Gaza-Krieg
Gaza-Kinder: „Wir könnten jeden Moment sterben“

In den vergangenen 1.000 Tagen haben Kinder im Gazastreifen Freunde und Familienmitglieder, ihre Häuser und Schulen sowie ihr Gefühl von Sicherheit verloren.

Teilen

Gaza – In den vergangenen 1.000 Tagen haben Kinder im Gazastreifen Freunde und Familienmitglieder, ihre Häuser und Schulen sowie ihr Gefühl von Sicherheit verloren. Trotz der angekündigten Waffenruhe ist der Krieg lange nicht vorbei. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Gewalt und der katastrophalen humanitären Lage in dem besetzten Gebiet fordern Kinder ihre Rechte ein und berichten von ihren Hoffnungen.

„Wir könnten jeden Moment sterben“, sagt die 14-jährige Amani*. „Ich hoffe, dass der Krieg aufhört, damit ich meine Schulbildung in Gaza fortsetzen kann. Ich möchte in Liebe und Frieden leben.“ Amani ist damit nicht allein – nach Angaben der Vereinten Nationen haben 96 Prozent der Kinder im Gazastreifen das Gefühl, ihr Tod könne jederzeit bevorstehen.

Die Bilanz der vergangenen 1.000 Tage ist verheerend: Laut den Vereinten Nationen wurden mindestens 21.000 Kinder von den israelischen Streitkräften getötet. Die tatsächliche Zahl dürfte weitaus höher sein. Allein seit der Verkündung der Waffenruhe im Oktober wurden weitere 275 Kinder getötet.

Ein kürzlich veröffentlichter Bericht einer UN-Untersuchungskommission wirft israelischen Sicherheitskräften vor, palästinensische Kinder im Gazastreifen gezielt angegriffen zu haben, was zu Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen geführt habe.

Neben der Gewalt geht auch die Vertreibung weiter: Rund 800.000 Kinder – etwa vier von fünf – mussten mindestens einmal ihr Zuhause verlassen. Die sogenannte „Gelbe Linie“, die den Gazastreifen seit der Waffenruhe teilt, verschärft das Problem und drängt die Bewohner*innen auf weniger als 40 Prozent des Gebiets zurück. Über 7.000 Kinder wurden auf der Flucht oder bei Angriffen von ihren Familien getrennt. Schätzungsweise 370.000 Häuser wurden beschädigt, was fast 77 Prozent aller Wohneinheiten des Küstenstreifens entspricht.

Gleichzeitig verschärft sich die Hungerkrise. Rund 245.000 Kinder sind von Mangelernährung bedroht oder bereits betroffen. Während die Not wächst, kommt weiterhin viel zu wenig humanitäre Hilfe bei den Familien an. Lebensmittel sind knapp oder für die meisten Familien unbezahlbar.

Der Krieg hat Kindern im Gazastreifen auch ihr Recht auf Bildung genommen. Alle 625.000 Schulkinder können seit drei Jahren nicht mehr regulär zur Schule gehen. Doch ihre Träume geben sie nicht auf:

„Das Wichtigste ist, dass wir Kinder gehört werden, damit die Menschen wissen, was wir durchmachen“, sagt die 16-jährige Reem*. Sie möchte Ärztin werden. „Ich habe viele, viele Träume. Schon vor dem Krieg habe ich immer davon geträumt, zu reisen und im Ausland zu studieren. Daran hat sich nichts geändert. Ich halte immer noch an diesem Traum fest.“

Florian Westphal, Geschäftsführer von Save the Children Deutschland, sagt: „1.000 Tage Krieg haben Kindern ihre Sicherheit, ihre Bildung und oft auch ihre Familien genommen. Was ihnen niemand nehmen konnte, ist ihre Hoffnung. Dass Kinder im Gazastreifen heute von Frieden träumen müssen, statt ihre Zukunft zu planen, ist auch Zeichen eines politischen Versagens der internationalen Gemeinschaft. Kinder brauchen keinen weiteren Tag voller Gewalt. Sie brauchen einen endgültigen Waffenstillstand, Schutz und eine Chance auf ein Leben in Würde.“

Save the Children fordert Regierungen weltweit auf, Waffenlieferungen an Israel unverzüglich auszusetzen. Es darf keine Unterstützung für völkerrechtswidriges Vorgehen gegen die palästinensische Bevölkerung geben. Verantwortliche für Verbrechen an Kindern müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Der Zugang zu humanitärer Hilfe für die Menschen im Gazastreifen muss uneingeschränkt gewährleistet werden.

