Ein Gastkommentar von Michael Thomas
Israel, wie aus einem Berg mit einer Kuh Krieg gemacht werden kann. Gemeint ist hier natürlich der berühmte Tempelberg. Da sich in der letzten Zeit besonders beunruhigende Anzeichen dafür mehren, dass nun die israelische Regierung die volle Kontrolle über das Gebiet an sich ziehen will und damit Auseinandersetzungen ungeahnten Ausmaßes provoziert, muss man sich für das Thema näher interessieren.
Zunächst müssen historische Tatsachen gewürdigt werden, sofern sie überhaupt vorliegen. Sowohl seitens der jüdischen, als aber auch der islamischen Position gibt es Unsicherheiten.
Es liegt nämlich bis heute kein einziger, archäologisch überprüfbarer Beweis für die bloße Existenz des berühmten „Zweiten Tempels“ vor, der einst dort stand und von Rom im Widerstandskampf vernichtet worden sein soll.
Er soll etwa 21 vor Christi von König Herodes errichtet worden sein und barg neben spirituell wichtigem Tempelgerät auch die Bundeslade. Jahrzehntelange Ausgrabungen förderten bisher nur Unmengen an Pfeilspitzen hervor, die etwa in die Zeit dieser letzten Schlacht datiert werden können.
Muslime machen geltend, dass ihnen dieser Platz aufgrund der Himmelfahrt des Propheten besonders wichtig, jahrhundertelang zueigen und unumstrittenes Zentrum ihres Glaubens ist.
Tatsächlich gab es mit der Erklärung des „Status Quo“, den 1967 für Israel der damalige Verteidigungsminister Moshe Dayan und für Libanon der jordanische König vereinbart hatten, für beide Seiten kein Problem: jeder durfte fortan das Gebiet betreten, aber nur Muslimen war dort das Gebet gestattet.
Es war ohnehin weit verbreitete Lehrmeinung unter Juden, dass dort auf dem Gelände des damals zerstörten Tempels keine Kulthandlung zulässig und das Gebiet als „unrein“ zu betrachten sei.
Der damals vereinbarte Status Quo hätte für lange Zeit eine tragbare Basis sein können. Hier müsste nun eine genaue und kenntnisreiche Abhandlung über die diversen, jüdischen Sichtweisen und Meinungen folgen – da mir hierfür jedoch die Kompetenz fehlt, belasse ich es bei der bloßen Erwähnung dieser Positionen:
Ausgehend von der Gewissheit, die exakte Position des zerstörten Tempels nicht bestimmen zu können, betrachten viele das Risiko, unabsichtlich das einstige Allerheiligste zu betreten, was normalen Menschen unter Androhung schwerster Strafen verboten war, als viel zu hoch. (1.)
Andere hingegen sind davon überzeugt, dass mithilfe eines Reinigungsrituals die benötigte, spirituelle Reinheit erlangt, dadurch das Gelände gesäubert und mit dem Bau eines „Dritten Tempels“ begonnen werden könne. Hierzu bedarf es einer makellosen, roten Kuh, die geopfert und dann zu Asche verbrannt werden müsse. Mit Wasser vermengt, erhält man das notwendige „Reinigungswasser“.
Seit vielen Jahren dreht sich die Spirale des Hasses zwischen Juden und Muslimen immer höher. Während Muslime vielfach der irrigen Annahme sind, dass die bloße Anwesenheit von Juden auf dem Gelände nichts als Boshaftigkeit, Provokation und Bedrohung darstellt, planen jüdische Extremisten die gewaltsame Übernahme und Umwidmung des Geländes mit erschreckender Offenheit vor.
Während selbst der vorbestrafte Rechtsextremist Itamar Ben-Gvir (noch) aus realpolitischen Gründen davor zurückschreckt und alle Versuche, ein solches „Reinigungsopfer“ und die Zerstörung des Felsendoms nebst der Al-Aqsa-Moschee zu verhindern versucht, schreiten die Planungen dazu allerdings zügig voran.
Derzeit laufen um das Gebiet in Ostjerusalem herum umfangreiche Enteignungsverfahren, die das Viertel von palästinensischen Eigentümern „säubern“ soll.
