Gastkommentar
„Qantara“ – und das Schmusemärchen vom Zionismus

Gastkommentar von Michael Thomas: Warum der vorgeblich „liberale und humanistische Zionismus“ ein unauflösbarer Widerspruch in sich selbst ist.

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Ein Gastkommentar von Michael Thomas

Da meldet sich jetzt bei Qantara die israelische, selbstbekennende Zionistin und Historikerin Fania Oz-Salzberger zu Wort und unterbreitet uns eine Gute-Nacht-Geschichte. Ihr Spezialfach ist die Wissenschaft von der Idee.

Was man darunter verstehen muss ist das, was sie in diesem Artikel tut: Sie erläutert uns ihre Idee vom Zionismus.

Oz-Salzberger ist damit durchaus in ihrem Fach. Jede Epoche brachte in ihren jeweiligen Kulturkreisen eine Idee, eine Philosphie, eine Selbstidentifikation für sich zur Welt. Und da es ein Israel für Juden, wie es 1948 gegründet wurde, immerhin schier unendliche 2000 Jahre zuvor einmal gab, musste eine neue Idee für die Moderne her.

Aber manche Ideen sind eben krank.

So, wie die „germanische“ des Dritten Reiches bereits vom Grundsatz her falsch und daher krank war, so war auch der Zionismus vom ersten Moment an krank. Denn seine Idee kam niemals ohne Gewalt gegen Palästinenser aus. Schon Herzl schrieb, da gab es noch kein Israel, dass man die Palästinenser still und des nachts fortschleppen müsse, weil es sonst internationales Geschrei geben würde.

Da sich Oz-Salzberger selbst dazu bekennt, Zionistin zu sein, taucht natürlich auch bei ihr keine grundsätzliche und kritische Auseinandersetzung über den Zionismus auf; im Gegenteil verklärt sie ihn zum „Licht für die Welt‘.

Obschon sie tatsächlich das geisteskranke Wüten israelischer „Siedler“ im Westjordanland benennt und auch als Terrorismus bezeichnet, enthält ihr Text kein einziges Wort, ja keine einzige Silbe zu den Schrecken der Vertreibung, mit der dies Israel seinen Auftakt nahm.

Und nehmen musste, weil die Vision des Zionismus nunmal nur das Modell der totalen Herrschaft, nicht aber eines Miteinander kennt. Für sie scheint die Aussage hinter dem eisigen Schweigen seitens des offiziellen Israels dazu in Stein gehauen.

Es wird einfach so getan, als habe es all diese entsetzliche Gewalt nie gegeben. Obschon sich der Zionismus darüber im Land entfaltet hatte und bis heute mit gleichen Denkmustern arbeitet, tut auch Oz-Salzberger so, als wenn die Kämpfe von geradezu bösartigen Palästinensern einseitig begonnen worden wären.

„Dutzende Zivilisten in Israel wurden durch Raketen des Iran und der Hisbollah getötet, das Gefühl der Sicherheit ist erschüttert.“

Für Oz-Salzberger gibt es, wie für jeden Zionisten, keine Vorgeschichte. Für sie begann alles mit dem Überfall der Hamas auf Israel an diesem 7. Oktober. Das kann bedeuten, dass für sie, was sehr seltsam wäre, da sie Historikerin ist, alles vorherige nicht nennenswert wäre.

Kein besonderes Vorkommnis. Gewissermaßen „normales Geschäft“. Dabei kennt die Geschichte diverse Massaker, die Israel verübt hat, sie kennt den immensen Landraub, sie kennt Tausende von Folterungen und willkürliche Erschießung.

Dies achselzuckend hinzunehmen, nicht als Grund für diesen Angriff anzuerkennen verrät eine extremistische Einstellung. Auch wenn sie sich selbst eine „liberale, humanistische Zionistin“ nennt, hat sie offenbar die gleichen, selektiven Wahrnehmungsmuster im Kopf wie alle anderen Zionisten auch.