„Ich wünsche mir, dass der Krieg aufhört, dass jeder von uns nach Hause zurückkehren kann und dass unser Leben wieder so wird, wie es früher war“, sagt die 14-jährige Bissan*.

Save the Children ist seit 1953 in den besetzten Palästinensischen Gebieten tätig. Gemeinsam mit lokalen Partnern hat die Kinderrechtsorganisation im Jahr 2025 fast 890.000 Menschen dort unterstützt, darunter fast 430.000 Kinder.

*Namen zum Schutz geändert


AUCH INTERESSANT

Getötete Kinder in Gaza: Pressepreis für Recherche

Auch interessant

Türkei entdeckt die Wirtschaftsmoral des Mittelalters neu

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Gewinn machen, aber nicht um jeden Preis: Die Türkei greift derzeit auf eine jahrhundertealte Tradition zurück, die genau solche Regeln...

Die Grundlagen der Menschenrechte und der Menschenwürde

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır Menschenrechte erscheinen heute häufig als selbstverständliche Grundlage einer modernen Gesellschaft. Jeder Mensch besitzt Würde, unabhängig von Herkunft, Religion, Sprache, gesellschaftlichem...

Paukenschlag in der Türkei: Erdoğan-Herausforderer Yavaş verlässt die CHP

Ankara – Paukenschlag in der türkischen Politik: Ankara-Oberbürgermeister Mansur Yavaş hat am heutigen Mittwoch seinen Austritt aus der Republikanischen Volkspartei (CHP) erklärt. Yavaş will...

After Election Victory in Berlin: Central Council of Jews Warns Against a Left-Wing Government

Berlin - Following the historic outcome of the Berlin state election on September 20, in which Die Linke emerged as the largest political force,...

Fauda und die Macht der Narrative: Mattner über die Frage der Deutungshoheit

Ein Gastkommentar von Susanne Mattner Nachdem ich jetzt eine ganze Reihe von Einschätzungen zu Fauda gelesen habe, die mir überwiegend ziemlich emotional und auch ziemlich...

Headlines

Erdoğans UN-Rede: Kritik am Sicherheitsrat trifft den Nerv der Zeit

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel US-Präsident Donald Trump drohte vor der UN mit der Vernichtung Irans. Das ist die Art...

Paukenschlag in der Türkei: Erdoğan-Herausforderer Yavaş verlässt die CHP

Ankara – Paukenschlag in der türkischen Politik: Ankara-Oberbürgermeister Mansur Yavaş hat am heutigen Mittwoch seinen Austritt aus der Republikanischen...

Elif Eralp und der Palästina-Bumerang: Berlins neuer Machtfaktor

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Berlin hat gewählt, und diesmal hat die Hauptstadt dem politischen Establishment einen überdeutlichen Denkzettel verpasst:...

Israel: Demonstranten fordern Todesstrafe für NAZA-Filmemacher

Tel Aviv - Aktivisten haben in der zentralisraelischen Stadt Savyon vor dem Haus der Eltern der Filmemacherin Rachel Szor...

Meinung

Turkish Airlines erneut zur besten Fluggesellschaft Europas gekürt

London - Türkische Staatsairline klettert in der Skytrax-Gesamtwertung weltweit auf Platz fünf und sichert sich zudem erneut die Krone für das beste Business-Class-Catering. Die türkische...

Erdoğans UN-Rede: Kritik am Sicherheitsrat trifft den Nerv der Zeit

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel US-Präsident Donald Trump drohte vor der UN mit der Vernichtung Irans. Das ist die Art von Diplomatie, bei der selbst...

CHP: Vatandaşlar ile Parti Arasındaki Artan Kopuş

Nabi Yücel Vatandaşlarla partiler arasındaki giderek derinleşen kopuş, Türkiye'nin en köklü partisi CHP üzerinden somut biçimde gözlemlenebilir. Cumhuriyet Halk Partisi, 38. Olağan Kurultay'ın ardından ve...

Araştırma: Dini İnanç, Gençleri Kaygı Bozukluklarından Koruyan Temel Bir Faktör

Almanya - Bochum Ruhr Üniversitesi (RUB) tarafından yürütülen güncel bir araştırma, dini inancın çocukların ve gençlerin ruh sağlığı için kritik bir koruyucu faktör olduğunu...

Rapor: Afrika Gençliği Ruh Sağlığında Dünya Lideri

Londra - Maddi refah, ruh sağlığının garantisi değil. Şubat 2026 sonunda yayımlanan yeni bir küresel rapor, zihinsel esenlik haritasını temelden sarstı. İngiltere, Japonya ve Yeni...