Gastkommentar
Yücel: Die Türkei verfolgt geostrategische Autonomie

Gastkommentar von Nabi Yücel: Warum westliche Analysen die strategische Autonomie der Türkei oft als „Vertrauensproblem“ missverstehen.

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Ein Gastkommentar von Nabi Yücel

Manchmal verrät ein Artikel weniger über sein Thema als über die Brille, durch die der Autor schaut. Der Beitrag im IPG Journal trägt den vielversprechenden Titel „Geostrategisches Paradox“. Gemeint ist die Türkei: unverzichtbar für die NATO und zugleich angeblich immer unberechenbarer. Das klingt zunächst plausibel – bis man die Argumentation genauer betrachtet.

Der erste Denkfehler: Autonomie statt Gefolgschaft

Der erste Denkfehler liegt bereits im Ausgangspunkt. Der Artikel setzt stillschweigend voraus, ein verlässlicher NATO-Partner müsse seine Außenpolitik möglichst deckungsgleich mit den Interessen Washingtons und Brüssels gestalten. Genau diese Annahme ist jedoch das eigentliche Missverständnis.

Die Türkei verfolgt seit Jahren keine Politik der Gefolgschaft mehr, sondern eine Politik der strategischen Autonomie. Sie bleibt NATO-Mitglied, kauft aber russisches Gas. Sie liefert Drohnen an die Ukraine und spricht gleichzeitig mit Moskau. Sie konkurriert mit Russland in Syrien, Libyen sowie im Südkaukasus und hält dennoch diplomatische Kanäle offen. Aus westlicher Sicht erscheint das widersprüchlich – aus Sicht klassischer Machtpolitik ist es schlicht Interessenpolitik.

Der zweite Denkfehler: Eigenständigkeit ist keine Unzuverlässigkeit

Damit sind wir beim zweiten Denkfehler. Der Artikel verwechselt Eigenständigkeit mit Unzuverlässigkeit. Ein Staat, der eigene Interessen verfolgt, wird automatisch zum „Vertrauensproblem“ erklärt. Doch seit wann besteht Bündnistreue darin, auf nationale Interessen zu verzichten?

Frankreich verfolgt regelmäßig einen eigenständigen Kurs. Die USA ebenfalls. Auch Griechenland oder Ungarn weichen in einzelnen Fragen von Mehrheitspositionen ab. Niemand käme deshalb auf die Idee, ihre gesamte Bündnisfähigkeit infrage zu stellen. Bei der Türkei scheint jedoch ein anderer Maßstab zu gelten.

Der dritte Denkfehler: Personalisierung der Staatsräson

Der dritte Denkfehler besteht darin, Erdoğan mit der gesamten türkischen Staatsräson gleichzusetzen. Fast jede außenpolitische Entscheidung wird personalisiert – als hätte Ankara vor 2002 keine geopolitischen Interessen gehabt und würde nach Erdoğan plötzlich völlig andere verfolgen.

Dabei existieren fundamentale Konstanten, die jede türkische Regierung geprägt haben: die Kontrolle der Meerengen, die Verhinderung einer als Bedrohung empfundenen kurdischen Staatsbildung an der Südgrenze, Einfluss im Schwarzen Meer, Stabilität im Kaukasus und die Absicherung zentraler Energie- und Handelsrouten. Diese strategischen Ziele verschwinden nicht mit einem Regierungswechsel.

Historischer Gedächtnisverlust und neue Realitäten

Noch gravierender ist der historische Gedächtnisverlust. Der Artikel beschreibt das türkische Streben nach strategischer Unabhängigkeit beinahe als Charakterfehler. Er blendet jedoch weitgehend aus, warum dieses Streben entstanden ist: Waffenembargos, Rüstungsbeschränkungen, Spannungen innerhalb der Allianz und der Ausschluss aus dem F-35-Programm haben in Ankara die Überzeugung gestärkt, sicherheitspolitisch autarker werden zu müssen. Ohne diesen Hintergrund wirkt die türkische Politik sprunghaft – mit ihm erscheint sie als nachvollziehbare Reaktion auf frühere Erfahrungen.

Auch geostrategisch bleibt der Blick erstaunlich eng. Die Welt des Jahres 2026 besteht längst nicht mehr ausschließlich aus der NATO und Russland. Der eigentliche globale Wettbewerb verläuft zwischen den USA und China. Die Türkei versucht, ihre Lage zwischen Europa, Asien, dem Nahen Osten und dem Schwarzen Meer zu nutzen, um sich als eigenständiger Knotenpunkt für Energie, Handel und Logistik zu etablieren. Der Mittlere Korridor, Zentralasien, Afrika oder die Organisation der Turkstaaten spielen dabei eine wachsende Rolle. All das bleibt im Artikel erstaunlich blass.

Das angebliche Russland-Paradox

Besonders widersprüchlich wird die Argumentation beim Thema Russland. Einerseits wird Erdoğan eine problematische Nähe zu Moskau vorgeworfen. Andererseits zählt derselbe Artikel auf, dass die Türkei die Ukraine militärisch unterstützt, die Meerengen nach der Montreux-Konvention verwaltet, Finnlands NATO-Beitritt ermöglicht hat und russische Ambitionen im Schwarzen Meer begrenzt. Die Frage drängt sich auf: Ist das tatsächlich das Verhalten eines russischen Verbündeten – oder eher das eines Staates, der versucht, mit beiden Seiten handlungsfähig zu bleiben?

Am Ende bleibt das eigentliche Paradox nicht die Türkei. Es besteht vielmehr darin, dass viele westliche Analysen weiterhin in den Kategorien des Kalten Krieges denken. Dort gab es Loyalität oder Illoyalität, Freund oder Gegner, Schwarz oder Weiß.

Die Geopolitik einer multipolaren Welt

Die heutige Welt funktioniert anders. Mittlere Mächte wie die Türkei, Indien, Saudi-Arabien oder Brasilien versuchen, zwischen den großen Machtzentren zu navigieren, statt sich dauerhaft einem einzigen Lager unterzuordnen. Diese Strategie mag für traditionelle Bündnisse unbequem sein, sie ist aber weder irrational noch außergewöhnlich.

Wer jede unabhängige Außenpolitik automatisch als „Vertrauensproblem“ interpretiert, analysiert am Ende nicht die Türkei – sondern offenbart vor allem die Grenzen des eigenen geopolitischen Denkens.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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