Gastkommentar
„Irgendwas mit Vergewal­tigung“: Wie Rechtspopu­listen mit sexuali­sierter Angst mobil machen

Wie Rechtspopulisten sexualisierte Angst als Waffe nutzen: Ein Gastkommentar über die historischen Propagandamuster von KKK und „Stürmer“ bis zur AfD.

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Ein Gastkommentar von Aras Karasun

Bei der AfD gehört ja das Thema „fremdländisch-sexualisierte Gewalt und sexueller Neid“ im Zusammenhang mit Migration schon länger zu den Hauptsäulen deren Politpropaganda.

Nahezu in allen Reden, Foren und Social-Media-Auftritten der AfD steht die „sexualisierte Gewalt durch migrantische Männer“ nonstop im Vordergrund. Die wiederholte Botschaft und Behauptung dahinter ist, dass die Gesellschaft schutzlos sei, die „sog. Altparteien“ versagen würden oder sogar Teil einer Verschwörung seien, während die AfD sich als Kraft darstellt, die „Frauen vor Vergewaltigung schützen wolle“.

Der Fall Lisa und die Dynamik moderner Desinformation

Selbst russische Medien wie etwa RT, propagandistisch sehr eng mit der AfD verbunden, machten sich das zunutze. Der „Fall Lisa“ aus dem Jahr 2016. Das war damals ein riesiges Thema, das für extreme Spannungen gesorgt und die russischsprachige Community in Deutschland sowie die Politik massiv aufgewühlt hat.

Eine 13-jährige Russlanddeutsche (Lisa) aus Berlin verschwand für ca. 30 Stunden. Es verbreitete sich rasch das Gerücht – massiv befeuert von russischen Staatsmedien (wie RT) und rechtspopulistischen Kreisen –, das Mädchen sei von „Südländern“ bzw. Migranten und Flüchtlingen entführt und vergewaltigt worden.

Daraufhin kam es zu großen Demonstrationen innerhalb der russischen Community und von Russlanddeutschen vor dem Kanzleramt und in anderen Städten, weil vermutet wurde, die deutsche Polizei wolle den Fall vertuschen. Sogar der russische Außenminister Lawrow schaltete sich damals diplomatisch ein.

Die Staatsanwaltschaft konnte den Fall aber durch die Auswertung von Handydaten und Zeugenaussagen schnell aufklären. Das Mädchen war in der fraglichen Nacht freiwillig bei ihrem volljährigen Freund untergetaucht. Eine Vergewaltigung oder Entführung durch „Südländer-Migranten“ hatte nie stattgefunden.

Die historischen Wurzeln im amerikanischen Ku-Klux-Klan

Dieses Muster, die Verbindung von rassistischer Propaganda, pornografisch-sexualisierter Gewalt, Rassismus und dem Versprechen, eine bestimmte Gruppe von Frauen müsse vor Vergewaltigung geschützt werden, ist jedoch nicht neu. Es hat seine Ursprünge unter anderem in einem Stummfilm aus dem Jahre 1915, der den Ku-Klux-Klan propagandistisch aufbereitete, und wurde bereits vor über 100 Jahren als rassistisches Propagandamittel eingesetzt.

Der Ku-Klux-Klan war 1915 wegen Mitgliedermangels nahezu bedeutungslos geworden. Mit dem Stummfilm „The Birth of a Nation“ ist jedoch die simple Darstellung von weißen Rittern, die durch die Gegend ritten und zufällig weiße Frauen vor Vergewaltigung beschützten und abends in gemütlicher Runde die Kreuze anzündeten, massiv viral gegangen und kam beim Publikum sehr gut an.

Nach dem Erfolg des Films erhielt der Ku-Klux-Klan großen Zulauf und wuchs in den 1920er Jahren auf mehrere Millionen Mitglieder an. Das Muster, sexualisierte Angst und rassistischer Neid, erwies sich damals wie heute als äußerst wirksames Mittel zur Mobilisierung der dummen Massen. Daraus folgte damals eine Welle von Lynchmorden und Hinrichtungen.

Unter anderem saß ein 14-jähriger Junge namens George z. B. unschuldig in einer Todeszelle. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort und hatte die falsche Hautfarbe. Man beschuldigte ihn, zwei weiße Mädchen ermordet zu haben. Beweise? Keine. Nur ein erzwungenes Geständnis, erpresst von der Polizei, ohne Eltern, ohne Anwalt. Ein rein weißes Gericht brauchte gerade einmal zehn Minuten, um ein Kind zum Tode zu verurteilen.