Und jetzt wird ein Plan der israelischen Regierung bekannt, Jordanien als Schutzmacht des Tempelbergs auszuhebeln und die Kontrolle über alle islamischen Geistlichen samt des Inhalts ihrer Predigten zu übernehmen. Das wird gemeinhin in der gesamten, islamischen Welt als ungeheuerlicher Vorgang maximaler Aggression gewertet – und drückt das jordanische Königshaus mit dem Gesicht an die Wand. (2.)
Denn die jordanische Waqf-Behörde ist gemäß des Abkommens für den Tempelberg verantwortlich – und wenn ihr die Kontrolle durch Israel entzogen wird, fällt der Tempelberg insgesamt in die Hand Israels.
Da Israel in seinen Kriegen bisher besonderes Augenmerk darauf verwendet hat, für Palästinenser und Muslime relevante Plätze und Gebäude zu vernichten, würde dies allgemein als Angriff auf den Islam gewertet. Kein Muslim auf der Welt hätte genug Vertrauen in Israel, wenn es garantieren würde, weder Unwidmung, noch Zerstörungen durchführen zu wollen. (3.)
Es ist kaum vorstellbar, dass König Abdullah diesen Vorstoß ohne Gegenwehr geschehen lassen und dennoch politisch und als Staat Jordanien überleben könnte. Im Gegenteil wäre dies genau das benötigte, brennende Zündholz, um endlich alle noch verbleibenden Benzinfässer in der gesamten Region und auf der ganzen Welt zur Explosion zu bringen.
Obschon Jordanien eine militärische Auseinandersetzung mit Israel unmöglich bestehen könnte, würde sie der König letztlich auch wegen der Millionen palästinensischer Flüchtlinge, die er beherbergt, dennoch führen müssen, da sein Land sonst vor Wut implodiert.
Andererseits befänden sich im Grunde alle islamischen Staaten, Organisationen und Einzelpersonen in genau der gleichen Lage. Die Stimmung ist viel zu sehr aufgeheizt, als dass es Spielraum für Verhandlungen gäbe. Die Nerven der Menschen in Israels mittelbarer und unmittelbarer Nachbarschaft liegen blank.
Sie würden keine Sekunde zögern, gegen die eigene Regierung loszuschlagen, wenn die sich in diesem Konflikt zurückhalten wollte. Selbst für säkulare Araber wäre das Zurückstoßen Jordaniens unter klarem Bruch des Abkommens unerträglich.
Mit absoluter Sicherheit würden und müssten sich die USA militärisch zurückhalten, da sie schwer angeschlagen sind und keinen Krieg bestehen könnten, der mehr als ein Dutzend Fronten hätte.
Jeden Krieg und Angriff im Nahen Osten haben die USA, wohlwissend um die Gefahr einer drohenden, breitflächigen und unkontrollierbaren Eskalation, immer mit dem Hinweis geführt, dass es sich keineswegs um einen Angriff auf den Islam handele. Selbst Iran, bisher recht isoliert, wäre Teil des internationalen Zornes, der in jedem Fall zum Krieg führt.
Für viele Muslime weltweit wäre das der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brächte. Diejenigen, die bisher noch differenzierte Positionen innehatten, würden sich über Nacht radikalisieren. Überall käme es zu gewaltsamen Über- und Angriffen, Bombenanschlägen und Lynchaktionen nicht nur gegen Israel, sondern aller seiner „Freunde“ und Verbündeten.
Der Krieg wäre damit überall auf der Welt angekommen.
Sowohl Benjamin Netanyahu, als auch Donald Trump könnten theoretisch daran Interesse haben. Ein derart ausufernder Krieg würde sowohl die USA, als aber auch Israel, maximaler Gefahr aussetzen und beiden ermöglichen, die kommenden Wahlen absagen und sich über Notstands- und Kriegsgesetze ermächtigen zu lassen. Beide könnten die letzten Reste ihrer „Demokratie“ nebst aller parlamentarischen oder sonstigen Kontrollen vom Tisch fegen
- https://www.juedische-allgemeine.de/politik/tempel-und-traeume/
- https://www.mena-watch.com/jerusalem-worin-besteht-der-status-quo-auf-dem-tempelberg/
- https://www.deutschlandfunk.de/heiliges-sperrgebiet-die-juden-und-der-tempelberg-100.html
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