Gazastreifen
Israel: „Es wird in Gaza keine Araber mehr geben“

Israel: Die Minister Ben-Gvir und Smotrich fordern mit Daniella Weiss die totale Vertreibung und Besiedlung des Gazastreifens.

Teilen

Gaza – In Israel hat ein koordinierter Massenmarsch hochrangiger Regierungsmitglieder und ultranationalistischer Siedlergruppen die völkerrechtlichen und demografischen Pläne der extremen Rechten ungeschminkt offengelegt.

Führende Minister des Kabinets von Premierminister Benjamin Netanjahu nutzten eine Großdemonstration unmittelbar an der Grenze zum Gazastreifen, um unter dem Jubel zehntausender Anhänger die totale Vertreibung der palästinensischen Zivilbevölkerung und die lückenlose jüdische Wiederbesiedlung des Küstenstreifens zu fordern.

Die dargebotene Rhetorik und die offen formulierten Vertreibungspläne markieren eine gefährliche Eskalation, da die beteiligten Spitzenpolitiker schon in der Vergangenheit wiederholt mit radikalen Annexionsforderungen aufgefallen sind, nun jedoch die militärische Präsenz Israels im Gazastreifen als historische Gelegenheit zur dauerhaften territorialen Expansion nutzen wollen.

Siedler-Chefin Daniella Weiss fordert Vertreibung der Bevölkerung

Das politische Epizentrum der Kundgebung bildeten die unzensierten Statements der drei einflussreichsten Köpfe der israelischen Siedlerbewegung. Die 79-jährige Nachala-Anführerin Daniella Weiss löste internationale Erschütterungen aus, als sie auf der Bühne vor der versammelten Menge explizit über die Zukunft der Region sprach.

Auf die Frage, was mit den verbliebenen arabischen Einwohnern im Gazastreifen geschehen solle, erklärte Weiss unter dem tosenden Applaus der Teilnehmer, dass es schlichtweg keine Araber mehr im Gazastreifen geben werde, da diese vollständig verschwinden müssten.

„Was wird aus den Arabern in Gaza? Es wird keine Araber mehr in Gaza geben“, erklärte sie.

Flankiert wurde diese genozidale Rhetorik von Nationalen Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir, der ein Video direkt vom Grenzzaun unter dem Titel „Unser Gaza“ veröffentlichte. Ben-Gvir betonte, dass man mittlerweile siebzig Prozent des Gazastreifens kontrolliere und kündigte an, dass im gesamten Territorium jüdische Außenposten entstehen werden.

Um Platz für jüdische Familien zu schaffen, forderte der Minister die systematische, staatlich geförderte Auswanderung der Palästinenser in andere Länder. Finanzminister Bezalel Smotrich rief die Massen zeitgleich dazu auf, diesen historischen Moment um keinen Preis verstreichen zu lassen, um die Schande des Abzugs von 2005 endgültig auszulöschen.

Ungehorsam an der Grenze

Hinter den Kulissen dieses hochexplosiven Polit-Dramas spielten sich am vergangenen Sonntagabend chaotische und organisatorische Szenen ab, welche die tiefe Spaltung innerhalb des israelischen Sicherheitsapparates offenlegen.

Im Vorfeld des Ereignisses hatte die israelische Armee (IDF) die gesamte Grenzregion zum Gazastreifen offiziell zu einer geschlossenen militärischen Sperrzone erklärt. Das Militär und die Polizeiführung versuchten in letzter Minute, die Route des sogenannten „Marsches der Tausenden“ zu beschränken, da die Geheimdienste konkrete Warnungen vorlagen, dass extremistische Aktivisten den Grenzzaun durchbrechen und eigenmächtig in das palästinensische Territorium eindringen wollten.

Die Teilnehmer, darunter zahlreiche Familien mit Kleinkindern und Teenagern, ließen sich jedoch nicht aufhalten. Sie umgingen die hastig errichteten Straßensperren der Armee über die umliegenden Hügelketten, umzuwanderten die Barrikaden der Militärpolizei und stießen direkt bis an die vordersten Grenzanlagen vor.

Die Logistik hinter dem Marsch war akribisch von der Nachala-Bewegung vorbereitet worden. Dutzende Busse transportierten Familien und radikale Jugendliche direkt aus den illegalen Siedlungen im besetzten Westjordanland und Ost-Jerusalem in die Nähe der Grenzstadt Sderot. Vor Ort verteilten Aktivisten von Ben-Gvirs und Smotrichs Parteien massenhaft politisches Werbematerial, Kampagnenflyer und Aufkleber mit der Aufschrift „Gaza gehört uns für immer“.

Aufruf zum Abriss der Al-Aqsa-Moschee

Einige Teilnehmer trugen zudem Banner mit sich, die offen zum Abriss der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem aufriefen, um dort den mythischen Dritten Tempel zu errichten. Nach Angaben der Veranstalter nahmen mindestens achtundzwanzig Abgeordnete der Knesset sowie hochrangige Mitglieder von Netanjahus ruling Likud-Partei an dem illegalen Grenzmarsch teil.

Internationale Völkerrechtsverletzung als politisches Programm

Unterstützt wurden die Forderungen am Montag durch die israelische Siedlungsministerin Orit Strock, die im öffentlichen Rundfunk KAN erklärte, dass der Gazastreifen nicht nur nach der Tora, sondern auch nach internationalem Recht ein legitimer Teil des Landes Israel sei und dort zwingend Juden leben müssten.

Diese Behauptung steht im diametralen Widerspruch zum geltenden Völkerrecht und sämtlichen Resolutionen der Vereinten Nationen, welche den Gazastreifen, das Westjordanland und Ost-Jerusalem als besetzte palästinensische Gebiete definieren, in denen jeglicher Bau von israelischen Siedlungen illegal und rechtlich null und nichtig ist.

