"Demokratische Öffnung"
Türkei: Tscherkessischer Verein in Samsun sucht nach Unterstützern für Kulturpark

Bei Samsun soll dieses Jahr ein tscherkessischer Kultur- und Gedächtnispark entstehen. Eine Parkanlage, ein Café und ein Ethnographiemuseum sollen der tscherkessischen Minderheit als Treffpunkt und Veranstaltungsort dienen und die Tscherkessen einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen. Die Politik der “Demokratische Öffnung” (Demokratik Açılım) erleichtere die Verwirklichung solcher Projekte", so der Projektkoordinator von „Adige Parkı ve Etnoğrafya Müzesi Çemişo Abdulkadir Özyılmaz in einem Gespräch mit NEX24.

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Samsun: Tscherkessische Kultur wird gefördert

Samsun (nex) – An der türkischen Schwarzmeerküste soll bei Samsun dieses Jahr noch etwas ganz Besonderes entstehen: Ein tscherkessischer Kultur- und Gedächtnispark.

Das Projekt „Adige Parkı ve Etnoğrafya Müzesi” sieht ein zweistöckiges Gebäude sowie eine Gartenanlage vor. Im Obergeschoß des Gebäudes wird ein Ethnographisches Museum Platz finden, für das Erdgeschoß ist Café bzw. eine Küche, die tscherkessische Gerichte anbieten wird, vorgesehen. Der Park wird neben Bäumen, Pavillons, Skulpturen und anderen Artefakten auch eine Veranstaltungsfläche für u.a. traditionelle Tanzveranstaltungen sowie einen Kinderspielplatz bieten.

Momentan fehlen noch ca. 15 000 Dollar zur Beendigung des Baus (Fertigbauweise). Der Verein „Adige Kültür Derneği‘ (“Adygischer Kulturverein“) als Träger des Projektes sucht deswegen aktuell dringend nach Spendern. Das Projekt muß rechtzeitig fertiggestellt werden, da mit der Stadtverwaltung ein entsprechender Vertrag geschlossen wurde. Spenden sind bislang nur über eine türkische Bankverbindung (Türkiye İş Bankası, Samsun Çiftlik Şubesi, Hesap no: 7302 0759948) möglich, an anderen Möglichkeiten wird gearbeitet.

Die Parkanlage, das Café und das Ethnographiemuseum sollen der tscherkessischen Minderheit selbst als Treffpunkt und Veranstaltungsort dienen, aber auch die Tscherkessen (bzw. im engeren Sinne „Adygen“ genannt ) einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen und damit insgesamt die tscherkessische Kultur bewahren helfen.

Die Einrichtung wird für ein allgemeines Publikum zugänglich sein. Der Adygische Kulturverein, der im Jahr 2008 gegründete wurde, hat bereits ethnographische Objekte und tscherkessische Kunst für das zukünftige Museum zusammengetragen. Diese wurden bisher in temporären Ausstellungen gezeigt.

Die jüngste, nunmehr 5. Ausstellung, wird dieses Frühjahr in mehreren türkischen Städten (Çorum: 4.-8. März, Ankara: 11.-15. März, Balıkesir: 18.- 22. März, Bursa: 25.- 29. März, Yalova: 1.-5. April, Düzce : 8.-12. April, Istanbul: 15.-19. April) gezeigt, daraufhin soll sie nach Deutschland kommen und im Mai 2017 in Stuttgart zu sehen sein. Einen kleinen Eindruck von den Ausstellungsobjekten bietet die Facebook-Seite des Vereins oder eine TRT-Reportage.

Das Vorhaben ist auch insofern neuartig, als die tscherkessischen Minderheit hier in Kooperration mit der Stadtverwaltung vorgeht bzw. von dieser unterstützt wird. Die Gemeinde Atakum (der Stadt Samsun angegliedert) hatte dem Adygischen Kulturverein das Grundstück kostenlos für dieses Projekt zur Verfügung gestellt.

