Ein Gastkommentar Von Benjamin Idriz
Heute ist der Tag gegen antimuslimischen Rassismus. Ich bin gespannt, ob heute ein hochrangiger Politiker öffentlich den antimuslimischen Rassismus thematisiert.
Aus diesem Anlass möchte ich ein Beispiel aus einer aktuellen deutschen Talkshow aufgreifen. Es zeigt, wie Islamfeindlichkeit – bewusst oder unbewusst – öffentlich befördert werden kann und wie die Angst vor dem Islam industrialisiert wird.
Angst gehört zu den stärksten Gefühlen des Menschen. Doch Angst kann auch künstlich erzeugt, gezielt verstärkt und politisch oder wirtschaftlich genutzt werden. Sie kann zu einem Geschäftsmodell werden. Genau das geschieht vielerorts mit dem Thema Islam.
Kritik am Islam und an Muslimen – wie an jeder Religion – gehört zu einer freien Gesellschaft. Problematisch wird es dort, wo Angst nicht mehr aus Fakten entsteht, sondern systematisch produziert, wiederholt und vermarktet wird. Wo aus Einzelfällen ein Gesamtbild entsteht.
Die Macht der Bilder im Fernsehen
Ich sah – wie Millionen andere – eine politische Talkshow zur besten Sendezeit. Während über den Islam und Muslime in Deutschland diskutiert wurde, zeigte die Regie im Hintergrund Bilder einer Demonstration mit Parolen. Eine Diskussionsteilnehmerin deutete auf diese Bilder und sagte sinngemäß: „So demonstrieren Islamisten auf deutschen Straßen.“
Ich erkannte sofort, dass diese Aufnahmen gar nicht aus Deutschland stammten, sondern aus einem muslimisch geprägten Land. Dennoch widersprach niemand. Der Moderator griff die Aussage nicht auf. Die Redaktion blendete keine Korrektur ein. Die Sendung ging einfach weiter.
Für Millionen Zuschauer war damit eine Botschaft gesetzt: So sieht Deutschland aus.
Die wenigsten Menschen werden nach der Sendung recherchieren, woher diese Bilder tatsächlich stammten. Sie vertrauen darauf, dass eine öffentlich ausgestrahlte Sendung sorgfältig recherchiert wurde. Bilder besitzen eine Macht, die Worte oft nicht haben. Sie prägen unser Gedächtnis, erzeugen Gefühle, und Gefühle werden später häufig mit Wirklichkeit verwechselt.
Es braucht nicht einmal eine bewusste Lüge. Manchmal genügt eine falsche Bildauswahl, eine ungenaue Formulierung oder eine fehlende Einordnung. Aus einem Ereignis irgendwo auf der Welt wird im Kopf vieler Zuschauer eine Realität vor der eigenen Haustür.
Wenn das Extreme zur Normalität wird
Das Gefährliche daran ist nicht der einzelne Fehler. Das Gefährliche ist die ständige Wiederholung.
Tag für Tag erscheinen Meldungen über Extremismus, Kriege oder Gewalt. Sobald Muslime beteiligt sind, entsteht schnell der Eindruck, dies sei typisch für den Islam. Gleichzeitig bleiben Millionen friedlicher Muslime unsichtbar. Niemand berichtet darüber, dass sie morgens zur Arbeit gehen, ihre Kinder zur Schule bringen, sich ehrenamtlich engagieren, Steuern zahlen, Kranke pflegen, Unternehmen führen, Nachbarn helfen oder gemeinsam mit Christen, Juden und Menschen ohne Religion das gesellschaftliche Leben gestalten.
Das Normale ist keine Nachricht. Das Extreme schon. So entsteht ein verzerrtes Bild.
Der wirtschaftliche und politische Nutzen der Angst
Hinzu kommt ein wirtschaftlicher Mechanismus: Angst verkauft sich. Schlagzeilen über Bedrohungen erzeugen Aufmerksamkeit. Videos mit Empörung werden häufiger angeklickt. Bücher über angebliche Gefahren verkaufen sich besser als Bücher über gelingendes Zusammenleben.
In sozialen Netzwerken belohnen Algorithmen vor allem Inhalte, die starke Emotionen auslösen. Wut, Angst und Empörung verbreiten sich schneller als Sachlichkeit. Je größer die Angst, desto höher die Reichweite. Je höher die Reichweite, desto größer der wirtschaftliche Gewinn.
Auch politisch ist Angst ein wirksames Mittel. Wer Menschen verunsichert, kann ihnen einfache Antworten anbieten. Komplexe Probleme wie Migration, Integration oder gesellschaftlicher Wandel werden dann auf eine einzige Ursache reduziert: den Islam. So wird der Islam zum Sündenbock.
Dabei geraten die tatsächlichen Ursachen aus dem Blick: soziale Ungleichheit, fehlende Bildung, politische Fehler, internationale Konflikte, Einschränkungen demokratischer Prinzipien oder wirtschaftliche Krisen. Ein Sündenbock hat einen Vorteil: Wer einen Schuldigen gefunden hat, muss die Wirklichkeit nicht mehr differenziert betrachten.
Besonders tragisch ist, dass Extremisten auf beiden Seiten voneinander leben. Beide brauchen einander. Beide nähren sich gegenseitig. Beide leben davon, dass Brücken zerstört werden. Die große Mehrheit friedlicher Menschen wird dabei zwischen den Fronten aufgerieben.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
ZUM AUTOR

Benjamin Idriz dürfte der einzige Imam Deutschlands sein, der promovierter islamischer Theologe ist und zugleich auf deutsch schreibt. Beides – die Praxisbezogenheit des Seelsorgers und die wissenschaftliche Vertrautheit mit den Quellen – zeichnet sein neues Buch aus. Mit diesen Qualitäten ragt es aus einer wahren Flut von Veröffentlichungen aller Art über die „Frauenfrage“ im Islam wohltuend heraus.
Der Autor ist seit vielen Jahren weit über die oberbayerische Kleinstadt Penzberg, wo er als Imam wirkt, und über München, wo er das „Münchner Forum für Islam“ initiiert hat, bekannt: Sein Wirken und Schaffen gilt einem authentischen Islamverständnis, das mit den Wertvorstellungen der deutschen und europäischen Gesellschaft unserer Zeit nicht nur kompatibel ist, sondern die gemeinsamen Werte aus den Quellen des Islams – dem Koran und der Tradition der Propheten – ableitet.
Buch: Wie verstehen Sie den Koran, Herr Imam?: Grundgedanken für einen Islam heute und hier
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