Aktuell leben bereits über siebenhunderttausend israelische Siedler in rund zweihundertfünfzig illegalen Außenposten im Westjordanland.

Palästinensische Analysten und internationale Rechtsexperten warnten nach dem Marsch eindringlich vor den realen Konsequenzen dieser Rhetorik. Das offensive Drängen der Minister ist kein reines politisches Spektakel für rechte Wählerstimmen, sondern ein realer, strategischer Plan.

Da Israel seit Beginn der Militäroffensive im Jahr 2023 weite Teile des Gazastreifens besetzt hält und laut offiziellen Zahlen bereits über dreiundsiebzigtausend Menschen getötet sowie über einhundertdreiundsiebzigtausend verletzt wurden, sehen die Extremisten den jetzigen Moment als perfekte Gelegenheit, um Premierminister Netanjahu zu einer dauerhaften Annexion zu zwingen.

Das Ausbleiben internationaler Sanktionen und strafrechtlicher Konsequenzen für frühere Verbrechen hat in den Augen von Kritikern dazu geführt, dass eine amtierende Regierung völlig ungeniert Pläne zur ethnischen Säuberung auf offener Bühne zelebrieren kann.

 


AUCH INTERESSANT

Ben-Gvir über inhaftierte Palästinenser: „Sie pinkeln sich vor Angst in die Hosen“

Auch interessant

Krafttraining als Vorsorge: Warum Muskelaufbau heute wichtig ist

Viele Menschen verbinden Gesundheitsvorsorge vor allem mit einer ausgewogenen Ernährung, ausreichend Schlaf oder regelmäßigen ärztlichen Untersuchungen. Diese Faktoren sind ohne Zweifel wichtig. Gleichzeitig gerät...

Neues Atom-Bündnis: Was hinter dem Mekka-Pakt steckt

Ein Gastbeitrag von Toghrul Hasanzadeh Am 7. August 2026 unterzeichneten der türkische Präsident Erdoğan, der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman und der pakistanische Premier Shehbaz...

Syrien: Baschar al-Assad zum Tode verurteilt

Damaskus - In einem historisch beispiellosen Prozess hat ein syrisches Gericht in der Hauptstadt Damaskus den gestürzten Präsidenten Baschar al-Assad in Abwesenheit zum Tode...

Mega-Rüstungsdeal: Waffen aus der Türkei an die Ukraine

Washington/Ankara – Es ist das historisch größte Rüstungsgeschäft zwischen der Türkei und der Ukraine seit Beginn des Konflikts: Das US-Außenministerium hat den amerikanischen Kongress...

Wandgemälde auf Trümmern in Gaza: Künstler ehren entlassene US-Burger-King-Mitarbeiterin

Gaza - Die Ruinen des Gazastreifens werden zunehmend zur Leinwand für globalen Dank und Solidarität. Palästinensische Künstler haben dort nun ein großflächiges Porträt einer US-amerikanischen...

Headlines

Mattner: „Auch israelische Siedler können Terroristen sein“

Ein Gastkommentar von Susanne Mattner Ich bin ehrlich gesagt äußerst erstaunt – und zwar positiv –, dass die Frankfurter Rundschau...

Safa: Netanjahu ist nicht das Problem, Israel ist

Beirut - Der libanesische Diplomat und Menschenrechtsaktivist Mohamad Safa hat in einem ausführlichen Kommentar den internationalen Fokus auf Israels...

Syrien: Baschar al-Assad zum Tode verurteilt

Damaskus - In einem historisch beispiellosen Prozess hat ein syrisches Gericht in der Hauptstadt Damaskus den gestürzten Präsidenten Baschar...

Mega-Rüstungsdeal: Waffen aus der Türkei an die Ukraine

Washington/Ankara – Es ist das historisch größte Rüstungsgeschäft zwischen der Türkei und der Ukraine seit Beginn des Konflikts: Das...

Meinung

Wandgemälde auf Trümmern in Gaza: Künstler ehren entlassene US-Burger-King-Mitarbeiterin

Gaza - Die Ruinen des Gazastreifens werden zunehmend zur Leinwand für globalen Dank und Solidarität. Palästinensische Künstler haben dort nun ein großflächiges Porträt einer US-amerikanischen...

Israelischer Familie wird Zutritt zu Zoo auf Koh Samui verweigert

Bangkok - Ein Vorfall an einem beliebten Touristenziel in Thailand hat im Internet eine breite Diskussion über die wachsenden Spannungen zwischen lokalen Unternehmen und...

CHP: Vatandaşlar ile Parti Arasındaki Artan Kopuş

Nabi Yücel Vatandaşlarla partiler arasındaki giderek derinleşen kopuş, Türkiye'nin en köklü partisi CHP üzerinden somut biçimde gözlemlenebilir. Cumhuriyet Halk Partisi, 38. Olağan Kurultay'ın ardından ve...

Araştırma: Dini İnanç, Gençleri Kaygı Bozukluklarından Koruyan Temel Bir Faktör

Almanya - Bochum Ruhr Üniversitesi (RUB) tarafından yürütülen güncel bir araştırma, dini inancın çocukların ve gençlerin ruh sağlığı için kritik bir koruyucu faktör olduğunu...

Araştırma: ChatGPT kullanımı beyin aktivitesini önemli ölçüde azaltıyor

Cambridge – MIT Media Lab tarafından yapılan bir araştırma, ChatGPT ve diğer AI asistanlarının kullanımının beyin aktivitesini büyük ölçüde azalttığına dair ilk kanıtları sunuyor. Araştırma,...