Türkei-Besuch
Wirtschaftsministerin Reiche: „Wir brauchen die Türkei“

Inmitten schwerer geopolitischer Verwerfungen setzt die Bundesregierung auf eine drastische Vertiefung der wirtschaftlichen und strategischen Allianz mit Ankara.

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Ankara / Berlin – Inmitten schwerer geopolitischer Verwerfungen setzt die Bundesregierung auf eine drastische Vertiefung der wirtschaftlichen und strategischen Allianz mit Ankara.

Bei ihrem ersten offiziellen Besuch in der türkischen Hauptstadt am vergangenen Freitag fand Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) deutliche Worte für die Neuausrichtung der bilateralen Beziehungen: „Wir brauchen die Türkei als verlässlichen Handelspartner, aber auch zur Erreichung gemeinsamer politischer Ziele.“

Begleitet von einer 30-köpfigen Delegation aus hochrangigen Wirtschafts- und Branchenvertretern leitete Reiche in Ankara die sechste Sitzung der Deutsch-Türkischen Gemeinsamen Wirtschafts- und Handelskommission (JETCO) sowie das siebte Deutsch-Türkische Energieforum.

Angesichts globaler Krisen – wie dem anhaltenden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und den massiven Lieferengpässen nach der Schließung der Straße von Hormus – positioniert sich der NATO-Alliierte Türkei zunehmend als unverzichtbare logistische und energetische Lebensader für Europa.

Milliarden-Investitionen: Deutsche Wirtschaft will ein Stück vom Kuchen

Die wirtschaftliche Ausgangslage ist trotz einer schwindelerregenden Inflation und Leitzinsen von über 30 Prozent in der Türkei von enormer Dynamik geprägt. Deutschland ist bereits der größte Handelspartner des Landes; rund 8.600 deutsche Unternehmen sind am Bosporus aktiv. Nun stehen die Zeichen auf massivem Ausbau.

Ankara plant, in den kommenden neun Jahren astronomische Summen zu investieren: Rund 80 Milliarden Euro sollen in erneuerbare Energien fließen, weitere 28 Milliarden Euro in den Ausbau der Netze und Infrastruktur. „Die Türkei ist im Bereich der Energie ganz klar auf Wachstum orientiert“, betonte Reiche nach Gesprächen mit dem türkischen Handelsminister Ömer Bolat und Finanzminister Mehmet Simsek. Dieses Wachstum soll als Impulsgeber für die derzeit lahmende deutsche Wirtschaft dienen.

Konkrete Großprojekte wurden am Rande des Forums bereits besprochen:

Uniper: Der deutsche Energieversorger plant laut Geschäftsführer Michael Lewis den verstärkten Einstieg in den internationalen Erdgashandel sowie in die Verteilung von Erdgas direkt in der Türkei.

Siemens Energy: Europa-Chef Frederik Doyé sieht enorme Potenziale beim Ausbau des türkischen Stromnetzes, das als nachhaltige Ost-West-Verbindung zwischen Zentralasien und Europa fungieren soll.

Die neue Energie-Drehscheibe: Unabhängigkeit von Russland im Fokus

Die Türkei positioniert sich strategisch als zentrales Bindeglied für Gas, Öl und Strom zwischen dem Nahen Osten, dem Schwarzen Meer, Zentralasien und Südosteuropa. Türkische Delegationskreise sprechen bereits ambitioniert davon, das Land als sichere, krisenfeste Alternative zum Persischen Golf zu etablieren – quasi als ein „zweites Dubai am Bosporus“.

Diese Entwicklung birgt jedoch geopolitischen Zündstoff. Bislang bezieht die Türkei rund 40 Prozent ihres Erdgases über die Turkstream-Pipeline aus Russland. Die Europäische Union drängt den Beitrittskandidaten vehement dazu, diese Abhängigkeit aufgrund des Ukraine-Kriegs zu beenden.

Der türkische Energieminister Alparslan Bayraktar signalisierte zwar Bereitschaft zur Diversifizierung, schloss neue Projekte mit Moskau jedoch nicht explizit aus. Für deutsche Konzerne wie Uniper ist das russische Gas im türkischen Netz ein regulatorisches Problem: Um vollumfänglich kooperieren zu können, muss die Türkei eine lückenlose Zertifizierung nachweisen, die den EU-Sanktionen entspricht.

Als Alternativen treibt Ankara den Ausbau von Flüssiggas-Lieferungen (LNG) per Tankschiff aus den USA sowie die Erschließung eigener Ressourcen voran. Das neu angezapfte, riesige Gasfeld im Schwarzen Meer spielt dabei eine Schlüsselrolle. Zudem sollen die Liefermengen aus Aserbaidschan, die über Pipelines bis nach Italien führen, drastisch gesteigert werden.

Rohstoff-Allianz und „komplizierte Themen“

Neben fossilen Energieträgern vereinbarten Reiche und Bayraktar eine Erweiterung der seit 2012 bestehenden Energiepartnerschaft auf den Bereich kritischer Mineralien und seltener Rohstoffe. „Die Energiewende kann gelingen, wenn wir gemeinsam Zugriff auf kritische Mineralien haben“, erklärte die Wirtschaftsministerin.

Überschattet wird die geopolitische Annäherung von anhaltenden Streitpunkten. Während die brisante Frage um die Gasvorkommen vor Zypern – wo die Türkei eine Pipeline beansprucht, die von der EU und der Republik Zypern zurückgewiesen wird – öffentlich ausgespart wurde, kam die innenpolitische Lage der Türkei zumindest am Rande zur Sprache.

Angesprochen auf Repressionen gegen die türkische Opposition stellte Reiche klar, dass man auch komplizierte Themen besprechen werde – „aber bestimmt nicht kurz vor Abflug und nicht ins Mikrofon.“

Zum Auftakt ihres Besuchs legte die Ministerin am Atatürk-Mausoleum in Ankara einen Kranz nieder und würdigte den Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk mit einem Eintrag im Gästebuch.

 


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