Die Geschichte des schwedischen UN-Vermittlers Folke Bernadotte ist heute kaum bekannt. Noch weniger Menschen kennen Jacob Israël de Haan. Der überzeugte Zionist setzte sich später – wie Bernadotte – für eine Annäherung zwischen Juden und Arabern ein und lehnte Gewalt ab.
Unter orthodoxen Juden gilt er bis heute als Held. Radikale Zionisten sahen in ihm dagegen einen Verräter und ließen ihn 1924 ermorden. Seine Tötung gilt als der erste politische Mord innerhalb der jüdischen Gemeinschaft im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina.
Ein überzeugter Zionist
Als Jacob Israël de Haan im Jahr 1919 die Niederlande verließ und nach Palästina auswanderte, war er kein Gegner des Zionismus – im Gegenteil.
Der 1881 im niederländischen Smilde geborene Jurist, Schriftsteller und Journalist gehörte zu den frühen Unterstützern der zionistischen Bewegung. Wie viele europäische Juden seiner Generation war auch de Haan von der Idee überzeugt, dass das jüdische Volk nach Jahrhunderten von Verfolgung und Diskriminierung eine sichere nationale Heimstätte benötige.
Bereits in den Niederlanden hatte sich de Haan als Schriftsteller einen Namen gemacht. Seine Romane und journalistischen Arbeiten machten ihn weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Gleichzeitig entwickelte er sich zu einem scharfsinnigen politischen Beobachter, dessen Texte häufig gesellschaftliche Debatten auslösten.
Ab 1910 entwickelte de Haan ein verstärktes Interesse am Judentum, an Eretz Israel und dem Zionismus. Dieses Interesse de Haans war unter anderem ein Resultat aus der massenweisen Verhaftung von Juden im zaristischen Russland, seinem Interesse am Bolschewismus und seinem Engagement zur Befreiung der inhaftierten russischen Juden.
Mit der Auswanderung nach Jerusalem begann für ihn jedoch ein völlig neuer Lebensabschnitt. Was zunächst als Reise eines überzeugten Zionisten begann, entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einer politischen und persönlichen Wandlung, die schließlich tödlich enden sollte.
Jerusalem verändert seinen Blick
Das Palästina, in dem de Haan ankam, entsprach nur teilweise den Vorstellungen, die viele europäische Zionisten von dem Land hatten.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs stand das Gebiet unter britischer Mandatsverwaltung. Juden, Muslime und Christen lebten dort seit Jahrhunderten nebeneinander, während gleichzeitig immer mehr jüdische Einwanderer aus Europa ins Land kamen.
In Jerusalem lernte de Haan nicht nur Vertreter der zionistischen Bewegung kennen. Er knüpfte ebenso enge Kontakte zur orthodox-jüdischen Gemeinschaft, die den politischen Zionismus teilweise kritisch betrachtete, sowie zu arabischen Persönlichkeiten. Je länger er im Land lebte, desto stärker änderte sich seine Sicht auf den Konflikt.
Während viele führende Zionisten den Aufbau eines jüdischen Staates zunehmend als politischen Machtkampf verstanden, gelangte de Haan zu der Überzeugung, dass ein dauerhaftes Zusammenleben nur durch Gespräche und gegenseitige Verständigung möglich sei. Er begann, sich öffentlich für einen Dialog zwischen Juden und Arabern einzusetzen und warnte vor einem Weg, der ausschließlich auf Konfrontation beruhte.
Diplomat der orthodoxen Juden
Sein Kurswechsel blieb nicht unbemerkt. Besonders innerhalb der orthodoxen jüdischen Gemeinschaft gewann Jacob Israël de Haan immer mehr Ansehen.
Der angesehene Rabbiner Joseph Chaim Sonnenfeld, einer der wichtigsten Vertreter des orthodoxen Judentums in Jerusalem, vertraute de Haan schließlich eine besondere Aufgabe an. Er machte ihn zu seinem diplomatischen Vertreter.
