Osnabrück
90. Geburtstag: Bürgermeisterin Westermann ehrt Osnabrücker Urgestein Ramazan Çığır

Eine besondere Ehrung für ein besonderes Leben: Osnabrücks Bürgermeisterin Eva-Maria Westermann (CDU) besuchte als Vertreterin von Oberbürgermeisterin Katharina Pötter (Grüne) Ramazan Çığır an dessen 90. Geburtstag in seiner Wohnung.

Teilen

Von Yasin Baş

Eine besondere Ehrung für ein besonderes Leben: Osnabrücks Bürgermeisterin Eva-Maria Westermann (CDU) besuchte als Vertreterin von Oberbürgermeisterin Katharina Pötter (Grüne) Ramazan Çığır an dessen 90. Geburtstag in seiner Wohnung.

Der 1936 im türkischen Mesudiye (Ordu) an der Schwarzmeerküste geborene Çığır lebt seit 60 Jahren in Deutschland, davon 56 Jahre in Osnabrück. Bei der Zusammenkunft mit seiner Frau Naime, seinem Sohn Mümin, Schwiegertochter Ayşe und Enkel Selim überreichte Westermann Blumen und würdigte seine Lebensleistung.

Was wie ein üblicher Glückwunsch klingt, war weit mehr: Die Begegnung wurde zu einer respektvollen Hommage an ein Leben voller Arbeit, Entbehrung und Integration – und ein lebendiges Zeugnis der deutsch-türkischen Migrationsgeschichte, die 1961 mit dem sogenannten „Anwerbeabkommen“ seinen Lauf nahm.

Von Mesudiye über Köln nach Osnabrück

Mit bewegenden Worten blickte Ramazan Çığır bei dem Treffen auf seinen Werdegang zurück. 1966, genau vor 60 Jahren, kam er aus dem Dorf Erik in der Provinz Ordu über Samsun und Istanbul nach Deutschland.

Seine erste Station war das Ford-Werk in Köln. „Wir kamen mit nichts, nur mit unseren Händen und der Hoffnung auf ein besseres Leben“, erinnerte sich der 90-Jährige. Später zog es ihn nach Werl in der Nähe von Dortmund, ehe er für eine kurze Zeit in die Türkei zurückkehrte.

Über Österreich, wo er zwei Jahre lebte, gelangte er schließlich mit Unterstützung seines damals bereits in Osnabrück ansässigen Verwandten und Bürgermedaillenträgers Yılmaz Akyürek in die Friedensstadt. Nach dem 2007 verstorbenen Akyürek ist übrigens ein Platz in Osnabrück benannt. Er war ein geschätzter Bürger der Stadt, der sich intensiv für die Integration der türkischen Mitbürger sowie für den interkulturellen und interreligiösen Dialog einsetzte.

Die Stadt Osnabrück verleiht jährlich den mit 1.000 Euro dotierten „Yılmaz-Akyürek-Preis für Integration“, um sein Engagement zu würdigen, und richtet zudem alle zwei Jahre das interkulturelle „Akyürek-Fest“ aus, an dem bereits bekannte Persönlichkeiten wie Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) oder der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff (CDU) teilnahmen.

Zurück zu Ramazan Çığır: Seit 1970 lebt die Familie Çığır in Osnabrück. Heute zählt sie bereits vier Generationen. „Es macht mich stolz zu sehen, wie sich hier alles entwickelt hat“, sagte Çığır mit bewegter Stimme. Sein Sohn Mümin übersetzte die Worte des Vaters ins Deutsche.

Mit dem Drahtesel täglich zum Gebet

Trotz seiner 90 Jahre ist Çığır erstaunlich rüstig. Jeden Tag, so erzählte er der Bürgermeisterin, fahre er mit dem Fahrrad die wenigen Kilometer zur Moschee, um zu beten. „Das gibt mir Kraft und Struktur“, erklärte er. „Solange ich das noch kann, bin ich zufrieden.“ Diese Disziplin zeigte sich Westermann sichtlich beeindruckt.

Mehr als ein Geburtstagsgruß: Ein Symbol der Wertschätzung

Die Geschichte von Ramazan Çığır ist exemplarisch für die erste Generation türkischer Gastarbeiter, die in den 1960er Jahren nach Deutschland kamen. Schwerstarbeit, Sprachbarrieren, Heimweh, all das prägte ihren Alltag. Viele von ihnen legten den Grundstein für den Wohlstand, von dem heute viele profitieren.

Dass ausgerechnet die Bürgermeisterin sich die Zeit für einen persönlichen Besuch nahm, wertete der 90-Jährige als starkes Signal der Anerkennung. „Ich habe mich sehr gefreut, dass sie gekommen ist“, sagte Çığır gerührt. „Manchmal fühlt man sich im Alter unbeachtet. Aber heute wurde mir gezeigt: Ich bin nicht vergessen.“

„Einfach nur dankbar“

Westermanns Besuch war keine routinemäßige Pflichtveranstaltung. Sie hörte zu, fragte nach und dankte für den unermüdlichen Einsatz, den Çığır und viele seiner Landsleute über die Jahrzehnte gezeigt hätten.

