Interview
NAFRI: Neues Modelabel gegen Rassismus

Nach dem höchst umstrittenen Polizeieinsatz in der Kölner Silvesternacht sorgte der Begriff „Nafri“ für große Diskussionen zwischen Kritikern und Befürwortern der Polizeiaktion. Nun gründete die Schriftstellerin für Kinder- und Jugendliteratur sowie Erfinderin des Iftarlenders (Schokoladenkalender für den islamischen Fastenmonat Ramadan) Nadia Doukali ihr gleichnamiges Modelabel. NEX24 traf die Frankfurterin mit marokkanischen Wurzeln für ein Gespräch.

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NAFRI – Die Kleidungsmarke, die mit ihren Slogans und Designs ein Zeichen gegen Gewalt und Rassismus setzen möchte.

Nach dem höchst umstrittenen Polizeieinsatz in der Kölner Silvesternacht sorgte der Begriff „Nafri“ für große Diskussionen zwischen Kritikern und Befürwortern der Polizeiaktion. Nun gründete die Schriftstellerin für Kinder- und Jugendliteratur sowie Erfinderin des Iftarlenders (Schokoladenkalender für den islamischen Fastenmonat Ramadan) Nadia Doukali ihr gleichnamiges Modelabel. NEX24 traf die Frankfurterin mit marokkanischen Wurzeln für ein Gespräch.

Stell dich doch mal bitte kurz vor!

Doukali: Oh Gott, das hab ich schon immer gehasst – Vorstellungsrunde! Mein Name ist Nadia. Ich bin 45 Jahre alt, habe drei Kinder und meine Hobbys sind Yoga, Lesen und deutsche Filme und Serien Schauen. (lächelt)

Hast du dich schon bei der Kölner Polizei als Namensgeber deines Modelabels bedankt?

Doukali: Nein, aber wir werden eine tollen Aktion demnächst starten. Ich bin ein Polizei-Fan und dankbar, dass diese Menschen diesen schweren Beruf ausgesucht haben. Denn hier, genauso wie bei anderen Berufsgruppen auch, gibt es die Guten und die Schlechten. Das bringt der Mensch als Individuum nun mal mit sich. Die Berufung des Polizisten sollte wie sein Slogan sein, dein Freund und Helfer und nicht dein Rivale und Angreifer….

Darf man schon etwas über diese Aktion erfahren oder ist das noch topsecret?

Doukali: Ich möchte der Polizei auf meine Art Danke sagen und sie sprechen lassen. Auch gerne anonym (lächelt). Wie die Aktion aufgebaut wird, ist eine Überraschung. Suche dafür aber noch einen Partner. Also wer Lust hat, mit seinem Unternehmen oder als Privatperson dabei zu sein, kann sich gerne bei mir melden.

Wie kamst du dazu, dieses Modelabel zu gründen?

Doukali: An Neujahr bin ich auf die ganzen Nachrichten zu der Aktion in Köln aufmerksam geworden. Ich sprach dann mit einigen Leuten, habe deren Berichte gelesen, die vor Ort waren und das Racial Profiling selbst erlebt haben. Ich war zutiefst erschüttert, dass ein Problem, was wir schon länger haben, nun auch noch von ganz oben und ganz offiziell nicht nur erlaubt, sondern auch durchgeführt wurde. Sogar getwittert. Was für eine Aussage! Wir machen racial profiling und es ist zu eurem Schutz. Wenn ich verletzt bin, dann meldet sich nach der Wut, wie bei jedem Menschen, das Herz und die Vernunft. Ich beschloss sofort den Namen NAFRI ins Positive zu drehen und das geht nur, wenn er mir gehört. Also habe ich mir sofort die Marke gesichert und meinen Anwalt, der sich um meine kreativen Spinnereien kümmert, angerufen. Der Rest ist Geschichte…

Inwiefern appellierst du mit deinem Modelabel „Nafri“ an die Vernunft der Menschen?