De Haan sollte die Position der orthodoxen Juden gegenüber der britischen Mandatsmacht und internationalen Gesprächspartnern vertreten. Gleichzeitig führte er Gespräche mit arabischen Persönlichkeiten und versuchte, Möglichkeiten für eine friedliche Verständigung auszuloten.
Seine Überzeugung war einfach. Ein jüdisches Leben in Palästina könne nur dann dauerhaft gesichert werden, wenn Juden und Araber einen politischen Ausgleich fänden. Diese Haltung brachte ihm unter orthodoxen Juden großen Respekt ein. Unter führenden Zionisten jedoch wuchs das Misstrauen.

Vom Mitstreiter zum politischen Gegner
Je aktiver sich de Haan für diplomatische Lösungen einsetzte, desto stärker verschlechterte sich sein Verhältnis zur zionistischen Führung. Seine Gespräche mit arabischen Vertretern wurden von vielen nicht mehr als Vermittlungsversuche verstanden, sondern als politische Gefahr. Für radikale Zionisten war de Haan längst kein loyaler Mitstreiter mehr.
Sie warfen ihm vor, die Interessen der zionistischen Bewegung zu untergraben und den Aufbau eines jüdischen Staates zu gefährden. Aus ihrer Sicht war er zu einem politischen Hindernis geworden. Dabei blieb de Haan seiner Überzeugung treu.
Er glaubte weiterhin, dass Gewalt den Konflikt nur verschärfen würde und dass eine Verständigung letztlich im Interesse aller Menschen in Palästina liege. Gerade diese Haltung machte ihn jedoch für jene Kräfte gefährlich, die den politischen Kurs der zionistischen Bewegung mit allen Mitteln durchsetzen wollten.
Ein Mann zwischen den Fronten
In den letzten Monaten seines Lebens bewegte sich Jacob Israël de Haan zunehmend zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite genoss er innerhalb der orthodox-jüdischen Gemeinschaft großes Vertrauen. Dort wurde er als mutiger Vertreter ihrer Interessen angesehen, der bereit war, auch unbequeme Positionen öffentlich zu vertreten.
Auf der anderen Seite betrachteten ihn immer mehr führende Zionisten als Verräter. Seine diplomatischen Kontakte zu arabischen Führern, seine öffentliche Kritik am politischen Kurs der zionistischen Bewegung und seine Bemühungen um einen friedlichen Ausgleich ließen ihn in ihren Augen zu einer Gefahr werden.
Was einst als Reise eines überzeugten Zionisten begonnen hatte, endete damit, dass radikale Zionisten in ihm ihren politischen Gegner sahen. Am Abend des 30. Juni 1924 sollte diese Entwicklung ihren blutigen Höhepunkt erreichen.
Das Attentat
Am Abend des 30. Juni 1924 verließ Jacob Israël de Haan das Shaare-Zedek-Krankenhaus in Jerusalem, wo er regelmäßig die Abendgebete besuchte. Nur wenige Augenblicke später trat ein Mann auf ihn zu und feuerte mehrere Schüsse aus nächster Nähe ab. De Haan brach schwer verletzt zusammen und starb noch am Tatort.
Die Ermordung schockierte die jüdische Gemeinschaft Jerusalems ebenso wie die britischen Mandatsbehörden. Schnell kamen Gerüchte über die Hintermänner auf. Offiziell wurde der Mord zunächst nicht aufgeklärt.
Erst Jahrzehnte später bestätigten historische Untersuchungen und Aussagen Beteiligter, dass Mitglieder der Haganah, einer zionistischen Untergrundorganisation, hinter dem Attentat standen.

„Ich habe getan, was die Hagana entschieden hatte“
1985 veröffentlichten die Autoren Shlomo Nakdimon und Shaul Mayzlish das Buch De Haan: The First Political Assassination in Palestine. Dafür interviewten sie den früheren Haganah-Angehörigen Avraham Tehomi, der zu diesem Zeitpunkt als Geschäftsmann in Hongkong lebte.