Am Tag der Hinrichtung führten die Wärter einen verängstigten, 40 Kilo schweren Jungen zum elektrischen Stuhl. Er ist so winzig, dass die Apparatur der Erwachsenen nicht passt. Also nehmen sie eine dicke Bibel und nutzen sie als Sitzerhöhung. Als der Strom eingeschaltet wird, rutscht die viel zu große Todesmaske von seinem Gesicht und gibt den Blick frei auf ein Kind, das weint. Es dauerte genau 70 Jahre, bis ein Gericht das Urteil offiziell aufhob und feststellte: George Stinney Jr. war unschuldig. Es war ein Justizmord aus purem Rassismus.

Filmszene aus „Carolina Skeletons“ (1991), die die Hinrichtung des 14-jährigen George Stinney Jr. nachstellt. (Screenshot/Youtube)

 

Das antisemitische Hetzblatt Der Stürmer als Vorläufer

Die Ursprünge des fremden oder zum Fremden stigmatisierten Vergewaltigers liegen aber nicht nur in den Südstaaten der USA, sondern auch vor allem in Deutschland.

Diese rassistische Vorstellung hat eine noch viel ältere antisemitische Vorgeschichte. Bereits im Mittelalter wurden Juden in Europa immer wieder durch antisemitische Legenden als angebliche Vergewaltiger, Kindesentführer oder als Bedrohung für christliche Frauen und Kinder diffamiert.

Das antisemitische Hetzblatt „Der Stürmer“ in der NS-Zeit spezialisierte sich ebenso auf pornografisch-sexualisierte Vergewaltigungserzählungen und machte sie zu einem Hauptbestandteil seiner antisemitischen Hetze.

Jüdische Männer wurden darin mit dämonischen, triebgesteuerten Darstellungen und anonymen Leserbriefen als sexuelle Gefahr und als angebliche Vergewaltiger diffamiert, untermalt von nötigen Porno-Karikaturen. Diese Auflagen wurden sogar als Sondernummern gekennzeichnet, da sie nachweislich den größten Verkaufserfolg als Masturbationsvorlagen hatten.

Genauso wie damals im Stürmer ist es auch heute so, dass die besonders bizarr ausgeschmückten Vergewaltigungsberichte die meisten Klickzahlen bringen. Das rassistische Bild des angeblich fremdkulturellen oder fremdreligiösen und fremdrassigen Mannes, der weiße Frauen verfolge, wurde anscheinend in der Geschichte bis heute immer wieder benutzt, um rassistische Bewegungen als vermeintliche „Schutzmacht der Frauen“ zu inszenieren.

Daher muss man natürlich feststellen, dass gleichrassige Vergewaltigungen weder beim Ku-Klux-Klan noch beim Stürmer oder bei der AfD kaum oder gar nicht thematisiert wurden. Es ging in diesem „Genre“ offensichtlich und ausschließlich um „fremdrassige Vergewaltiger“.

Aktuelle Ausprägungen und Vorfälle im Jahr 2026

Dieses Bild von vergewaltigenden Migranten ist aber auch 2026 brandaktuell und nicht ein Relikt aus den Südstaaten oder der NS-Zeit.

Erst dieses Jahr hat Angela, eine 17-Jährige, einen gleichaltrigen Jungen (Onur) erstochen. Direkt danach behauptete sie, sie hätte sich nur gegen eine „versuchte Vergewaltigung“ gewehrt. Sie wurde von der Staatsanwaltschaft freigelassen, ohne die Indizien zu prüfen. Wahrscheinlich hatte der Staatsanwalt auch das Bild der „ewigen Vergewaltiger-Migranten“ im Kopf.

Der Schock kam bei der Auswertung ihres Handys. Die Ermittler fanden heraus, dass sie vorher im Netz gegoogelt hatte, wie man jemanden gezielt tötet. Die Vergewaltigung war offenbar nur eine schlechte Notlüge, um einen geplanten Mord zu vertuschen. Als die Polizei sie wegen Mordverdachts wieder verhaften wollte, war sie natürlich schon untergetaucht.

Auch der Film, den Elon Musk auf X zur Verfügung stellte, hat das Thema – man ahnt es – „migrantische Vergewaltigung“. Ein Mann macht Jagd auf „Vergewaltiger-Migranten“ und bringt gleich deren Familien auch um … Der Film wirkt wie eine Anleitung zum Rechtsterrorismus.

Die minderjährige Lisa, die minderjährige Messermörderin Angela, die AfD, Elon Musk, der Ku-Klux-Klan und der „Stürmer“-Herausgeber Julius Streicher hatten etwas gemeinsam. Alle wussten: irgendwas mit Vergewaltigung, irgendwas mit Migranten, Schwarzen, Juden und Vergewaltigung. Angebliche Fremdlinge und Vergewaltigung werden als rassistisches Narrativ von der breiten Masse akzeptiert.

Manchmal ist es schwer zu glauben, dass exakt dieses alte, wiedergekäute Propagandamuster, die Verbindung von Rassismus, sexualisierter Angst und Sexualneid-Gefühlen, auch heute noch durch die AfD eine so starke Wirkung entfalten konnte.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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