„Menschen wie Sie haben unsere Stadt mit aufgebaut. Dafür sind wir sehr dankbar“, so die Bürgermeisterin. „Es ist wichtig, dass wir das auch zeigen – nicht nur mit Worten, sondern auch durch Gesten und durch solche Begegnungen.“

Tränen der Rührung, innige Umarmungen und herzliches Lachen wechselten sich bei dem einstündigen Besuch ab. Sichtlich bewegt sagte Ramazan Çığır zum Abschluss: „Ich bin einfach nur dankbar – für mein Leben hier, für meine Familie und für diese Ehre. Mehr kann man sich im Alter nicht wünschen.“

 


Yasin Baş ist Politologe, Historiker, Autor und freier Journalist. Zuletzt erschienen seine Bücher: „Islam in Deutschland – Deutscher Islam?” sowie „nach-richten: Muslime in den Medien”.

 


AUCH INTERESSANT

TÜV: Führerscheinreform darf Sicherheit nicht gefährden

Auch interessant

Slowenien: Präsidentin Musar hisst erneut Palästina-Flagge

Ljubljana – Ein symbolischer Machtkampf erschüttert Slowenien. Kaum hatte der neue Premierminister Janez Jansa sein Amt angetreten, ließ er die Palästina-Flagge vom Hauptregierungsgebäude in...

Israel-Politik: Wagenknecht wirft Deutschland Doppelmoral vor

Berlin – Das Scheitern Deutschlands bei der Wahl für einen nicht-ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat sorgt international für politische Debatten. Erstmals seit Jahrzehnten konnte sich...

USA: Pentagon stuft Israel als höchste Spionage-Bedrohung ein

Washington – Das US-Verteidigungsministerium hat Israel auf die höchste Stufe seiner internen Geheimdienstbedrohungsbewertung hochgestuft — die Kategorie „Kritisch". Das berichtete NBC News am Freitag...

Benjamin Idriz: „Muslime gestalten Deutschland mit“

Ein Gastkommentar von Benjamin Idriz Wenn in den Medien über den Islam oder Muslime berichtet wird – positiv oder negativ –, genügt oft ein Blick...

Getötete Kinder in Gaza: Pressepreis für Recherche

Amsterdam - Die niederländische Zeitung De Volkskrant ist für eine umfangreiche investigative Recherche über die medizinische Lage und Schussverletzungen bei Kindern im Gazastreifen mit...

Headlines

Türkischer Außenminister Hakan Fidan: „Netanjahu wird im Blut seiner Opfer ertrinken“

Kairo -  Der Ton zwischen Ankara und Tel Aviv hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Bei einem offiziellen Staatsbesuch in...

Erdogan warnt : „Israel muss gestoppt werden“

Ankara – Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat in einer Reihe von Beiträgen auf X Israel scharf verurteilt...

Nachwahlen in der Türkei: Özgür Özels Debakel

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Monatelang wurde der Eindruck erweckt, die Türkei stehe unmittelbar vor einem politischen Erdrutsch. Der abgesetzte ehemalige...

Frieden mit der Türkei: Paschinjan gewinnt die Wahlen

Eriwan – Es ist ein Wahlergebnis das weit über Armenien hinausstrahlt. Premierminister Nikol Paschinjan hat die Parlamentswahlen vom 7....

Meinung

Türkischer Außenminister Hakan Fidan: „Netanjahu wird im Blut seiner Opfer ertrinken“

Kairo -  Der Ton zwischen Ankara und Tel Aviv hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Bei einem offiziellen Staatsbesuch in Ägypten hat der türkische Außenminister...

Erdogan warns: “Israel must be stopped”

Ankara – Turkish President Recep Tayyip Erdoğan has sharply condemned Israel and urged the international community to take immediate action. In doing so, he...

CHP: Vatandaşlar ile Parti Arasındaki Artan Kopuş

Nabi Yücel Vatandaşlarla partiler arasındaki giderek derinleşen kopuş, Türkiye'nin en köklü partisi CHP üzerinden somut biçimde gözlemlenebilir. Cumhuriyet Halk Partisi, 38. Olağan Kurultay'ın ardından ve...

Wall Street Journal: Türkiye’nin durdurulması gerekiyor

Konuk Yazar: Özgür Çelik Bradley Martin tarafından kaleme alınan ve 4 Mart 2026 tarihinde Wall Street Journal'da yayımlanan "Türkiye'yi Dizginlemek İçin Acil Bir İhtiyaç" (An...

The Economist: Erdoğan, Müslüman dünyasının en popüler politikacısı

Londra - Neredeyse iki milyar insandan oluşan devasa ve çeşitlilik arz eden bir topluluk olan küresel Müslüman topluluğu Umma/Ümmet içinde, birleştirici bir temsilci arayışı...