die Kommentarspalten. Dort begegnet einem nicht selten eine Welle von Hass, Verachtung und pauschalen Urteilen.

Besonders häufig liest man den Satz: „Geht zurück in eure Heimat!“
Dabei vergessen viele, dass Millionen Muslime in Deutschland Deutsche sind. Sie wurden hier geboren, sind hier aufgewachsen und kennen keine andere Heimat. Für sie würde „Zurück in die Heimat“ vielleicht bedeuten: von München nach Münster, von Hamburg nach Köln oder von Berlin nach Stuttgart.

Gestern beklagte die AfD-Vorsitzende, in manchen Schulklassen sitze kein deutsches Kind mehr. Frau Weidel, die Schülerinnen und Schüler, die Sie meinen, sind Deutsche. Sie sind hier geboren, sprechen Deutsch und gestalten die Zukunft dieses Landes mit. Deutschsein wird nicht durch Herkunft oder Namen bestimmt, sondern durch die Zugehörigkeit zu diesem Land.

Zurück zu den Kommentarspalten:

Menschen schreiben dort über Muslime Dinge, die sie ihrem muslimischen Nachbarn, Kollegen, Arzt, Pfleger oder Freund niemals ins Gesicht sagen würden.

Dabei frage ich mich: Wer sind diese Menschen, die so schreiben?
Sind es nicht oft dieselben Menschen, die jeden Tag von Muslimen profitieren? Die ihre Briefe und Pakete von Muslimen erhalten, von muslimischen Pflegekräften betreut, von muslimischen Ärztinnen und Ärzten behandelt, von muslimischen Bus- und Taxifahrern befördert oder von muslimischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Restaurants, Hotels und Geschäften bedient werden?

Muslime stehen nicht am Rand dieser Gesellschaft. Sie sind Teil ihres täglichen Lebens. Sie arbeiten in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Schulen, Handwerksbetrieben, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen. Sie zahlen Steuern, erziehen ihre Kinder, engagieren sich ehrenamtlich und tragen jeden Tag dazu bei, dass dieses Land funktioniert.

Muslime sind längst nicht nur Beschäftigte in den Berufen des Alltags. Sie sind Kulturschaffende, Künstler, Wissenschaftler, Professorinnen und Professoren, Unternehmer, Politiker, Journalistinnen und Journalisten, Sportlerinnen und Sportler. Sie forschen an Universitäten, gründen Unternehmen, sitzen in Parlamenten, gewinnen Medaillen, schreiben Bücher, komponieren Musik und bereichern das kulturelle Leben unseres Landes.

Sie gestalten Deutschland nicht nur mit ihrer Arbeit, sondern auch mit ihren Ideen, ihrer Kreativität und ihrem gesellschaftlichen Engagement. Viele von ihnen tragen Verantwortung in Vereinen, Stiftungen, Bildungsprojekten und sozialen Initiativen. Sie helfen mit, die Zukunft dieses Landes zu formen – genauso selbstverständlich wie Millionen andere Bürgerinnen und Bürger auch.

Es sind Menschen mit Hoffnungen und Sorgen, mit Familien und Träumen. Menschen, die in Frieden leben und ihren Beitrag zum Gemeinwohl leisten möchten. Umso schmerzlicher ist es, wenn Menschen, die täglich von ihrer Arbeit, ihrer Freundlichkeit und ihrem Einsatz profitieren, ihnen mit Misstrauen, Ablehnung oder gar Hass begegnen.

Kritik gehört zu einer freien Gesellschaft. Aber Hass auf Millionen Menschen allein wegen ihrer Religion ist keine Kritik. Er verletzt die Würde von Menschen und vergiftet das gesellschaftliche Klima.

Wer jeden Tag das Gute eines Menschen annimmt, sollte ihm nicht gleichzeitig Respekt und Anerkennung verweigern. Eine gerechte Gesellschaft beurteilt Menschen nicht nach ihrer Herkunft, ihrem Namen oder ihrer Religion, sondern nach ihrem Charakter, ihrem Handeln und ihrem Beitrag zum Gemeinwohl.

Und vielleicht sollten wir uns deshalb weniger fragen, woher ein Mensch kommt, sondern vielmehr, wohin wir als Gesellschaft gemeinsam gehen wollen. Denn die Zukunft Deutschlands wird nicht von Menschen unterschiedlicher Herkunft gegeneinander gestaltet, sondern von Menschen, die gemeinsam Verantwortung für dieses Land übernehmen.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


ZUM AUTOR

Benjamin Idriz dürfte der einzige Imam Deutschlands sein, der promovierter islamischer Theologe ist und zugleich auf deutsch schreibt. Beides – die Praxisbezogenheit des Seelsorgers und die wissenschaftliche Vertrautheit mit den Quellen – zeichnet sein neues Buch aus. Mit diesen Qualitäten ragt es aus einer wahren Flut von Veröffentlichungen aller Art über die „Frauenfrage“ im Islam wohltuend heraus.

Der Autor ist seit vielen Jahren weit über die oberbayerische Kleinstadt Penzberg, wo er als Imam wirkt, und über München, wo er das „Münchner Forum für Islam“ initiiert hat, bekannt: Sein Wirken und Schaffen gilt einem authentischen Islamverständnis, das mit den Wertvorstellungen der deutschen und europäischen Gesellschaft unserer Zeit nicht nur kompatibel ist, sondern die gemeinsamen Werte aus den Quellen des Islams – dem Koran und der Tradition der Propheten – ableitet.

Buch: Wie verstehen Sie den Koran, Herr Imam?: Grundgedanken für einen Islam heute und hier


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