Doukali: Na, sich selbst zu fragen wie sie mit gesellschaftlichen Problemen und Sorgen umgeht. Regt man sich im kleinen Kämmerlein auf und schluckt jede Pille, die einem vorgehalten wird, oder schaut man sich die Pille an und fragt nach, warum man diese jetzt bekommt. Gerade wenn es nicht um uns selbst geht, müssen wir genauer hinschauen und fragen, wie würde ich mich fühlen. Rassismus kann jeden treffen, Gewalt kann jeden treffen. Wir sollten so damit umgehen, wie wir wollten, dass man mit uns umgeht – sollte es uns mal treffen.

Warst du schon selbst mal Opfer von Racial Profiling? Fremdenfeindlichkeit?

Doukali: Ich persönlich nicht, keine Ahnung warum. Dafür mein nahes Umfeld, keine Ahnung warum (lächelt). Rassismus ist keine Antwort zu einer Frage, es ist einfach menschenverachtend.

Wofür steht „NAFRI“?

Doukali: Wenn du mich fragst, dann ist NAFRI eine saucoole Abkürzung für Nordafrikaner. Also die Maghreb-Staaten. Ich nehme hier aber alle rein, die sich mit diesem Ausdruck verbunden fühlen.

(Foto: NAFRI)

Was möchtest du mit deiner Arbeit bewirken?

Doukali: Es geht um Aufklärung und Sensibilisierung, es geht auch darum zu zeigen, wie man mit etwas Negativem umgehen kann. Feuer kann kein Feuer löschen – Hass gegen Hass aufgestellt, bringt nicht mehr raus, als neuen größeren Hass. Sollte es dazu kommen, dass wir so viele T-Shirts verkaufen, dass wir ein ordentliches Budget zusammenbekommen, dann werden wir dieses Geld nutzen, um anderen zu helfen.

Was zeichnet dein Label aus?

Doukali: Naja, zu allererst steht eine waschechte NAFRI dahinter. Mein Designer und Geschäftspartner Sebastian Weigelt ist ein Vorbild-Deutscher. Jemand der open minded ist, Dinge mit viel Humor sieht, Kreativität versteht, künstlerisch sich auf neue gewagte Dinge einlässt und mit mir in der Kombination genau das verkörpert, was NAFRI ist – gib Hass keine Chance und gestalte es um in Liebe.

(Foto: Nadia La Bonne)

Wie ist die Resonanz auf deine Produkte?

Doukali: Unfassbar gut. Neben der Aussage zu NAFRI als Begriff zu stehen, werden auch die Designs gut angenommen und gefeiert.

Auch auf Englisch wüsste man wofür NAFRI (North african) steht, kannst du dir vorstellen NAFRI international zu vermarkten? Ein NAFRI-Imperium aufzubauen? Weltweite Mode-Label-Hilfsorganisation?

Doukali: Markenschutz dauert ja ein bisschen und international sichern geht natürlich. Wir haben sehr, sehr viele Hilfsorganisationen und ich bin dafür, dass man diese unterstützt oder auch Einzelfällen hilft, als eine neue Organisation aufzubauen. Das Modelabel wird bestehen bleiben und wir designen weiter – ich finde es super wenn ich weiß, hey, ich kaufe da was und helfe damit auch gleichzeitig.

Wie stark beeinflusst dein kultureller und religiöser Background deine Arbeit?

Doukali: Ich glaube, dass mich am stärksten mein Charakter beeinflusst, meine Neugier und mein Vertrauen in die Menschen.

Wie willst du mit „Nafri“ ein Zeichen gegen Gewalt und Rassismus setzen?

Doukali: Indem wir alle diesen Ausdruck benutzen für Positives.

Man hat den Eindruck, dass Fremdenfeindlichkeit auf dem Vormarsch ist. Kommt uns das nur so vor, weil Rassisten lauter sind und die Mehrheit noch schweigt oder wird es mit Pegida, AfD und Co. wirklich schlimmer?

Doukali: Ich beschäftige mich beruflich mit Worten und Kommunikation. Wir müssen unseren Kindern beibringen, nicht einfach nur nachzusprechen, sondern ihnen zum Beispiel die Freiheit lassen, eigene Worte für ein Gefühl, das sie gerade haben, zu leben. Diese Worte sind meistens sehr schön und sehr weich. Im Urvertrauen der Liebe eingebettet, wenn du willst. Wenn wir erwachsen sind und uns nicht mehr so oft mit schönen Worten beschäftigen, unser Miteinander ein Schweigen ist, dann verkümmert unser Gefühl und dieses Einbetten von Liebe in Worten.

