London – Sie sehen uns, schätzen uns ein und fliegen weg: Eine wissenschaftliche Untersuchung, die im Fachjournal People and Nature von der British Ecological Society veröffentlicht wurde, enthüllt ein faszinierendes Geheimnis der Tierwelt. Stadtvögel können das Geschlecht von Menschen offenbar blitzschnell unterscheiden – und reagieren bei Frauen deutlich schreckhafter.
Es klingt wie eine skurrile Alltagsbeobachtung, ist aber das Ergebnis einer fundierten wissenschaftlichen Arbeit eines internationalen Teams von Ökologen. Für die Studie maßen die Wissenschaftler die sogenannte „Fluchtdistanz“ (Flight Initiation Distance) von Vögeln in sieben europäischen Großstädten, verteilt auf fünf Länder (Deutschland, Frankreich, Polen, Spanien und Tschechien).
Insgesamt dokumentierten die Forscher bei 2.701 separaten Gelegenheiten die Interaktionen mit 37 verschiedenen Vogelarten – vom sehr scheuen Grünspecht bis hin zu an Menschen gewöhnte Stadttauben. Das verblüffende Resultat war in allen Ländern und bei allen Arten absolut identisch: Männer durften sich den Vögeln im Schnitt bis auf 7,5 Meter nähern, bevor diese wegerissen. Frauen kamen im Schnitt nur auf 8,5 Meter heran – ein voller Meter (drei Fuß) Unterschied.
Große Unterschiede zwischen den Vogelarten
Während das Verhalten bei allen Arten prinzipiell gleich war, zeigten sich je nach Spezies deutliche Unterschiede in der generellen Nervosität:
- Stadttauben (Pigeons): Zeigten die geringste Scheu und ließen Menschen bis auf durchschnittlich 3,5 Meter an sich heran.
- Schwanzmeisen (Long-tailed tits): Die winzigen Vögel flohen im Schnitt bei 3,6 Metern.
- Elstern (Magpies): Gehören zu den deutlich nervöseren Arten und ergriffen bereits bei durchschnittlich 13 Metern die Flucht.
- Grünspechte (Green woodpeckers): Waren in der Untersuchung am scheuesten und flüchteten bereits bei einer Distanz von 16,2 Metern.
Forscher stehen vor einem Rätsel: Keine optischen Faktoren
Das Phänomen verblüfft die Wissenschaftler vor allem deshalb, weil sie während der Experimente extreme Kontrollmechanismen eingebaut hatten. Um die Reaktionen zu testen, wurden Paare (je ein Mann und eine Frau) gebildet, die vorab exakt nach ähnlicher Körpergröße und ähnlichem Gewicht gematcht worden waren.
Sie trugen identisch gefärbte Kleidung, liefen im exakt gleichen Tempo in einer geraden Linie auf die Vögel in Parks und Grünflächen zu und blickten diese dabei direkt an. Wenn nur ein Mitglied des Paares lange Haare hatte, wurden diese unter der Kleidung versteckt. Weder die Körpergröße der Frauen noch die Länge ihrer Haare änderten etwas an den Ergebnissen. Die Vögel erkannten den Unterschied trotzdem sofort.
Was sind die Ursachen? Die Hypothesen der Forscher
Da optische Faktoren wie Kleidung oder Haare ausgeschlossen werden konnten, haben die Forscher einige vorläufige, bisher unbestätigte Hypothesen aufgestellt:
Körperbau und Gang: Frauen haben eine biologisch leicht andere Beckenstruktur als Männer. Dies führt zu feinen Unterschieden im Gang und in den Bewegungsmustern, die von den Vögeln wahrgenommen werden könnten.
Gerüche und Hormone: Möglich wäre eine Reaktion der Tiere auf Pheromone oder auf Inhaltsstoffe in Kosmetika und Sonnencremes. Da Vögel im UV-Bereich sehen können, fallen ihnen reflektierende Partikel in Cremes eventuell sofort auf – eine Theorie, die laut den Forschern einen formellen Test wert wäre.
