De Volkskrant
Getötete Kinder in Gaza: Pressepreis für Recherche

Die niederländische Zeitung De Volkskrant ist für eine umfangreiche investigative Recherche über die medizinische Lage und Schussverletzungen bei Kindern im Gazastreifen mit dem European Press Prize 2026 ausgezeichnet worden.

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Amsterdam – Die niederländische Zeitung De Volkskrant ist für eine umfangreiche investigative Recherche über die medizinische Lage und Schussverletzungen bei Kindern im Gazastreifen mit dem European Press Prize 2026 ausgezeichnet worden. Die Arbeit mit dem Titel „What the Wounds Are Telling Us“ wurde in der Kategorie „Distinguished Reporting“ prämiert und von der Jury für ihre investigative Tiefe unter extrem schwierigen Bedingungen gewürdigt.

Im Zentrum der Untersuchung stehen Aussagen von 17 internationalen Ärzten und einer Krankenschwester, die seit Beginn des Krieges in verschiedenen Krankenhäusern im Gazastreifen tätig waren. Die von de Volkskrant interviewten Ärzte arbeiteten während des gesamten Krieges in verschiedenen Krankenhäusern und Feldkliniken, darunter Nasser, Al-Aqsa, das Europäische Krankenhaus und Al-Shifa.

Einige arbeiteten mit Ärzte ohne Grenzen (MSF) und mit Organisationen zusammen, die darum baten, nicht namentlich genannt zu werden, da sie befürchteten, dass eine Identifizierung sie daran hindern könnte, ihre Arbeit fortzusetzen. Zu ihnen gehören Allgemeinchirurgen, Orthopäden, Intensivmediziner, plastische Chirurgen, Unfallchirurgen und Notärzte. Einige befanden sich zum Zeitpunkt der Interviews noch in Gaza. Die Zeitung sprach auch mit einer Unfallkrankenschwester mit Kriegserfahrung.

„Dieser Junge wurde in den Kopf geschossen. Ich habe versucht, ihn zu retten. Aber er starb kurz nachdem ich ihn intubiert hatte. Er starb direkt vor meinen Augen.“ Dr. Mimi Syed, Notärztin.

 

Nach Angaben der Mediziner behandelten 15 von ihnen Kinder im Alter von 15 Jahren oder jünger mit jeweils einer einzelnen Schussverletzung im Kopf- oder Brustbereich. Insgesamt berichten die Ärzte von 114 dokumentierten Fällen, von denen viele tödlich verliefen. Die Angaben beruhen auf medizinischen Aufzeichnungen, Bildmaterial sowie persönlichen Beobachtungen aus dem Klinikalltag unter Kriegsbedingungen.

Unter all den Patienten gibt es eine Gruppe, die die Ärzte am meisten schockiert: Kinder mit Schussverletzungen an Kopf oder Brust – deren Körper ansonsten unversehrt sind. Ein einziger Schuss in diese Bereiche ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass das Kind gezielt angegriffen wurde. Das stellt ein Kriegsverbrechen dar. In anderen Konfliktgebieten sind die Ärzte selten auf solche Fälle gestoßen.

Die Ärzte schildern dabei eine extreme Belastung der medizinischen Infrastruktur in den Krankenhäusern. Die Lage in den Krankenhäusern im Gazastreifen, von denen viele weitgehend zerstört sind, ist weitaus schlimmer, als die Ärzte erwartet hatten.

„Ich musste einer Frau mit einer Schere das Bein abtrennen“, sagt die Notärzt Mimi Syed. „Ohne Schmerzmittel. Ich hatte keine andere Wahl.“

In den Stationen liegt der Geruch verbrannter Gliedmaßen schwer in der Luft. „Wir hörten ständig Menschen schreien“, erinnert sich der Rotterdamer Arzt Salih el Saddy.

