Gaza-Konflikt
Holocaust-Forscher Bartov nennt Gaza „Zukunft des Völkermords“

In einem Interview mit Democracy Now! warnt der Holocaust-Forscher Omer Bartov, dass Gaza als straffreies und lukratives Modell für Genozide dienen könnte.

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New York – Der renommierte israelisch-amerikanische Historiker und Experte für Genozidstudien, Omer Bartov, hat in einem viel beachteten Exklusiv-Interview mit dem US-Nachrichtenmagazin „Democracy Now!“ eine tiefgreifende und alarmierende Prognose über die langfristigen völkerrechtlichen Folgen des Gaza-Konflikts abgegeben.

Basierend auf seinem aktuellen Essay für die „New York Times“ warnt der Professor der Brown University vor dem Anbruch einer erschreckenden neuen Ära in der globalen Geopolitik. Nach Auffassung des Wissenschaftlers liefere das aktuelle Vorgehen im Gazastreifen ein präzedenzloses Modell für die „Zukunft des Völkermords“.

In diesem neuen Szenario würden die Verantwortlichen für schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht nur vollständige Straffreiheit genießen, sondern am Ende sogar wirtschaftlich und politisch von der Zerstörung profitieren.

Applaus für New Yorker Bürgermeister und Kritik an US-Impunität

Eingeleitet wurde das Gespräch durch eine Reaktion Bartovs auf eine Initiative des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani. Dieser hatte in einem viralen Video, das auf der Plattform X innerhalb kürzester Zeit über 80 Millionen Aufrufe verzeichnete, die US-Bundesbehörden dazu aufgefordert, den Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu bei dessen geplanter Ankunft zur UN-Generalversammlung im September zu vollstrecken.

Bartov lobte die Haltung des Bürgermeisters ausdrücklich als den einzig richtigen Schritt. Er betonte, dass gegen Netanjahu und dessen ehemaligen Verteidigungsminister Yoav Gallant rechtmäßige internationale Haftbefehle wegen Kriegsverbrechen vorliegen würden.

Gleichzeitig kritisierte der Forscher jedoch, dass die US-Regierung aktiv versuche, den ICC zu untergraben, weshalb eine tatsächliche Festnahme durch die amerikanische Administration nicht zu erwarten sei.

Gaza als zynisches Geschäftsmodell für die Zukunft

Im Kern seiner Analyse skizzierte Bartov ein düsteres Zukunftsszenario für den Gazastreifen, welches als Blaupause für künftige globale Konflikte dienen könnte. Er warnt davor, dass Völkermord von manchen Nationen künftig als legitime und lukrative Erweiterung der Politik mit anderen Mitteln betrachtet werden könnte.

Nach den vorliegenden Plänen und Absichten politischer Akteure drohe eine Zukunft, in der westliche Staaten, arabische Unterstützer und internationale Immobilieninvestoren vom Wiederaufbau einer vermeintlich „idealen Stadt“ in Gaza wirtschaftlich profitieren würden.

Die überlebenden palästinensischen Opfer des Konflikts liefen dabei Gefahr, dauerhaft marginalisiert und als billige Arbeitskräfte instrumentalisiert zu werden, um den Wohlstand der künftigen, wohlhabenden Bewohner zu sichern. Diese Form der wirtschaftlichen Verwertung von Zerstörungsräumen stelle eine völlig neue Qualität völkerrechtlicher Erosion dar.

Taktik des Vergessens und Hoffen auf US-Wahlwende

Auf die Frage der Journalistin Nermeen Shaikhs, warum der wachsende gesellschaftliche Widerstand in den USA bislang kaum Konsequenzen zeige, zeichnete Bartov ein differenziertes Bild.

Der Historiker betonte, dass sich die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten sowohl im linken als auch im rechten politischen Lager bereits spürbar verschiebe. Eine tatsächliche Kehrtwende in der Außenpolitik Washingtons sei jedoch frühestens nach den nächsten US-Präsidentschaftswahlen durch eine neue Administration denkbar.

Bis dahin ortet Bartov eine gezielte Strategie der Verantwortlichen, die Gräueltaten medial zu überspielen. Der Forscher warnte im Interview wortwörtlich:

„Worauf wir jetzt blicken, ist der Versuch, dies zu finalisieren, um die Menschen vergessen zu lassen, was in Gaza geschehen ist, und sie glauben zu machen, dass eine glänzende Zukunft vor uns liegt und wir nicht über die Schrecken nachdenken müssen, die dort geschehen sind und weiterhin geschehen.“

Diese bewusste Ablenkung durch das Versprechen eines wirtschaftlichen Aufschwungs diene laut Bartov dazu, die moralische Verantwortung dauerhaft zu begraben.

Historische Parallelen und das Versagen des Westens

Der Historiker zog zudem eine klare geschichtliche Parallele zu den Genoziden des 20. Jahrhunderts. Er erläuterte, dass Völkermorde historisch entweder durch das Erreichen der Täterziele enden oder durch ein militärisches Eingreifen von außen gestoppt werden.

Als Beispiel für die Straffreiheit der Täter vor 1945 nannte er den deutschen Völkermord an den Herero im heutigen Namibia im Jahr 1904. Dass die heutige israelische Führung agieren könne, ohne Rechenschaft befürchten zu müssen, liege primär am moralischen und rechtlichen Versagen der westlichen Verbündeten.

Die USA sowie zahlreiche europäische Staaten würden Israel nicht nur diplomatische und militärische Immunität gewähren, sondern das Vorgehen durch kontinuierliche Unterstützung absichern. Dadurch werde das internationale Rechtssystem dauerhaft beschädigt, da universelle Menschenrechte und die Genozidkonvention so entweder für alle gelten oder am Ende für niemanden mehr Gültigkeit besäßen.

 


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