Gastkommentar
Warum der „nützliche Migrant“ im Sport ein Trugschluss ist

Aras Karasun über die Spaltung in „gute“ und „schlechte“ Migranten im Fußball und warum sportliche Erfolge kein Heilmittel gegen Rassismus sind.

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Ein Gastkommentar von Aras Karasun

Wer wirklich hofft, dass Menschen in Deutschland durch Fußball und den Migrantenanteil in der Nationalmannschaft, gemeinsames Feiern automatisch zusammenfinden, sollte bedenken: Diese Hoffnung gab es bereits bei vielen Weltmeisterschaften, wie etwa in den 80er-, 90er- und auch in den 2000er-Jahren. Auch damals wurde oft angenommen, dass der gemeinsame Sport Rassismus bekämpfen und gesellschaftliche Gräben überwinden könne.

Denn in der Nationalmannschaft spielten schon damals Schwarze und Menschen mit Migrationshintergrund. Zudem gab es schon immer sehr viele Fälle, in denen Spieler mit Migrationsgeschichte nach wichtigen Toren oder starken Leistungen euphorisch gefeiert und hochgelobt wurden.

Ein Blick auf die weltweiten Erfahrungswerte der letzten 100 Jahre zeigt jedoch, dass dieser Mechanismus System hat. Besonders in den USA ließ sich dieses Muster historisch tief verfolgen. Schwarze Sportler wurden dort schon vor ein paar Generationen für ihre Medaillen und Titel gefeiert, aber eben rein leistungsbezogen und extrem selektiv. Sobald sie das Spielfeld verließen, waren sie wieder Bürger zweiter Klasse, die von derselben Gesellschaft diskriminiert wurden, die sie kurz zuvor noch bejubelt hatte.

Niemand hat diesen Widerspruch so radikal auf den Punkt gebracht wie Muhammad Ali. Er wusste und betonte zeitlebens, dass der Applaus der Mehrheitsgesellschaft eine reine Illusion war. Ali hielt der Welt den Spiegel vor, indem er klarmachte: Man liebt den schwarzen Champion auf dem Podium, aber man verachtet den schwarzen Mann auf der Straße und natürlich im #Stadtbild. Er weigerte sich, die Rolle des „guten“ schwarzen Sportlers zu spielen, der für Akzeptanz dankbar sein muss.

Genau diese altbekannte Dynamik sehen wir heute im deutschen Fußball und auch bei dieser WM wieder. Es ist dieselbe zweckorientierte #Nützlichkeitsdebatte. Spieler mit Migrationshintergrund werden nur so lange akzeptiert, wie sie die Leistung bringen, die von ihnen erwartet wird. Bleibt der Erfolg aus, schlägt die Begeisterung erschreckend schnell in rassistische Hetze um.

Gleichzeitig befeuert dieser Mechanismus eine gefährliche Spaltung in „gute“ und „schlechte“ Migranten: Die „Guten“, weil erfolgreichen und nützlichen Sportler, werden gefeiert und als Vorzeigebeispiele genutzt, während sie gleichzeitig gegen diejenigen ausgespielt werden, die keine Spitzenleistungen vorweisen können. Ein solches System bemisst den Wert eines Menschen und sein Recht auf Akzeptanz allein nach seiner Funktion und seinem Nutzen für die Mehrheitsgesellschaft.

Die Vorstellung, dass Fußball und der Migrantenanteil in der Nationalmannschaft das Land irgendwie vereinen und das Rassismusproblem bekämpfen sollen, ist daher leider Wunschdenken. Das Problem des Rassismus ist deutlich tiefgreifender und lässt sich nicht allein durch sportliche Erfolge oder gemeinsame Fußballbegeisterung lösen.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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