„In unserem Krankenhaus hatten wir Anästhetika, aber keine Schmerzmittel. Die Patienten wachten nach Amputationen mit extremen Schmerzen auf. Wir konnten nichts für sie tun.“

Die überwiegende Mehrheit der Verletzungen wird durch Bomben- und Granatenexplosionen verursacht: Die Menschen werden von den Druckwellen, der Hitze, umherfliegenden Splittern und einstürzenden Gebäuden getroffen. Splitter reißen sich direkt durch Zelte. Und durch die Körper unzähliger Kinder – die mehr als vierzig Prozent der Bevölkerung Gazas ausmachen.

„Ich habe zahlreiche Kinder gesehen, bei denen Hirnmasse heraushing“, sagt der MSF-Krankenpfleger Jack Latour.

„Es tut mir leid – ich weiß, dass niemand das hören will. Aber genau das passiert hier.“ Als der Chirurg Goher Rahbour zum ersten Mal mit einem Massenunfall konfrontiert wurde, sah er ein fünfjähriges Mädchen ohne Fuß. „Er lag auf dem Boden. Das Kind neben ihr war ebenfalls noch ein Kind. Ihr Bein fehlte ab dem Knie. Dann kam noch eines. Ich erstarrte. Ich dachte: Das ist die absolute Hölle.“

(Foto: Volksgrant)

 

Neben überfüllten Notaufnahmen und akutem Mangel an medizinischem Material berichten sie auch von zerstörter oder unbrauchbarer Technik. In einzelnen Fällen seien Operationssäle beschädigt oder in Brand geraten, während Kabel von Diagnosegeräten durchtrennt worden seien, wodurch eine reguläre Behandlung nur eingeschränkt möglich gewesen sei.

Besonders drastisch sind Berichte aus Operations- und Intensivstationen, in denen medizinisches Personal unter schwierigsten Bedingungen arbeiten musste. Der britische Chirurg Nizam Mamode beschreibt in der Recherche eine Situation, in der ein Kind auf der Intensivstation behandelt wurde, dessen Beatmungsgerät nicht korrekt funktionierte.

Beim Entfernen eines Beatmungsschlauchs habe sich gezeigt, dass dieser verstopft gewesen sei. „Voller Maden“, wird Mamode zitiert, die aus dem Hals des Kindes gekommen seien. Zudem berichten Ärzte, dass sie teilweise Fliegen von offenen Wunden fernhalten mussten, während gleichzeitig mehrere Notfälle gleichzeitig versorgt wurden.

Mehrere der befragten Mediziner berichten von wiederkehrenden Verletzungsmustern, insbesondere einzelnen Schüssen im Bereich von Kopf oder Brust. Forensische Experten, die ausgewählte Bildaufnahmen begutachteten, kommen laut Bericht zu dem Schluss, dass die Verletzungen mit hoher Wahrscheinlichkeit durch Projektile verursacht wurden. Eine abschließende Bewertung der Umstände einzelner Fälle sei jedoch nicht möglich gewesen.

Ein 6- oder 7-jähriges Mädchen mit einer Schusswunde am Kopf.
(Foto: Mimi Syed)

 

Die israelischen Streitkräfte (IDF) weisen Vorwürfe, wie sie in verschiedenen Kontexten im Zusammenhang mit zivilen Opfern erhoben werden, zurück und betonen, dass entsprechende Darstellungen nicht zutreffend seien. Die Untersuchung selbst trifft keine abschließenden Aussagen zur Verantwortlichkeit einzelner Vorfälle, sondern konzentriert sich auf die dokumentierten medizinischen Beobachtungen sowie die Aussagen der beteiligten Fachkräfte.

Der European Press Prize zählt zu den bedeutendsten Auszeichnungen für Journalismus in Europa und würdigt Arbeiten, die sich durch investigative Tiefe und gesellschaftliche Relevanz auszeichnen. Die Jury hob insbesondere hervor, dass die Recherche unter Bedingungen entstanden sei, die klassische journalistische Vor-Ort-Berichterstattung nur eingeschränkt zuließen.

 


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