Evolution: Eine historische Theorie besagt, dass in der frühen Menschheitsgeschichte Männer primär als Jäger und Frauen als Sammlerinnen aktiv waren. Eigentlich hatten die Forscher daher erwartet, dass Männer als größere Bedrohung eingestuft werden. Da Frauen jedoch eher für das Jagen von kleinerer Beute (wie eben Vögeln) zuständig gewesen sein könnten, haben die Tiere Frauen womöglich evolutionär bedingt als direktere Gefahr abgespeichert.
Ein ernsthaftes Problem für die Wissenschaft
Was nach einem amüsanten Fakt für den Kaffeetisch klingt, wirft in der Wissenschaft nun ein ernsthaftes Problem bezüglich unbewusster Verzerrungen (Bias) auf. Viele frühere Verhaltensstudien an Tieren gingen implizit davon aus, dass der menschliche Beobachter „neutral“ ist.
Diese Studie beweist nun das Gegenteil: Das Geschlecht des Forschers kann Testergebnisse unbewusst massiv beeinflussen. Die Wissenschaftler betonen jedoch, dass es sich hierbei noch um vorläufige Ergebnisse handelt und weitere Forschung nötig ist, um die Konsistenz des Musters zu bestätigen.
Vögel sind zudem nicht die einzigen Tiere, die auf das menschliche Geschlecht reagieren. Bereits im Jahr 2014 wies ein Team nach, dass Laborratten und -mäuse deutlich mehr Stresssymptome zeigten, wenn sie von Männern statt von Frauen angefasst wurden. Auch bei Affen (2013) und Hunden (2023) wurden bereits geschlechtsspezifische Vorlieben dokumentiert. Bei Vögeln wurde dieses Phänomen nun jedoch zum allerersten Mal nachgewiesen.
Das sagen die beteiligten Wissenschaftler
Prof. Daniel Blumstein (University of California, Los Angeles):
„Ich glaube unseren Ergebnissen voll und ganz, dass Stadtvögel je nach Geschlecht der Person, die sich ihnen nähert, anders reagieren, aber ich kann sie im Moment einfach nicht erklären. Wir haben modernste Techniken der vergleichenden Analyse genutzt, die gezeigt haben, dass unsere Ergebnisse über verschiedene Städte und Arten hinweg konsistent sind – aber wir haben schlicht noch keine schlüssige Erklärung. In science, a good question will often lead to results that raise even more questions. Unterm Strich ist dies eine offene Nische für weitere Studien.“
Dr. Yanina Benedetti (Tschechische Universität für Lebenswissenschaften Prag):
„Als Frau in diesem Forschungsfeld war ich überrascht, dass Vögel so unterschiedlich auf uns reagieren. Diese Studie highlights, wie Tiere in Städten uns Menschen ‚sehen‘, was Auswirkungen auf die Stadtökologie und die Gleichberechtigung in der Wissenschaft hat. Viele Verhaltensstudien gehen davon aus, dass ein menschlicher Beobachter neutral ist – aber das war bei den Stadtvögeln in unserer Studie nicht der Fall. Stadtvögel reagieren eindeutig auf feine Hinweise, die Menschen nicht so leicht bemerken.“
Dr. Federico Morelli (Universität Turin):
„Das ist vielleicht der interessanteste Teil unserer Studie: Wir haben ein Phänomen identifiziert, aber wir wissen wirklich nicht, warum. Was unsere Ergebnisse jedoch unterstreichen, ist die hochentwickelte Fähigkeit der Vögel, ihre Umwelt einzuschätzen.“
Das Forschungsteam hofft nun, durch die Nutzung einer Datenbank aus Hunderten anderen Studien, die Berechnungen zu den Fluchtdistanzen von über 150.000 Vögeln enthält, bald mehr Details über dieses Rätsel zu erfahren.
City birds are more afraid of women than men, according to a paper studying 37 bird species including Pigeons, Magpies, and Great Tits
Research found birds will let men get 1 meter closer than women before flying away pic.twitter.com/qColnkHwpX
— Interesting AF (@interesting_aIl) May 16, 2026