‚Meine Güte.“ scheint sie zu denken, „Wer will sich schon groß über ein paar Tausend tote Palästinenser aufregen? Wir brauchen doch ihr Land.“

Das wirkt, als wolle sie sagen, dass das Aufstellen von Fallen gegen Ratten und das Totschlagen lästiger Fliegen schließlich nichts Bemerkenswertes sei. Da scheint es nur allzu konsequent, dass sie aus diese blinden Flecken einen verstörenden Schluss zieht:

„Ja, Yahya Sinwar und Hassan Nasrallah waren Schurken, die sich ein Attentat auf ihr Leben redlich verdient hatten.“

Als ich das las, war ich bestürzt.

Einen solchen Satz kann man definitiv nicht ohne die vollständige Verblendung eines geradezu kranken Geistes schreiben. Es wäre sicherlich völlig nutzlos, ihr erklären zu wollen, dass man mit ihrer eigenen Idee die gesamte, israelische Regierung sofort würde vollständig hinrichten müssen. Und noch lebende Mitglieder vorangegangener Regierungen gleich mit.

Wenn Sinwar und Nasrallah „Schurken“ waren und den Tod verdient hatten, was ist dann eine Regierung, die Hunderten von Kindern gezielt in den Kopf schießen und Gefangenen Stöcke in den Anus treiben lässt? Um nur willkürlich zwei Beispiele israelischer Scheußlichkeiten zu nennen, deren Liste und Zahl unerträglich lang ist?

Der übrige Text ihres Artikels ergeht sich über den Extremismus der aktuellen, faschistischen Regierung, die das Ende einer Demokratie und die Beseitigung der letzten, politischen Vielfalt herbeiführt und somit auch die Gruppe bedroht, zu der sie sich selbst zählt: vorgeblich „humanistische“ und liberale Zionisten.

Sie erklärt uns recht gut mit ihrem Artikel, dass auch diese Gruppe weder mit Geschichtsklitterung, noch mit dem Landraub Israels ein größeres Problem hätte, solange es keine hässlichen Bilder davon gibt.

Man muss nicht nur lesen, was sie schreibt, sondern vor allem auch, was sie nicht schreibt. Auch für Oz-Salzberger gibt es offenbar gar kein Problem mit dem Landraub und der Vertreibung. Sie akzeptiert die entsprechende Vergangenheit achselzuckend und scheint zu empfinden, dass dies halt der natürliche Weg zur Machtentfaltung Israels wäre.

So sagt sie:

„Die Frage lautet daher nicht, ob Israel in Zukunft stärker oder schwächer sein wird oder ob sich die Länder des Nahen Ostens selbst stabilisieren können, während sie Israel in Schach halten. Die Frage ist, ob Israel es schafft, das Land zu bleiben, das wir von früher kennen.“

Ob Israel das Land sein kann, das man von früher kennt, fragt sie sich, die „humanistische“ und liberale Zionistin. Das Land meint sie, das jahrzehntelang ganz nach Belieben stahl, folterte, zerstörte und tötete.

Das ist es, was sie sagt.

Es mag ja hart klingen, aber sich selbst als „humanistischen“ und „liberalen Zionisten“ zu bezeichnen wirkt auf mich verstörend, weil nachhaltig unglaubhaft. Es ist tatsächlich ein Widerspruch in sich selbst.

Wir sollten ihren Artikel sehr aufmerksam lesen, da wir an ihm lernen können, wie der politische und engagierte Zionismus funktioniert und am Ende des Tages doch die gleiche Idee verfolgt, wie der extremistische Zionismus.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor 

Michael Thomas ist Privatier, Fotograf, leidenschaftlich an Ägyptologie und Literatur interessiert, mit der er vor vielen Jahren als Autor regional einige Beachtung fand. Er verfolgt interessiert das Weltgeschehen durch Beobachtung internationaler Presse. Seinen Fokus legt er insbesondere auf die Palästinafrage und auf die islamische Welt.

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