Tehomi erklärte darin offen:
„Ich habe das getan, was die Hagana entschieden hatte. Nichts wurde ohne den Befehl Jizchak Ben Zwis getan … Ich bedauere nichts, denn er wollte die gesamte Idee des Zionismus zerstören.“
Jizchak Ben Zwi wurde später der zweite Präsident Israels. Nach Aussage Tehomis betrachtete die Haganah de Haan als Gefahr für das zionistische Projekt. Seine Gespräche mit arabischen Vertretern und seine diplomatischen Bemühungen galten den Verantwortlichen offenbar als Bedrohung.
Der erste politische Mord
Historiker bezeichnen die Ermordung Jacob Israël de Haans bis heute als den ersten politischen Mord innerhalb der jüdischen Gemeinschaft im britischen Mandatsgebiet Palästina. Die Tat löste weit über Jerusalem hinaus Bestürzung aus und führte bereits damals zu heftigen Debatten innerhalb der zionistischen Bewegung.
Viele Unterstützer des Zionismus sahen in der Ermordung einen gefährlichen Tabubruch. Zu den deutlichsten Kritikern gehörte der Journalist und Publizist Moshe Beilinson.
Er schrieb:
„Die Flagge unserer Bewegung darf nicht besudelt werden. Weder durch das Blut Unschuldiger noch durch das Blut Schuldiger. Andernfalls wird unsere Bewegung schlecht werden, denn Blutvergießen zieht weiteres Blutvergießen nach sich. Blutvergießen zieht immer Rache nach sich und wenn du dich einmal auf diesen Pfad begeben hast, weißt du nicht, wohin er dich führen wird.“
Seine Worte zählen bis heute zu den bekanntesten zeitgenössischen Reaktionen auf das Attentat.
Ein Held für orthodoxe Juden
Während Jacob Israël de Haan in der breiten Öffentlichkeit heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist, besitzt er innerhalb der orthodox-jüdischen Gemeinschaft bis heute einen besonderen Stellenwert.
Viele orthodoxe Juden erinnern sich an ihn als ihren diplomatischen Vertreter, der ihre Interessen gegenüber der britischen Mandatsmacht und auf internationaler Ebene vertrat.
Vor allem aber gilt er dort als Mann, der trotz seiner eigenen zionistischen Überzeugung den Dialog über die Konfrontation stellte und sich gegen eine gewaltsame Lösung des Konflikts aussprach.
Gerade dieser Wandel macht seine Biografie bis heute außergewöhnlich. Er kam als überzeugter Zionist nach Palästina. Er änderte seine Haltung nicht, weil er sich vom Judentum oder vom Schicksal des jüdischen Volkes abwandte, sondern weil er überzeugt war, dass ein dauerhaftes Zusammenleben nur durch Verständigung zwischen Juden und Arabern möglich sei. Diese Überzeugung machte ihn für radikale Zionisten zum politischen Gegner.
Eine fast vergessene Geschichte
Mehr als ein Jahrhundert nach seinem Tod gehört Jacob Israël de Haan zu den am wenigsten bekannten Persönlichkeiten der frühen Geschichte des Nahostkonflikts.
Seine Biografie zeigt, wie vielfältig die politischen Strömungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft bereits in den 1920er-Jahren waren – und dass selbst überzeugte Zionisten über den richtigen Weg zur Gründung eines jüdischen Staates tief zerstritten sein konnten. Für die einen war de Haan ein Verräter.
Für andere wurde er zum Symbol dafür, dass Verständigung und Diplomatie auch in Zeiten tiefster politischer Gegensätze möglich bleiben sollten.
Die Ermordung Jacob Israël de Haans wird von Historikern bis heute als der erste politische Mord innerhalb der jüdischen Gemeinschaft im britischen Mandatsgebiet Palästina eingeordnet. Seine Geschichte zeigt zugleich, dass die Auseinandersetzungen um die Zukunft Palästinas nicht nur zwischen Juden und Arabern, sondern auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft selbst geführt wurden.