Das kann man wunderbar auf Social Media sehen, wenn man Postings liest oder diese selbst verfasst. Es fehlt Stimme, es fehlt ein Gefühl und vor allem, und das ist das Wichtigste, was wir von Tag zu Tag verlieren, die Persönlichkeit; jemandem beim Sprechen in die Augen zu sehen und ihn wahrzunehmen. Rassismus entsteht und ist leider so stark präsent, weil wir uns nicht mehr wahrnehmen, uns nur noch empören, uns persönlich angegriffen fühlen, draufhauen ohne des anderen Schmerz zu hören, geschweige denn nachvollziehen zu können. Wir sehen nur noch uns selbst.

Sitzen ja auch alleine am Rechner…
Wir beschützen unsere Familie, unsere Kollegen, unsere Gesellschaft nicht mehr. Und jetzt kommen wir zu PEGIDA, AfD und Co. Dass es diese Gruppen gibt, dass deren Worte voller Hass und Lüge befolgt werden, hat genau damit zu tun. Wir beschützen nicht mehr, wir wissen nicht mehr, was Schutz ist und wir gehen auch nicht mehr auf die Suche. Ich bin mir sicher, dass jeder AfD-Wähler bei einem Gespräch oder einer Diskussion irgendwann anfangen würde, seinen Weg zu hinterfragen. Leider kommt man nicht so weit, denn diese Gruppe lässt keine Gespräche zu.

Einem Lügner ist nichts unangenehmer, als wenn er beim Lügen erwischt wird und die Wahrheit ihn schrumpfen lässt. Diese Parteien sind gegen unsere Demokratie und arbeiten gegen unsere Grundgesetze. Liest man sich das Parteiprogramm der AFD zum Beispiel durch, fragt man sich leider zu wenig, warum diese Parteien überhaupt noch eine Daseinsberechtigung haben. Warum gerade die, die diese Partei mit ihrem Programm fertig machen wollen, diese auch noch mit „Ja aber…“ unterstützen. Ihnen eine Plattform zu geben, bedeutet ein Schuldeingeständnis und Versagen. Es ist ein Vertrauensbruch gegenüber seinen Bürgern, die in Frieden und Offenheit leben wollen. Wir könnten ein zweites Kanada werden, das wäre doch was! Also mehr Miteinander reden anstatt übereinander.

Ganz schlimm finde ich, dass ich leider noch ganz vielen Menschen erklären muss, warum das nicht in Ordnung war, was in Köln passiert ist. Ich stelle Fragen, auf die ich dann keine Antwort bekomme, wie zum Beispiel: Was ist bitte ein nordafrikanischer Intensivtäter?

Warum gibt es diese Intensivtäter nur in Nordafrika? Was ist mit italienischen, spanischen, norddeutschen, süddeutschen, amerikanischen Intensivtätern? Werden die jetzt auch geprüft und verhaftet? Glaubt ihr, dass jemand, der auf Bewährung ist und bereits zigmal kriminell bei der Polizei gemeldet ist, tatsächlich dahin geht, wo man ihn wieder einbuchtet?
Ich erkenne noch nicht einmal immer Nordafrikaner, sind Polizisten und der Staat jetzt Hellseher geworden? Was ist mit Persern, Türken, schwarzgelockten von Natur aus mit einem warmen Hautton gesegneten Michael Müller?

Wer glaubt denn wirklich da draußen, dass wir hier Kriminelle verteidigen und wer maßt sich an, zu entscheiden, ob man in einer Gruppe feiert oder nicht? Sollen sich jetzt alle jungen Single-Männer bei jedem Treffen die passende Anzahl an Frauen dazu holen? Wir Menschen haben ein Rassismus-Problem und dieses weltoffene Land Deutschland darf das nicht zulassen. Dafür kämpfe ich als Frau, als Mutter, als Deutsche und als Nordafrikanerin mit marokkanischen Eltern und drei wunderbaren Söhnen.

Das Interview führte Çağlar S. Efe

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