İshak Taşçı, AKP- Bürgermeister von Atakum, und die Vereinsvorsitzende Meral Batur unterzeichneten bereits im vergangenen Jahr eine entsprechende Übereinkunft. Im Rahmen des übergeordneten Yörekent-Projektes soll auch anderen ethnischen bzw. landsmannschafltlichen Verbänden aus der östlichen Schwarzmeerregion der Türkei ermöglicht werden, sich zu präsentieren und die eigene Kultur zu bewahren.

Tscherkessische Vereine und Einrichtungen waren unter Atatürk im Jahr 1923 geschlossen worden. Unter den Kemalisten blieb das Betonen ethnischer Identitäten verpönt. Auch das Sprechen von Minderheitensprachen in der Öffentlichkeit wurde unterbunden bzw. behindert. Kulturelle Zusammeschlüsse von Minderheiten führten über Jahrzehnte hinweg ein Schattendasein.

Deutlich verbessert hat sich die Situation für die Tscherkessen zum einen durch den Wegfall des Eisernen Vorhangs, wodurch für die tscherkessische Diaspora erneut erneut Kontakte in ihre alte nordkaukasische Heimat möglich wurden, zum anderen aber auch aufgrund von politischen Veränderungen in der Türkei selbst: Mit dem Regierungsantritt der AKP wurde eine neue, weitaus liberalere Minderheitenpolitik eingeleitet.

Mittlerweile sendet etwa die Türkische Rundfunk- und Fernsehanstalt TRT ein Programm auf u.a. Kurdisch, Tscherkessisch, Armenisch, Bosnisch und Arabisch, an einigen türkischen staatlichen Universitäten konnten Minderheitensprachen als neue Studienzweige oder zumindest Wahlfach eingerichtet werden.

Çemişo Abdulkadir Özyılmaz, der Projektkoordinator von „Adige Parkı ve Etnoğrafya Müzesi”, erklärt in einem Gespräch mit NEX24 ebenfalls, daß die Politik der „Demokratischen Öffnung“ (Demokratik Açılım) eine spürbare Wirkung entfalte und mit ihr die Umsetzung von Projekten wie dem Tscherkessischen Kultur- und Gedächtnispark erleichtert werde.

Auch könnten nun die ethnischen Namen – gemeint sind Clan- und Familiennamen – wieder problemloser verwendet werden (das Nachnamengesetz von 1934 hatte ausschließlich türkische Familiennamen erlaubt). Die ethnographische Ausstellung des Vereins sei nun erstmals auch vom türkischen Kultur- und Tourismusministerium gefördert worden.

Samsun ist deswegen ein wichtiges Zentrum für die tscherkessische Diaspora, weil die Hafenstadt im 19. Jahrhundert eine der ersten Anlaufstellen für die aus dem Kaukasus flüchtenden Tscherkessen gewesen war. Vor den russischen Eroberungsfeldzügen flohen die westkaukasischen Tscherkessen teils „privat“ über das Schwarze Meer, teilweise wurden sie im Zuge einer systematischen zarischen Säuberungs- und Vernichtungspolitik unter katastrophalen Bedingungen und mit hohen Todesraten regelrecht zusammengetrieben und verschifft. Die osmanischen Behörden versuchten, die tscherkessischen Flüchtlinge auf unterschiedliche Provinzen zu verteilten, viele ließen sich jedoch auch direkt in der Gegend von Samsun nieder. Die tscherkessische Bevölkerungsdichte ist dort auch heute noch sehr hoch.

Eines wollte Çemişo Abdulkadir Özyılmaz den europäischen Lesern noch mit auf den Weg geben: Die Europäische Union solle sich auch weiterhin für den Erhalt des kulturellen Erbes und den Schutz der kleineren Völker einsetzen. Von der Abkühlung der EU-Türkei-Beziehungen seien nun auch Minderheiten betroffen. EU-Fonds, für die sich beispielsweise Kulturvereie hätten bewerben können, ständen nun doch nicht zur Verfügung. Er glaube, daß die politischen Beziehungen keine derartigen Auswirkungen auf die kulturellen Beziehungen haben dürften.

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